Scheitern an Platon

Christoph Klotter30.07.2014Gesellschaft & Kultur

Das, was ist, ist kein Trost – weshalb ein genussvolles und gemütliches Einrichten in dieser Welt nicht in Frage kommt und das Streben nach dem vollkommenen Körper zur Maxime wird.

Wenn wir über den Körper nachdenken, wenn wir über ihn schreiben, dann beginnen wir mit der Kampfzone des Körpers, indem wir in Europa unterscheiden zwischen Geist und Körper und indem wir davon ausgehen, dass Geist/Seele dem Körper gegenüberstehen und zwar in einem Hierarchieverhältnis: Geist/Seele sollen den Körper bändigen. Sie sind der Herr über den Sklaven, der sich Leib oder Körper nennt. Sie sind der Wagenlenker, und der Körper ist das Gespann der Rosse. Und wehe, letztere wiehern zu lauten, begehren auf, bewegen sich in eine andere Richtung als gewünscht, haben einen eigene Willen, bleiben einfach stehen. Kurzum, wir denken das Seele-Körper-Verhältnis magisch: Die Gedanken regieren Materie, den Körper, oder sollen ihn regieren.

Primat des Geistlichen

Pythagoras ist der erste in Europa, der die Idee der (unsterblichen) Psyche kreiert, die sich vom Leib grundsätzlich unterscheidet, und der der Seele das Primat zuspricht. Platon zementiert die fundamentale Dichotomie von Leib und Seele. Für ihn ist der Körper der Kerker der Seele. Und: Der natürliche Körper kann nie so schön sein wie die Idee von Schönheit. Nur die Ideen sind vollkommen, niemals das empirisch Vorfindbare.

Damit beginnt ein unlösbares Ringen des _Besitzers_ des empirischen Körpers um das Erreichen der Idee des Schönen. Scheitern ist unausweichlich, der Körper unentrinnbar im Kampf verloren. Europäische Menschen ringen dennoch weiter, um der Idee der Schönheit zu huldigen und sich damit der europäischen Kultur zugehörig zu fühlen. Deren letztes Ziel ist die Anerkennung des Primats des Geistigen.

Damit wird verwiesen auf eine Transzendenz: Es gibt mehr als nur den Körper, es gibt mehr als die Materie, es gibt mehr als diese Welt. Es kann gar nicht sein, dass es nur diesen Körper und diese Welt gibt. Beide sind so unermesslich anfällig und genügen nicht unserer narzisstisch inspirierten Hybris. Der menschliche Körper ist das Symbol des Siechtums, des sichtbaren Verfalls, nach einer kurzen und vergänglichen Blüte. Damit wollen wir uns niemals zufrieden geben. Das, was ist, ist kein Trost. Nicht für die Europäer. Mit dem Streben nach Transzendenz, wie auch immer sie aussehen möge, ist implizit die Weltentwertung bis hin zur gnostischen Weltverachtung mit gedacht. Ein genussvolles und gemütliches Einrichten in dieser Welt ist damit Frevel und gotteslästerlich. Wir müssen die Seele nähren und nicht den Körper, predigt Platon. Wer im Diesseits satt und zufrieden einschläft, vermag nicht mehr zum fernen Gott aufzusteigen, meinen die Gnostiker. Der Mensch vergisst, was die Katharer gelehrt haben: Wir sind nicht von dieser Welt, und die Welt ist nicht von uns.

Diesem von Platon konzipierten Grundverhältnis von Geist / Seele und Körper entkommen wir im Abendland nicht. Wir entrinnen ihm auch nicht auf der gedanklichen Ebene. Es sind die Grundkategorien unseres Denkens. Versuche im Rahmen der Psychosomatik, dies anders zu denken, sind entweder kläglich gescheitert oder unerhört geblieben.

Glaube an die Götter

Dennoch lässt dieses Grundverhältnis einiges zu, so das beharrliche und letztlich uneinsichtige menschliche Bestreben, dem empirischen Körper den güldenen Glanz des idealen Körpers zu verleihen – eine trotzige Reaktion gegen die Allgewalt der Dichotomie von Seele und Körper. Die geometrischen Formen der frühantiken Plastiken, die Gymnasien als Ort des körperlichen Trainings, die gestählten Körper der Gladiatoren zeugen hiervon. Fast wäre zu vermuten, dass die Götter dieses Streben dulden, als erwiese sich nicht auch darin die implizite Anerkennung der Welt der Ideen, indem diese auf Erden umgesetzt werden sollen. Im Streben nach dem vollkommenen Körper offenbart sich der Glaube an die Götter. Daher ist es kurzsichtig, die Models von heute und die Body Builder als Sklaven materieller Immanenz zu begreifen. Der gestählte Bizeps steht dem Gang nach Rom in gewisser Weise in nichts nach.

Dennoch ist es schwierig, eine lineare kontinuierliche Linie von der frühantiken Plastik zum heutigen Laufsteg auf den Modemessen zu ziehen. Dies hat verschiedene Gründe.

Durch das Verblassen des christlichen Glaubens in den letzten Jahrhunderten, durch dessen Ersetzen durch politische Utopien wie Sozialismus und Kommunismus, durch deren prinzipielles Scheitern sind Konzepte jenseitiger und diesseitiger Transzendenz grundsätzlich geschwächt worden. Die potenzielle Unerreichbarkeit Gottes und die potenzielle Unmöglichkeit, auf Erden ein Paradies wie die klassenlose Gesellschaft zu errichten, führen zwangsläufig zu Umorientierungen. Eine hiervon wäre die Zurückbindung religiöser und politischer Motive an das Nächste, den eigenen Körper. Er soll zur Erlösung dienen. Mit und durch ihn sollen wir geheilt werden. Die 68er Generation erkor hierzu den sexuellen Körper, den es zu befreien galt. Heute versuchen wir Erlösung über Gesundheit und Ernährung. Ob der Körper zur Erlösung taugt, sei dahin gestellt.

Die Norm verändert sich per Definition ständig

Das Model unserer Tage ist in einer anderen Perspektive von der Venus von Milo weit entfernt. Ihr Leib ist gleichsam zerfetzt von dem, was Michel Foucault „Disziplinarmacht“ nennt. Die feudale ständische Ordnung wurde in der Moderne ersetzt unter anderem durch die Normierung. Die als bedrohlich wahrgenommene Massengesellschaft sollte durch Normierung strukturiert werden, etwa durch die Gewichtsnorm. Diese legt, historisch sehr variabel, fest, was zu einem bestimmten Zeitpunkt ideal sein soll. Alle, die von der Norm abweichen sind einerseits defizient, andererseits haben sie eine Verortung in der Gewichtsverteilung. Jeder und jede hat seinen oder ihren Platz. So soll Ordnung und Frieden auf Erden herrschen – wenn nicht die Norm per Definition sich ständig verändert und niemand ihr letztlich genügen kann. So scheitern wir entweder an der Platonischen Idee des Schönen oder an der Unmöglichkeit, die Norm zu erfüllen.

Und die, die gar nicht antreten zum Schönheitswettbewerb, oder denen die Norm fremd bleibt, diese sind die echten missachteten Außenseiter unserer Gesellschaft.

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