TschĂŒss, Pegida. Und nun?

von Christoph Giesa22.01.2015Gesellschaft & Kultur

Pegida wird bald wieder verschwunden sein. Der ausbleibende Erfolg und die VorwĂŒrfe gegen Lutz Bachmann beerdigen die Bewegung. Aber was, wenn sie unter anderem Namen zurĂŒckkommt?

„Wir sind keine Nazis!“ ist vermutlich neben „LĂŒgenpresse“ der meist zitierte Ausspruch der Pegida-Demonstranten. Wenn die Demonstranten das wirklich ernst meinen, mĂŒssen sie spĂ€testens am kommenden Montag der Veranstaltung in Dresden und ihren Ablegern anderswo fernbleiben.

Die VorwĂŒrfe gegen den Initiator Lutz Bachmann, die dieser bisher noch nicht einmal zu entkrĂ€ften versucht hat, wiegen einfach zu schwer: Als “„Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“”:http://www.bild.de/politik/inland/pegida/chef-lutz-bachmann-hitler-foto-und-auslaender-beleidigungen-bei-facebook-39430448.bild.html soll er FlĂŒchtlinge bezeichnet haben. Wer nun meint, immer noch an der Seite des mehrfach vorbestraften, gesellschaftlich als gescheitert zu bezeichnenden Pegida-„FĂŒhrers“ mitmarschieren zu mĂŒssen, darf sich ĂŒber Vergleiche mit den 1930ern wirklich nicht mehr wundern.

Auch ansonsten ist das Mobilisierungspotenzial der Bewegung an ihre Grenzen gekommen. Selbst im Vergleich zu den Landtagswahlen in Sachsen konnte sie nur eine ĂŒberschaubare Zahl von Menschen “mobilisieren”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/9394-pegida-dem-hass-keine-chance, der Sprung in andere StĂ€dte hat ĂŒberhaupt nicht funktioniert, sondern im Gegenteil deutlich grĂ¶ĂŸere Gegendemonstrationen provoziert. Pegida wird also aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Das Gedankengut dahinter wird allerdings weiter existieren – und die Frage stellt sich: Was machen wir eigentlich, wenn es zurĂŒckkommt? Und zwar besser organisiert, nicht mit einem unkontrollierten Versager an der Spitze, sondern mit jemandem, der mit der Öffentlichkeit umgehen kann und sich keine Ausrutscher erlaubt?

Rassisten und andere Rechtsradikale

Bisher leben wir als Mehrheitsgesellschaft, “als Verteidiger der offenen Gesellschaft”:https://www.facebook.com/dieoffenegesellschaft, als Moderate und Demokraten davon, dass sich die Feinde unseres Lebensmodells immer wieder selbst ins Aus schießen. Die AfD versinkt zunehmend im Chaos und bekommt Islamhasser, Antisemiten, Rassisten und andere Rechtsradikale “nicht in den Griff”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/8835-das-rechtsradikale-gesicht-der-afd. Pegida scheitert an Bachmann und daran, dass manche Wirrköpfe es doch nicht schaffen, an einem Mikrofon ohne Kommentar vorbeizugehen. Und die Montagsmahnwachen waren so von Antisemiten und Wahnwichteln “unterwandert”:http://www.tagesspiegel.de/mediacenter/fotostrecken/politik/bildergalerie-verschwoerungstheorien-bei-der-montagsdemo-in-berlin/9852674.html?p9852674=1, dass sich selbst Menschen, die mit radikalem Gedankengut durchaus sympathisieren, abgewandt haben. Man sollte die reale Gefahr aber trotzdem nicht unterschĂ€tzen. Deshalb sollten wir die Zeit relativer Ruhe nutzen, um Argumentation und Diskussion im Namen von Demokratie und Freiheit neu einzuĂŒben. Vor allem aber brauchen wir Bekennermut.

Auf dem Autorenblog “„Achse des Guten“”:http://www.achgut.com/dadgdx/ wird man derzeit von großflĂ€chigen Anzeigen begrĂŒĂŸt: „Wenn Sie diese Stimme weiter hören wollen, mĂŒssen Sie jetzt etwas tun“, heißt es dort, und man wird aufgefordert, eine Patenschaft zu ĂŒbernehmen. Die Ironie des Schicksals will es, dass mich ausgerechnet Michael Miersch, einer der GrĂŒnder des Blogs, anlĂ€chelt. Gerade dessen Stimme wird man aber in Zukunft auf der „Achse des Guten“ nicht mehr vernehmen. DafĂŒr hat er ĂŒberzeugende GrĂŒnde formuliert – und zwar ohne ein Blatt vor den Mund “zu nehmen.”:http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/na_dann_ohne_mich

„Auf der Achse hat sich eine Stimmung breit gemacht, die kaum noch etwas gemein hat mit der ursprĂŒnglich liberalen, weltoffenen und aufgeklĂ€rten Haltung dieses Autorenblogs“, schreibt er seinen Mitstreitern, darunter auch Henryk M. Broder und Gideon Böss, ins Stammbuch. Er kritisiert die „kulturpessimistische, anti-westliche, national-konservative“ Weltsicht, die namentlich auch von der AfD vertreten wird. Und er schreibt: „Ich möchte mich nicht mehr tĂ€glich Ă€rgern, wenn Menschen verbal ausgegrenzt und herabgesetzt werden, weil sie als Moslems geboren wurden. Menschen nach Herkunft zu beurteilen, finde ich boshaft. Sippenhaft ist absolut inakzeptabel.“ Word!

Der nÀchste Angriff kommt

Dabei könnte Miersch es belassen und sich ansonsten still und leise zurĂŒckziehen. Man muss ihm allerdings dankbar sein, dass er genau das nicht getan hat. Vielmehr startet er den Rundumschlag, und zeigt damit, dass alles mit allem zusammenhĂ€ngt: Hass gegen Muslime mit Antisemitismus, Hass gegen den Euro mit Hass gegen Homosexuelle. Besser als er könnte ich es kaum sagen, daher soll seinen Worten hier der entsprechende Raum gegeben werden: „Ich finde es auch nicht lustig, wenn auf der Achse behauptet wird, die EU Ă€hnele immer mehr der UdSSR und der Euro sei die schlimmste Destruktion seit dem Zweiten Weltkrieg. Mir missfĂ€llt das reflexhafte Eindreschen auf alles, was unter dem Verdacht steht, ,links‘ zu sein. Ich finde nicht, dass das heutige Deutschland dekadent ist. Und ich finde auch nicht, dass sexuelle oder andere Abweichungen von der Norm Verfallserscheinungen sind. Mir geht die verlogene Idealisierung der christlichen Familie als Keimzelle der Nation gegen den Strich, genauso wie HĂ€me und die GehĂ€ssigkeit gegenĂŒber Minderheiten. Es ist etwas völlig Anderes, ob man sich ĂŒber eine political correctness lustig macht, die jede noch so schrĂ€ge Minderheit in Watte packen will, oder ĂŒber Menschen, die solchen Minderheiten angehören“, schreibt Miersch, und zeigt, dass er weiter fĂŒr die offene Gesellschaft steht, wĂ€hrend viele seiner ehemaligen Mitstreiter zu deren Feinden gewechselt sind.

Man kann Miersch vielleicht vorwerfen, dass er zu spĂ€t den Mund aufgemacht hat. Man kann ihm vielleicht auch vorwerfen, dass er geht, anstatt zu kĂ€mpfen. Man muss ihm aber zugutehalten, dass er ganz bewusst einen Teil seiner treuen Leser vor den Kopf stĂ¶ĂŸt, mit manchem verkauften Buch weniger rechnen muss, um deutlich zu machen, wo fĂŒr ihn persönlich die rote Linie ĂŒberschritten ist. Diesen Mut – gerade auch von explizit nicht als „links“ zu bezeichnenden Autoren – brauchen wir hĂ€ufiger. Der nĂ€chste Angriff kommt bestimmt!

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