Religionsfreiheit wäre ein hohler Begriff, würde sie nur für die Glaubensrichtungen gelten, mit denen wir einer Meinung sind. Mitt Romney

Seltsamer Opferkult

Es gab mal eine Zeit, da wollten alle Superhelden sein. Heute ist das anders. Es geht nur doch darum, wer das größte Opfer ist. Sarrazin und die AfD sind da führend.

Es ist schon ein interessantes Phänomen: Gerade diejenigen, die andere am heftigsten anfeinden, fühlen sich selbst vor allem als Opfer. Thilo Sarrazin etwa, der mit „Deutschland schafft sich ab“ eine beispiellose Kampagne gegen ganze Bevölkerungsgruppen gefahren hat, fühlt sich – natürlich in Buchform gegossen und damit bestens verkäuflich – als Opfer eines „Tugendterrors“, der ihm den Mund verbieten wolle. Das ist absurd, vor allem angesichts der Tatsache, dass in den vergangenen Jahren kaum ein Autor so viel Platz in Zeitungen und Sendezeit in TV- und Radiosendern bekommen haben dürfte wie Sarrazin. Und ja, zum Superhelden taugt er wirklich nicht. Aber ein Opfer? Alleine für diese Sicht auf sich selbst muss man fast schon Mitleid empfinden.

Weil man als Opfer allerdings nicht gerne alleine leidet, gesellt sich Sarrazins Frau geschwind an seine Seite. Dass ihr Mann fröhlich austeilt, interessiert auch sie nicht. Und nicht einmal die gescheffelten Millionen helfen bei der Problembewältigung. Im selbst geschaffenen Jammertal redet man sich immer weiter ein, ganz gemein behandelt zu werden. Na dann. „Wie man in den Wald hineinruft …“, habe ich früher immer gelernt. Heute aber macht der sprichwörtliche Bildungsnotstand offenbar auch vor Zwangspensionären und ihren Partnern nicht mehr Halt. Denn dieses Prinzip ist der Familie Sarrazin anscheinend komplett fremd.

Die verwirrten Möchtegernchristen der AfD

Dasselbe gilt auch für die derzeit allgegenwärtige AfD. Dort beklagt man sich allenthalben über die angeblich so unfaire Berichterstattung, wahlweise in den „Mainstream-“ oder „Systemmedien“, findet es ungerecht, dass man von den „Alt-“ oder „Blockparteien aus dem demokratischen Diskurs ausgeschlossen werde und wehrt sich dagegen, „in die rechte Ecke“ gestellt zu werden. Dass man als Partei allerdings ständig neue Skandale produziert und damit die Aussage Bernd Luckes, es gäbe keine Berührungspunkte zum rechtsradikalen Rand, als offensichtliche Lüge entlarvt, interessiert dabei nicht. Genauso wenig wie der Fakt, dass Lucke inzwischen selbst Angst vor seiner Partei bekommt. Objektiv betrachtet ist die Berichterstattung vor diesem Hintergrund sogar eher zu moderat als überzogen.

Insgesamt ist die Szene der „PC-Opfer“, wie Jan Fleischhauer Menschen mit einer solchen Geisteshaltung getauft hat, sehr kreativ. Erst als mehrdimensionales Opfer hat man ja eine Chance auf den Spitzenplatz. Man sieht sich daher dann auch in Thüringen als Opfer einer „Überfremdung“ – obwohl alleine die Stadt Köln mehr Flüchtlinge unterbringt als der ganze Freistaat Thüringen, wie CDU-NRW-Chef Laschet dem sprachlosen AfD-Spitzenmann Björn Höcke neulich in einer Talkshow entgegenschleuderte. Paranoide Angst, dass die eigenen Kinder (oder sogar man selbst?) Opfer einer sexuellen Umerziehung durch die „Homos“ dieser Welt werden könnten, hat man natürlich auch. Und wahrscheinlich beten die verwirrten Möchtegernchristen in der AfD auch jeden Abend brav zum Allmächtigen, dass Conchita Wurst nicht zur nächsten EUdSSR-Kommissionspräsidentin wird, um Volk, Vaterland und Schniedelwutz endgültig zwangszuvergemeinschaften.

Allerdings macht der Opfervirus auch vor der Mitte der Gesellschaft nicht halt. So gibt es immer noch einige FDP-Mitglieder, die davon überzeugt sind, dass man im September vorigen Jahres Opfer eine Medienkampagne geworden sei. Sogar die Namen der Journalisten will man kennen, die nie etwas anderes vorgehabt hätten, als die FDP zu vernichten. Dass diese Aussagen so gar nicht mit dem Wahlerfolg von 2009 zusammenpassen wollen? Egal! Und dass man nun wirklich nicht nur die hellsten Sterne am Firmament in der letzten Legislaturperiode ins Parlament geschickt hat? Auch geschenkt! Solche Aussagen stören nur den selbst herbeigejammerten Opferstatus. Auch wenn man eigentlich denken würde, dass Liberale die Fehler nicht immer zuerst bei anderen suchen würden.

Die Zukunft wird selten von Heulsusen gestaltet

Bei SPD und Grünen ist man übrigens genauso wie im „bürgerlichen Lager“ davon überzeugt, Opfer von Pressekampagnen zu sein. Da werden dann die Kämpfe aus den 70ern und 80ern neu aufgewärmt, wahlweise erklärt man die „linke Schmierpresse“ vom Spiegel-Verlag oder die „rechte Kampfpresse“ von Springer für schuldig. Hauptsache, man ist auf der Opferseite – weil man dann ja die Hände in Unschuld waschen und sich nicht mit eigenen Fehlern beschäftigen muss. Wollte man früher immer und unbedingt zu den Gewinnern gehören, hat sich das inzwischen gedreht. Es herrscht ein regelrechter Opferkult, dem sich kaum jemand entziehen zu können scheint.

Absurd wird es spätestens dann, wenn dieselbe Publikation von allen Seiten gleichermaßen angegriffen wird. In normaler Sprache könnte man die Berichterstattung dann wohl ausgewogen nennen. Aber gut … Weil es ja gar nicht mehr weit bis Weihnachten ist, und schon jetzt die ersten Lebkuchen in den Auslagen der Discounter liegen, darf ich mir an dieser Stelle einen Wunsch erlauben. Und zwar Bürger und Politiker, die sich nicht nur als Opfer sehen, sondern bereit sind, ihre Verantwortung mit beiden Händen zu greifen. Lösungsorientiertes Denken statt Rumgejammere, das wäre doch was. Die Zukunft ist selten von den Heulsusen gestaltet worden, das dürfte wissenschaftlich unbestritten sein. Packen wir es also an – und neiden wir Thilo aus Berlin seinen Spitzenplatz als Opfer von allem und jedem nicht.

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