Wie Gott ihn nicht schuf

von Christoph Klotter7.10.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Das Streben nach dem idealen schlanken Körper gleich einem kollektiv gelebten Masochismus. Er ist der Versuch, sich Gott anzunähern. Und auch deshalb zum Scheitern verurteilt.

Das Abendland wird seit rund 2.500 Jahren von einer zentralen Tugend bestimmt: der Mäßigung. Nur wer seine innere Natur zu beherrschen vermöge, sei in der Lage, ein besonnener Bürger zu sein und neige nicht zur Tyrannei. Das Christentum übernimmt die Idee der Mäßigung und transformiert sie in den Sündenbegriff. Augustinus bekennt, dass er zwar der Sexualität entsagen konnte, beim Essen hingegen sei es schwierig, nur das Notwendige zu verzehren.

Die Gnosis, eine Unterströmung des Christentums, basiert auf einem radikalen Dualismus zwischen gutem Geistigen und böser Materie, der es zu entsagen gilt. So waren fast alle gnostischen Gruppierungen in den letzten 2.000 Jahren asketisch und vegetarisch orientiert. Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias ist zwar umstritten, sein zentraler deskriptiver Befund jedoch nicht: Seit dem Mittelalter etabliert sich in Europa eine zunehmende Affekt- und Selbstkontrolle. Eine schlanke Figur repräsentiert diese.

Unsere Körper sind nicht genug

Der Aufgeklärte Absolutismus entdeckt, dass die Stärke der Nation von einer hinreichend gesunden Bevölkerung abhängt. Weder sollten die Arbeiter in den Manufakturen von Krankheiten geschwächt sein, noch sollten die Soldaten mit einer schlechten körperlichen Konstitution die nächste Schlacht verlieren. Der Aufgeklärte Absolutismus und in der Folge die moderne Demokratie versuchen daher nicht nur strukturell den allgemeinen Gesundheitszustand zu verbessern (Hygiene, medizinische Versorgung), vielmehr gehen sie davon aus, dass es die Pflicht der Bürger sei, sich um seine Gesundheit zu kümmern.

Gesundheit und Schlankheit sind in diesem Kontext Synonyme. Die individuelle Gesundheit wird damit enteignet, quasi verstaatlicht. Kulminationspunkt dieser Entwicklung war der Nationalsozialismus, für den das Leben des einzelnen in keiner Weise zählte, die Volksgesundheit hingegen mit an oberster Stelle stand, für die etwa der Reichsvollkornausschuss sich verantwortlich zeichnete.

Die gnostisch inspirierten Alternativbewegungen der letzten 200 Jahren setzen sich vom spitzbäuchigen weltverfallenen Kleinbürger mit einem schlanken Körper ab. So können wir uns keinen wohlbeleibten Linksterroristen vorstellen. Gudrun Ensslin zeigt in einem Film ihren dünnen nackten Oberkörper, nicht anders Andreas Baader, der auf Fotos offenbar stolz seinen dünnen Bauch präsentiert. Der im Hungerstreik gestorbene Holger Meins stellt so gleichsam die Karikatur des linken Schlankheitsideals dar. Ihm korrespondiert der Heroin-Schick der Models auf dem Laufsteg in einer radikalen Paradoxie von Weltbejahung (Fashion) und Weltverneinung.

Die Maße der Moderne

Das magersüchtige Model ist wiederum die Karikatur unserer sogenannten Leistungsgesellschaft oder auch ein verkörperlichter Mythos derselben. Im und mit dem Model verweist unser Wirtschaftssystem auf seine potenzielle Entgrenzung: Es ist nie genug. Es gibt immer ein Weiter. (Rudi Dutschke sagt am Grab von Holger Meins: „Holger, der Kampf geht weiter – das Weiter eint unsere Gesellschaft“). Warum sollte dies vor dem Körper haltmachen, dieser Substanz, die so wunderbar formbar ist und so Träger der Idee der Naturbeherrschung und des Machbarkeitsmythos der Moderne ist?

Die Moderne wagt ein deutliches Mehr an Demokratie, Freiheits- und Menschenrechten, was wir nie vergessen sollten. Zugleich greifen neue Restriktionen, etwa die von Foucault beschriebenen Machttechnologien, so die der Normierung, zum Beispiel des Körpers. Das Erstaunliche daran ist, wie geflissentlich und akribisch wir uns den normativen Erwartungen unterwerfen. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass wir uns als gute Bürger wähnen, wenn wir Normen erfüllen und von den Mitmenschen geachtet werden, wenn wir also unserem narzisstisch gefütterten Ich-Ideal folgen, sondern auch damit, dass uns allzuviel Freiheit möglicherweise Angst macht. Individualisierung provoziert eine Normierung, die uns wieder gleich, ununterscheidbar macht (wie der Tod). Wir gehen erleichtert unter in der namenlos machenden Masse.

Wenn Kant Aufklärung als den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit definiert und dies zum Leitbild unserer Epoche erklärt, wenn der Glaube an den Mythos des schlanken Körpers, wenn die so eilfertige wie blinde kollektive Unterwerfung unter das Schlankheitsideal diesem Leitbild grundsätzlich widerspricht, dann muss festgehalten werden, dass das Projekt der Moderne in sich selbst gebrochen ist.

Vergebliche Versuche, dem Körperideal zu entsprechen

Mit dem Denken Horkheimers und Adornos ließe sich vermuten, dass die Rationalisierung von Weltbildstrukturen umschlägt in neue/alte Mythen. Der von der Aufklärungsphilosophie nicht suspendierte, aber aus der philosophischen Argumentationsfigur ausgeschlossene Gott wurde ersetzt durch den Götzendienst, der sich heute Streben nach dem Schlankheitsideal nennt.

Das im Aufgeklärten Absolutismus formulierte Motto, jeder möge nach seiner Facon glücklich werden, nach seinem Zuschnitt, nach seiner persönlichen Verfassung (Friedrich II), trifft heute zwar auf den sich lichtenden Gottesglauben zu, nicht aber auf den eben erwähnten Götzendienst. Da gilt vordergründig nur eine Facon, die, so gesetzlos und entgrenzt der Dienst am Götzen nun einmal historisch ist, zu zahlreichen Überzeichnungen und Varianten führt: Anorexia nervosa, Anorexia athletica, Bulimia nervosa, Orthorexia nervosa, um die klinisch wahrgenommenen Phänomene zu benennen. Dieser Götzendienst gibt daher nur vermeintlich Orientierung, Form und Halt. In und mit ihm wird die moderne Art der Verzweiflung geboren: sich an sich nichts mehr halten können, gerade beim Versuch, Halt zu finden. Im Götzendienst ist alles entäußerlicht. Die vergeblich zu erreichende Form lächelt blind in die Leere des Nichtexistierens.

Sich Gott annähern

Die Verzweiflung aufgrund der Haltlosigkeit ist das eine, die aufgrund der Vergeblichkeit das andere. Alleine von der Konstitution her gelingt den meisten Menschen keine Realisierung des Idealkörpers: zu breite Hüfte, eine Fettverteilung, die dem Ideal nicht entspricht, zu kleiner Körperwuchs, etc. Unser Alltag ist außerdem technisiert, wir müssen uns kaum mehr bewegen; wir leben im Überfluss – Gründe, weswegen die schlanke Linie permanent bedroht ist. Die empirischen Daten weisen zudem darauf hin, dass langfristiges Abnehmen fast niemandem gelingt. Diäten sind rational vollkommen sinnlos. So lässt sich das Streben nach dem idealen schlanken Körper als kollektiv gelebter Masochismus interpretieren. Die Frage verbleibt, warum dem so ist.

Ist dieser Masochismus die Fortsetzung des römisch-katholischen Ablasshandels mit anderen Mitteln? Winkt mir eher göttliche Gnade, wenn ich in diesem Leben gelitten habe? Im Sinne des Kirchenvaters Augustinus ist die Sünde (auch des Essens) notwendig, um die unendliche Gnade von Gott erfahren zu können. Es bedarf des Fehltritts, des Scheiterns – etwa beim Versuch, einen idealen Körper zu kreieren – um bewiesen zu haben, sich Gott angenähert zu haben – aber eben nur angenähert, denn der Mensch ist kein Gott.

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