Jammernde Kulturpessimisten

von Christoph Koch27.10.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Entlarvende Partyfotos, sinnbefreite Kurznachrichten – viele Argumente werden gegen Facebook ins Feld geführt. Doch es geht nicht um den Ersatz der Freundschaft. Soziale Netzwerke ermöglichen es, mit immer mehr Menschen einen losen Kontakt zu pflegen. Der klassischen Weihnachtskarte sind sie allemal überlegen.

Egal, ob anlässlich des Kinofilms, der Einführung einer neuen Ortungsfunktion oder dem Streich, bei dem sich ein Blogger auf Facebook als Google-Chef Eric Schmidt ausgab – immer wenn das größte soziale Netzwerk der Welt in den Schlagzeilen ist, geht augenblicklich das Gezeter los: Niemand auf der Welt könne Hunderte von Freunden haben, wo käme man denn da hin! “Das Facebook” sei eine durchweg oberflächliche Veranstaltung, die mit ihrem Tempo unsere Gehirne zu Grütze und unsere guten Ohrensesselgespräche zu leerem Blabla mache. Und die ahnungslosen jungen Leute erst, die ihre Partyfotos online stellen – nicht ahnend, dass eines Tages die Personalchefs dieser Welt sie deswegen nicht einstellen.

Ängstlicher, uninformierter Unsinn

So lauten die häufigsten und immer gleichen Klagen – und leider sind sie alle großer, ängstlicher, uninformierter Unsinn. Nicht, dass es an Facebook nichts zu kritisieren gäbe (Stichworte: AGB, Privatsphäre, Farmville-Terror) – aber wer allen Ernstes behauptet, Facebook zerstöre die echte Freundschaft, fördere ungesunden Exhibitionismus oder könne dies und jenes “niemals ersetzen”, hat nicht verstanden, dass es darum gar nicht geht. Es geht um eine lose, unverbindliche Art, miteinander in Kontakt zu bleiben, sogenannte weak ties, schwache Bindungen. Damon Darlin beschrieb diese Bindungen gerade in der New York Times sehr treffend mit dem Ritual der Weihnachtskarten: Man verschickt sie auch an Menschen, die man nicht regelmäßig sieht, mit denen man aber dennoch in loser Verbindung bleiben will. Denen man signalisieren möchte: Mir liegt etwas an dir – aber wir haben beide trotzdem nicht die Zeit, jedes Wochenende stundenlang Kaffee zu trinken. Diese losen Bindungen gab es schon immer, über sie – nicht über unsere allerbesten Freunde – finden wir Wohnungen und neue Jobs. Durch das Internet und Facebook ist es einfach nur leichter geworden, diese Bindungen zu pflegen, und zwar auf einem deutlich weniger oberflächlichen Niveau als den Texten auf den meisten Weihnachtskarten. Was die angeblich exhibitionistisch veranlagten Jugendlichen betrifft, die im Internet so gar keine Hemmungen kennen sollen: “Generationen unterscheiden sich”, schreibt Clay Shirky in seinem sehr lesenswerten Buch “Cognitive Surplus”, “aber weniger, weil die Menschen unterschiedlich sind, sondern weil die Möglichkeiten es sind.” Mit anderen Worten: Wer heute erwachsen ist, hat nur deshalb keine albernen Partyfotos auf Facebook veröffentlicht, weil es in seiner Jugend technisch noch nicht möglich war. Und diesen mysteriösen Personalchef, der dem ansonsten perfekten Kandidaten nur wegen eines bierseligen Fotos die Tür weist, muss bitte auch erst mal jemand finden – statt ihn immer nur vage an die Wand zu malen.

Technikfeindlichkeit gab es schon immer

“Die Vertrautheit der Nachbarschaft ist zerschlagen worden durch das Wachstum eines komplizierten Netzes von weit entfernten Kontakten.” So klagt der US-Soziologe Charles Horton Cooley. Spricht er von Facebook? Nein, denn der Satz stammt aus dem Jahr 1912: Es ist das gute alte Telefon, das dem Mann solche Angst macht. Heute können wir über seinen Horror vor dem Hörer lachen – über das Facebook-Gejammer werden wir es in ein paar Jahren auch können. Auch wenn es denkbar ist, dass bis dahin schon ein neues, nutzerfreundlicheres Online-Netzwerk seinen Platz eingenommen hat. Verschwinden wird diese Art zu kommunizieren, Bekanntschaften zu pflegen und das soziale Kapital zu organisieren jedenfalls nie mehr. Zum Glück.

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