Ich war der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik. Joschka Fischer

Auf zu neuen Ufern

In der FDP entsteht gerade eine Graswurzelbewegung unter dem Siegel einer Kampagne mit dem schönen Titel FDP Liberté. Die Geschichte dahinter ist ein Beispiel für das Versagen von Parteiführern – nicht nur in der FDP – und zeigt auf, wie die Basis in Zukunft auch in den etablierten Parteien ihre Rolle finden kann.

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Hasso Mansfeld ist seit vielen Jahren nachweislich erfolgreicher Kommunikationsberater. Mit einigen frühen Kampagnen konnte er gleich mehrfach den deutschen PR-Preis gewinnen, heute zieren namhafte nationale und internationale Kunden seine Referenzliste. Er ist außerdem, man traut es sich in diesen Tagen kaum zu schreiben, seit etwa einem Jahrzehnt überzeugtes FDP-Mitglied und für diese Stadtratsmitglied in Bingen. Man könnte meinen, dass die Spitzenpolitiker der Liberalen ein gewisses Interesse daran haben müssten, die Fähigkeiten des PR-Profis für die eigene Partei nutzbar zu machen. Doch weit gefehlt: Über Jahre wurden die Angebote von Mansfeld, sich ehrenamtlich mit seinen Fähigkeiten auch über die kommunale Ebene hinaus einzubringen, immer wieder abgelehnt oder im besten Falle schlicht ignoriert, nun aber kommt man um ihn nicht mehr herum. Die Geschichte dahinter ist sinnbildlich dafür, wie Politik in der Vergangenheit funktioniert hat – und wie sie in der Zukunft funktionieren wird. Egal ob das den Führungsspitzen der etablierten Parteien nun passt oder nicht.

„Liberté“ alleine kann die Partei auch nicht retten

Mansfeld ist schon seit einigen Wochen einer von den wenigen, der sich mit aller Macht gegen die allgemeine politische Stimmung auflehnt, und trotz heftigen Gegenwinds immer wieder deutlich macht, dass er die FDP für unverzichtbar hält und zu ihr stehen will. Ich selbst habe mich vor einigen Wochen aus persönlichen Gründen für einen anderen Weg entschieden, habe aber großen Respekt vor jedem, der mit Überzeugung weiterhin innerhalb der FDP für einen Neuanfang kämpfen will. Vor einigen Tagen nun gründete Hasso Mansfeld die Initiative „FDP Liberté“, die mit eingängigen Kampagnenmotiven wie „Liberté statt Lafontaine“ oder „Tolerance statt Moralapostel“ zunächst im Netz, dann in Medien wie der „Welt“ und am Ende auch an der Spitze der FDP für Aufsehen sorgte. Inzwischen deutlich über 1.000 Fans diskutieren auf der gleichnamigen Facebook-Page die Motive und ihre Aussagen sowie Inhalte, mit denen der Liberalismus wieder nach vorne kommen kann und bringen eine große Zahl kreativer eigener Vorschläge für Kampagnen ein. Die ersten Motive wurden nun von der FDP im Saarland übernommen, die Parteibasis zeigt eine Lebendigkeit, die man nicht mehr vermutet hätte – und die mehr Wirkung entfaltet als jede Initiative der Parteistrategen in den vergangenen Monaten.

Die Frage, ob diese Kampagne nun die FDP retten kann, die Günther Lachmann von der „Welt“ aufwirft, ist zwar ganz klar zu verneinen. Noch nie hat eine Kampagne alleine langfristigen Erfolg oder Misserfolg einer Partei bestimmt, sondern immer eine Mischung aus Personen, Inhalten und vor allem Glaubwürdigkeit. Mansfelds Initiative zeigt allerdings klar auf, was die Partei in die Krise geführt hat – und was der einzige Weg sein kann, sie aus dieser wieder herauszubringen. Es sind diejenigen – die Westerwelles und Niebels, die Homburgers und Piepers – die die Partei in den vergangenen Jahren geführt haben, die für den grandiosen Niedergang der Partei verantwortlich zeichnen. Die Basis hat nichts falsch gemacht, außer dass sie vielleicht zu lange geschwiegen hat. Zu viel Macht für Einzelne zeichnet regelmäßig den falschen Weg vor. Das sollten gerade Liberale wissen. Die Parteibasis – und das gilt sicherlich für andere Parteien ähnlich – ist tendenziell ehrlicher und glaubwürdiger und kein bisschen blöder als die an der Spitze; nur eben weniger mächtig.

Mit Crowdsourcing zum Erfolg

Die FDP sollte aus den Erfahrungen ebenso lernen wie alle anderen Parteien auch. Anstatt der eigenen Basis mit Misstrauen gegenüberzutreten, bietet es sich an, diese und sogar sympathisierende Nicht-Parteimitglieder einzubinden und deren Ideen aufzunehmen. Crowd Sourcing nennt man diesen Ansatz in der Wirtschaft und auch in der Politik wurde dieser durchaus schon erfolgreich getestet, nämlich von der Piratenpartei, die die Kampagnenmotive für ihren äußerst erfolgreichen Berlin-Wahlkampf auf diesem Wege entwickelt haben. Auch darüber hinaus sollte ein entsprechendes Denken in der Politik um sich greifen; Island hat damit bei der Überarbeitung seiner Verfassung, die mit einem Augenzwinkern auch hin und wieder „Facebook-Verfassung“ genannt wird, beste Erfahrungen gemacht. Denn nicht immer sind diejenigen mit den guten Ideen bereit, so lange dafür zu kämpfen gehört zu werden, wie es Hasso Mansfeld getan hat.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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