Die meisten Mädchen wollen Topmodel werden und nicht Frau Merkel. Stevie Schmiedel

Wetten, dass…?

Das Jahr ist erst ein paar Stunden alt. Genau der richtige Zeitpunkt für einen Blick in die Glaskugel. Denn auch 2015 hält einige Überraschungen bereit.

Als Politiker scheint es immer ratsam, sich mit Prognosen nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen, bekommt man diese doch um die Ohren, wenn sie nicht eintreffen. Als European-Kolumnist steht man sowieso dauernd hart im Wind – da kann man sich auch mal was trauen. Und deswegen mache ich an dieser Stelle zehn Prognosen für 2015 – und nehme mir vor, diese am Ende des Jahres einer kritischen Revision zu unterwerfen. Natürlich steckt in den Aussagen nicht nur Analyse, sondern immer auch ein klein wenig Hoffnung. Denn die, das habe ich gelernt, darf man sich nie nehmen lassen. Nun aber, hier meine Thesen:

1. In Sachen Europa
Da geht es natürlich schon im Januar ordentlich rund, nämlich dann, wenn Griechenland wählt. Meine Prognose: Am Ende wird Syriza deutlich schwächer abschneiden als erwartet, der proeuropäische Kurs wird fortgesetzt. Im Laufe des Jahres wird der Druck auf eine Abschwächung der Austeritätspolitik allerdings zunehmen und entsprechende Entscheidungen für mehr Investitionen getroffen werden. Der Euro besteht natürlich weiter fort.

2. In Sachen Deutschland
Dass der Austeritätskurs gelockert wird, hat auch mit der deutschen Wachstumsschwäche zu tun. Schon im ersten Quartal stürzt die deutsche Volkswirtschaft in die Rezession. Grund dafür ist die Einschläferungspolitik der Bundesregierung, insbesondere aber der ab Januar geltende, handwerklich erbärmlich umgesetzte Mindestlohn, der Jobs und Praktikumsplätze kostet. Der Misserfolg wird der SPD zugerechnet werden, während die Kanzlerin wieder einmal so tut, als hätte sie mit all dem nichts zu tun. Ach ja, und mit der schwarzen Null wird es übrigens auch nix. Aber Hauptsache, man hat sich alleine für die Ankündigung schon feiern lassen.

3. Apropos, in Sachen Kanzlerin
Die wird sich auch 2015 noch nicht festlegen, ob sie weitermacht. Die Presse wird allerdings spätestens in der Sommerpause zu spekulieren beginnen. Ist ja sonst nix los in der Republik, in einem Jahr, in dem gerade einmal Hamburg und Bremen wählen.

4. In Sachen FDP
Mit der Dreikönigskundgebung beginnt ein – langsamer, aber doch deutlich erkennbarer – Wiederaufstieg der Liberalen. Ein neues Logo, ein neuer Auftritt, klarere Kante, ein endlich wieder deutlich erkennbar werdender Kurs und die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme des Landes schlagen sich ab Jahresmitte auch deutlich in den Umfragen nieder. Bis zum Jahresende erscheint zumindest ein Artikel (nicht von mir, wohlgemerkt) mit der Überschrift: „Die FDP ist wieder da“.

5. In Sachen SPD
Der Abgeordnete Hartmann, im vergangenen Jahr mit Drogen und vermeintlichem Geheimnisverrat in den Medien, verlässt den Bundestag. Vorgeblich freiwillig. Sarrazin bleibt natürlich weiterhin Mitglied in der SPD. Und die Parteispitze vertieft das Gespräch mit der Linkspartei, um gerüstet zu sein: Sollte Merkel wieder antreten wollen, wird man versuchen, sie noch vor der Wahl mit einer rot-rot-grünen Bundestagsmehrheit zu stürzen.

6. In Sachen AfD
Der Höhenflug der neuen Rechtspartei ist vorüber, ohne dass allerdings ein mit den Piraten vergleichbarer Absturz erfolgt. Die immer offensichtlicher werdenden rechtsradikalen Tendenzen sorgen für weitere prominente Austritte, Gauland und Höcke werden weiter gestärkt, während Lucke politisch endgültig kastriert wird.

7. In Sachen PEGIDA
Auch diese Bewegung hat ihren Höhepunkt bereits erreicht. Ein kalter Winter und der genaue Blick der Öffentlichkeit sorgen dafür, dass es nicht zu einer ähnlich heftigen ausländerfeindlichen Welle kommen wird wie zu Beginn der Neunzigerjahre.

8. In Sachen Hass
Das eine oder andere Asylbewerberheim wird in 2015 allerdings ebenso noch Opfer von Schmierereien und Brandanschlägen wie die eine oder andere Moschee. Deutschlands Bild in der Welt wird nach einer Dekade der Imagepolitur wieder zunehmend von einer hässlichen Fratze dominiert. Und die Hetzer werden so tun, als ob sie damit nichts zu tun hätten. Wie immer eben.

9. In Sachen Liebe
Eine Gegenbewegung bleibt allerdings auch nicht aus. Die Deutschen, ohnehin schon Spendenweltmeister, zeigen im Kleinen und Großen ihre Mitmenschlichkeit und gehen nicht nur zunehmend auf die Straße, sondern engagieren sich in noch nie da gewesener Art und Weise für Flüchtlinge. Die Reihen der Demokraten, der Menschenfreunde schließen sich zunehmend.

10. In Sachen Fußball
Am Ende des Jahres kann ich gar nicht anders, als die an den Nerven zehrende Winterpause mit einigen fußballphilosophischen Gedanken zu füllen. Borussia Dortmund wird natürlich nicht absteigen und am Ende des Jahres sogar über einen Umweg (DFB-Pokal? Champions League?) den Weg in einen internationalen Wettbewerb schaffen. Die größere Überraschung wird allerdings der direkte Wiederaufstieg des großen 1. FC Nürnberg, der sich nach einem schwachen Saisonstart stabilisiert hat. Es braucht ja auch noch ein wenig Tradition in der Bundesliga, wenn man nächste Saison schon davon ausgehen muss, dass alles ein wenig nach Betriebssportwettbewerben aussieht, wenn VW gegen Audi und Bayer gegen SAP oder vielleicht sogar die Bullenbrause spielt …

Wetten, dass ich mit mindestens acht von zehn Vorhersagen richtig liege? Falls nicht, spende ich am Ende des Jahres 100 Euro an eine noch zu bestimmende wohltätige Organisation. Falls doch, würde ich mir wünschen, dass all diejenigen, die mir hier widersprechen, in einem Jahr jeweils 20 Euro in die Hand nehmen und dasselbe tun. Dann hätte die Debatte auf jeden Fall etwas Gutes gehabt. Allen auf jeden Fall einen guten Start in 2015 – in der Hoffnung, dass es etwas friedlicher wird als 2014, ohne gleich langweilig zu werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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