Der neue Pauschaltarif

von Christoph Giesa30.07.2014Gesellschaft & Kultur

Antisemitische Sprechchöre auf den Straßen, rassistische Verallgemeinerungen in der „Bild am Sonntag“ – die Pauschalisierung ist zurück auf der politischen Bühne. Leidtragender ist das Individuum.

Wer beim sonntäglichen Grillen mit Freunden oder auch im Feuilleton deutscher Qualitätsmedien die Verrohung der Sitten aufgrund eines übersteigerten Individualismus, ja Egoismus, beklagt, der braucht sich um Applaus nicht zu sorgen. Inzwischen muss man die Ereignisse der letzten Wochen, Monate, gar Jahre jedoch aus einer anderen Perspektive sehen.

Nicht der Individualismus ist an vielen Stellen das Problem, sondern vielmehr die Rückkehr zur Pauschalisierung und zur Zwangskollektivierung von Personengruppen. Um sie im nächsten Schritt verächtlich machen zu können. Das dafür gerne benutzte „Man wird ja wohl noch sagen dürfen …“ ist daher mehr als nur ein dummer Spruch, es ist ein unmittelbarer Angriff auf die zentralen Gedanken der Aufklärung – und damit auf die Basis für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Alles begann, als nur noch von „den Muslimen“ gesprochen wurde

Begonnen hat dieser Prozess vermutlich mit 9/11. Danach waren auch in Deutschland muslimische Mitbürger plötzlich nur noch „die Muslime“. Selbst wenn diese sich selbst vielleicht in erster Linie als Bürger ihrer Stadt, als Mitglied im lokalen Fußballverein, als Anhänger von Bayern München, als fauler Student, als Arbeiter bei Volkswagen oder als säkularer Weltbürger sahen. All das zählte nicht mehr. Sie waren plötzlich nur noch Teil von „denen“, Mitglied einer Gruppe, selbst wenn diese ihnen selbst vielleicht weitgehend fremd war. Vor allem aber wurden sie über Nacht zu Außenseitern der Gemeinschaft, in der sie aufgewachsen sind. Ob sie nun wollten, oder nicht.

Vollends manifest wurde diese Sichtweise spätestens mit Sarrazins Hasstiraden

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