Der globale Infokrieg ist nicht virtuell. Luciano Floridi

Falsche Christen

Heute Abend marschiert PEGIDA wieder durch Dresden. Diesmal werden Weihnachtslieder gesungen. Das kann nicht verdecken, dass die Demonstranten all das nicht sind, was sie vorgeben zu sein. Christen zum Beispiel.

Bei der Landtagswahl in Sachsen vor einigen Monaten bekamen AfD, NPD und einige rechtsextreme Splittergruppen zusammen rund 250.000 Stimmen. Zwischen diesen Wählern und denjenigen, die nun als PEGIDA („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“) durch die Straßen Dresdens marschieren, ähm, spazieren, dürfte es eine relativ hohe Überschneidung geben. Wenn nun jemand meint, diese 15.000 Sachsen mit ihren absurden Parolen müssten irgendwie ernst genommen werden, muss er dann aber auch anerkennen, dass dasselbe für rund 80.000 NPD-Wähler dort gelten müsste. Dieser Sichtweise verschließt man sich jedoch aus gutem Grund seit Jahren und schließt die NPD von allen Entscheidungsprozessen, selbst auf kommunaler Ebene, aus.

Warum? Weil man weiß, dass ihre Positionen zwar von einer gewissen Zahl von Menschen geteilt werden, allerdings allem, was diese Gesellschaft eint und allem, was diese Gesellschaft im Innersten zusammenhält, zuwiderlaufen. Keine Liberalität, keine Nächstenliebe, keine Rücksichtnahme, keine Mäßigung – ihr Programm ist in einem Wort zusammengefasst: Hass. Und genau diesem, das haben wir uns als Bürger dieses Landes immer wieder in schweigendem Einvernehmen geschworen, geben wir in diesem Land keinen Raum mehr.

Es geht um Hass

Es ist dabei egal, dass man sich bei den PEGIDA-Organisatoren darum bemüht, Bilder einer friedlichen Demonstration zu produzieren. Disziplin ist in einem solchen politischen Zusammenhang kein Qualitätsmerkmal. Auch dass man die Parole ausgibt, nicht mit der „Lügenpresse“ sprechen zu wollen, hat weniger damit zu tun, dass man seine Gedanken nicht in die Welt tragen will. Man will nur vermeiden, dass es die rhetorisch nicht geschulten einfachen Marschierer tun, weil die ihren Menschenhass nicht in schöne Worte kleiden zu wissen. Die Angst der Organisatoren ist nicht, dass die Dinge verdreht werden – auch wenn das immer behauptet wird –, sondern dass die Wahrheit ans Licht kommt. Und die ist so einfach, wie bereits beschrieben: Es geht um Hass, und zwar um Hass auf alles, egal ob es nun Asylbewerber, Muslime, die Presse oder die Regierung sind.

Dass es sich bei der ganzen Sache nur um eine Inszenierung handelt, wird auch am heutigen Montag wieder deutlich werden: Vorgeblich zum Schutz des christlich-jüdischen Abendlandes werden sie erneut demonstrieren. Und um dem ganzen besonderen Nachdruck zu verleihen, sollen Weihnachtslieder gesungen werden. Christliche Weihnachtslieder. Dabei treten die PEGIDA-Teilnehmer den Weihnachtsgedanken mit ihren dick eingepackten Füßen, verhöhnen ihn mit jeder gesungenen Silbe. Hätten Maria und Josef an ihre Haustüre geklopft, sie wären abgewiesen worden; in manchen rechten Hochburgen wäre ihnen vielleicht Schlimmeres widerfahren. Weihnachten gäbe es dann heute nicht.

Aber es gibt ja noch ein paar andere Mythen, an denen man sich in seinem Hass abarbeiten kann: So empören sich PEGIDA-Demonstranten, AfD- und NPD-Wähler und andere des Lesens nicht so mächtige Mitbürger darüber, dass in Zukunft Weihnachtsmärkte – wegen dieser bösen Islamisierung – in Wintermärkte umbenannt würden. Dummerweise ist das aber totaler Blödsinn, der Name kommt von einem Markt in Berlin, der extra für diejenigen gestaltet wurde, die keinen Bock auf den Weihnachtsrummel haben.

Diesen dann Weihnachtsmarkt zu nennen, wäre ungefähr so dumm, wie etwa einen ausländerfeindlichen Laternenumzug irgendwie mit „Patriotische Europäer“ und „Abendland“ zu bezeichnen. Ein weiteres Beispiel aus dieser Reihe ist die Debatte um die Sankt-Martins-Umzüge, die bei mir zu Hause sowieso immer nur Laternenumzug hießen – und das ganz ohne vermeintlich das Abendland islamisierende Moslems. Nun darf man sich gerne fragen, was wohl der liebe Sankt Martin gesagt hätte, wenn man ihn gefragt hätte, was ihm wichtiger wäre: Dass die Umzüge nach ihm benannt sind, oder dass die Menschen mit seiner Geschichte dazu inspiriert werden, ihren „Umhang“ auch mit all jenen zu teilen, die frieren, nichts zu essen haben oder verfolgt werden. Man darf davon ausgehen: Die Antwort Sankt Martins dürfte PEGIDA, AfD, NPD und anderen Primitivbürgervereinigungen nicht passen.

Dialog ergibt keinen Sinn

Darüber hinaus gibt es einen weiteren Indikator, an dem deutlich wird: PEGIDA spricht nicht für die, für die man vorgibt, zu sprechen. Im Gegenteil, deutsche Juden und Christen wollen ganz explizit nicht von den selbsternannten Rettern des Abendlands vertreten oder beschützt werden und wehren sich sogar gegen die versuchte Zwangsbeglückung. Der Zentralrat der Juden etwa hat die Muslime offensiv in Schutz genommen und PEGIDA angegriffen: „Hier mischen sich Neonazis, Parteien vom ganz rechten Rand und Bürger, die meinen, ihren Rassismus und Ausländerhass endlich frei ausleben zu dürfen“, sagte der Vorsitzende Schuster.

Und auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat festgestellt, dass bei PEGIDA „Rassismus, Nationalismus und diffuse Ängste“ herrschten. „Christen dürfen dort nicht mitmachen“, war seine klare Ansage.

Daraufhin wurde das Bistum übrigens mit Hassmails bombardiert: „Verräter“ und „Fahrt zur Hölle“, seien „die häufigsten Wendungen der selbsternannten Retter des Abendlandes“, wird auf der Facebook-Seite des Erzbistums berichtet. Es geht sogar bis hin zu „Ihr seid Maden“ oder „widerliche Arschlöcher“, verbunden mit der Ankündigung von Kirchenaustritten. Gute Reise, kann man da nur wünschen.

Es bleibt also dabei: Ein Dialog ergibt keinen Sinn, Ausgrenzung ist die einzige Lösung, um den Hass wieder dahin zurückzudrängen, wo er herkam: ins Private. Dann müssen die Primitivbürger mit ihren Emotionen alleine klarkommen und lassen uns damit in Ruhe. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten, Happy Chanukka, schöne Festtage oder eine gute Ferienzeit. Was auch immer ihr feiert: Gebt dem Hass keine Chance und seid nett zueinander!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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