Mit Europa und den USA endet die Welt nicht. Wladimir Putin

Alle gegen alle

Kurden gegen Salafisten, Salafisten gegen Juden und gegen Nazi-Hools, Nazi-Hools gegen Autonome, „besorgte Bürger“ gegen Flüchtlinge und alle gegen die Polizei. Manchmal möchte man einfach dazwischenschlagen.

Im Jahr 1998 erschien Tim Staffels Roman „Terrordrom“. Ein eiskalter Winter, Berlin versinkt in Schnee, Hass und Chaos. Am Schluss gehen die Menschen in einem abgesperrten Bezirk in Berlin-Mitte, dem Terrordrom, aufeinander los. Regeln gibt es keine mehr. „Hass ist Leben“, verkündet der Protagonist V. in Staffels Geschichte. Und ich frage mich gerade, ob wir 16 Jahre nach deren Veröffentlichung tatsächlich auf dem Weg genau dorthin sind. Nur mit dem Unterschied, dass leider kein Zaun um die Verrückten gezogen ist, die die Fäuste gegeneinander erheben. Und wir deshalb alle in Mitleidenschaft gezogen werden.

Wäre doch ganz praktisch

Ich gebe zu, ab und an ertappe ich mich selbst bei dem Gedanken, wie es denn wäre, die verschiedenen abgefuckten Gruppen, die Feinde der offenen Gesellschaft – die Salafisten, die Nazi-Hools, aber auch den linksextremen schwarzen Block und die Rocker-Clubs – in einem eingezäunten Bereich aufeinander loszulassen. Ich spiele im Geiste durch, wer als Letzter noch steht – je nach Tagesform und aktuellen Meldungen komme ich zu jeweils anderen Ergebnissen. Ich stelle mir vor, wie die Polizei nur den Zugang überwacht und dabei gemütlich Tee trinkt, anstatt von Idioten mit Böllern oder Steinen beworfen, angespuckt oder mit Dönerspießen angegriffen zu werden. Ich stelle mir auch vor, dass das eigentlich ganz praktisch wäre, weil dann keiner mehr quer durch die Republik juckeln oder gar über Umwege in den Irak reisen müsste, um sich im Namen Allahs oder seiner Rasse oder der Ehre oder was auch immer einem an überkommenen Modellen so einfallen kann, umbringen zu lassen.

Ja, manchmal habe ich solche Gedanken. Und ich glaube, das ist durchaus natürlich. Aber dann komme ich wieder zu mir und weiß, dass das keine Lösung ist. Wer die offene Gesellschaft verteidigen will, muss das auch nach deren Spielregeln tun, denn sonst hat man vielleicht kurzfristig ein Problem aus der Welt gebracht, schafft aber gleichzeitig damit all das, was unsere Gesellschaftsform bewahrenswert macht, gleich mit ab. Für ihre Feinde kommt die offene Gesellschaft manchmal schwachbrüstig rüber: Die Polizei darf nicht einfach wild drauflos prügeln oder gar schießen, Veranstaltungen dürfen nicht ohne gute Gründe verboten werden, Menschen dürfen nicht prophylaktisch weggesperrt werden. Und weil das auch so bleiben soll, liegt es an uns, und zwar an jedem Einzelnen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass aus dieser Schwäche in der Realität eine Stärke wird, vor der die Idioten aller Couleur in Deckung gehen.

Die Scharfmacher ächten

Bevor es zu Gewaltausbrüchen kommt, wurde Hass geschürt, wurden Worte zu Waffen. Diese Regel gilt so gut wie immer. Die Nationalsozialisten wussten ein Volk mit Worten zum Massenmord zu verführen, die Terrorpiloten von 9/11 wurden von Hasspredigern angestachelt, der norwegische Einzeltäter Breivik radikalisierte sich über die Ausfälle des rechtsextremen Bloggers Fjordman, der wiederum nach wie vor von der neurechten Szene in Deutschland gefeiert wird. Auch die derzeitigen Übergriffe und Ausschreitungen sind zurückzuführen auf salafistische Prediger wie den Kölner Pierre Vogel einerseits und rechtsextreme und rechtsradikale Agitatoren aus den Reihen der „Freiheit“, der NPD, der Pro-Bewegung, der Partei „Die Rechte“, aber auch der AfD andererseits.

Gesellt sich zu dem Hass noch ein Gruppengefühl dazu, fühlt man sich gar als – schlagender – Arm einer „schweigenden Mehrheit“, dann sind Straßenschlachten und verletzte Polizisten nicht weit. Anfang der 90er-Jahre kamen noch tote Asylbewerber dazu. Und wenn man sich die Zahlen von ProAsyl anschaut, nehmen die Angriffe inzwischen wieder deutlich zu – man fühlt sich wie in einer Dauerschleife gefangen.

Natürlich waschen die Verführer, die Anheizer und Scharfmacher ihre Hände in der Öffentlichkeit in Unschuld. Mit Gewalt wollen sie nichts zu tun haben. Die Pierre Vogels dieser Welt müssen sich trotzdem im Zweifel jeden verletzten Polizisten auf einer Salafistendemo und jeden Verletzten oder Toten bei einem denkbaren Anschlag zurechnen lassen. Das wird dann nix mehr mit dem Paradies. Und die Sarrazins, Luckes und Henkels müssen sich gefallen lassen, dass man ihnen die Bilder aus Köln vorhält und sagt: Das sind auch eure Jungs, die da – irgendwie im Namen des Volkes – Polizisten angreifen und rechte Parolen brüllen. Rechtlich wird man natürlich keinen der Genannten drankriegen.

Umso mehr ist es aber unsere Aufgabe als Bürger, die Scharfmacher zu ächten, wo wir sie treffen. Im Namen der offenen Gesellschaft: Kommt und vernetzt Euch! Damit Deutschland nicht zum Terrordrom wird …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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