Nur weil in einer Herde von Schafen eines schwarz ist, ist nicht gleich die ganze Herde schwarz. Bernd Heinrich Graf

Die AfD im Dschungelcamp

Das neue Europaparlament hat sich kaum konstituiert, da zeigt die AfD schon ihr komödiantisches Talent. Das werden heitere fünf Jahre mit Hans-Olaf, Bernd, Beatrix und Co.

Ich hatte es mir wirklich vorgenommen: Keine weiteren Artikel über die AfD. Eigentlich wollte ich diese Woche etwas zu Gaucks Abstecher nach Portugal schreiben – aber dann kam die konstituierende Sitzung des Europaparlaments, und alles war anders. Zunächst einmal bewies Beatrix von Storch, die Jeanne d’Arc der Ewiggestrigen, dass auch in der Politik das Peter-Prinzip gilt: Jeder wird so lange befördert, bis er die höchste Stufe der eigenen Unfähigkeit erreicht hat. Storch, die bisher vor allem mit billiger Agitation und der Verdrehung von Fakten mit einer Flüstertüte in der Hand aufgefallen ist, musste feststellen, dass es doch etwas anderes ist, im Europäischen Parlament zu sprechen. Man darf auf weitere lustige Videos und Anekdoten gespannt sein.

Henkels Standesdünkel

Auch von Storchs beide männliche Vorturner, Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel, wurden natürlich medial auf ihren ersten Schritten auf dem Brüsseler Parkett begleitet und sorgten für weitere Popcorn-Momente. Dabei organisierte mir Henkel einen ganz persönlichen Moment des Triumphes, für den ich ihm fast schon danken muss. Schon am 2.4. dieses Jahres hatte ich an dieser Stelle vorhergesagt, dass Henkel mit seinem ihm eigenen Standesdünkel enttäuscht sein wird, „wenn er sein Brüsseler Büro bezieht – und feststellen muss, dass jede Stadtteilbehörde luxuriöser untergebracht ist“.

Genau das hat er jetzt im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ zu Protokoll gegeben, und mit der Bemerkung, er sei jetzt „ganz unten“ angekommen, dem Spaß noch das Partyhütchen aufgesetzt. Sein Kampf gegen „die da oben“ dürfte ihn noch in Niederungen führen, die ihm in den letzten Jahrzehnten fremd waren. Und dass er schon angedeutet hat, nicht allzu viel in Brüssel sein zu wollen, lässt vermutlich nicht nur mich mit freudiger Erwartung auf den Moment schauen, an dem man ein Resümee zur Arbeitsmoral der einzelnen Abgeordneten ziehen kann. Henkel, der seit 20 Jahren de facto nur noch als Lobbyist unterwegs war, wird sich schwertun, ein Aktivposten des Parlaments zu werden. Womit wir wieder beim Peter-Prinzip wären.

Lucke verheddert sich

Auch Bernd Lucke durfte sich natürlich in verschiedenen Interviews beweisen. Und auch er sorgte für komische bis absurde Momente. Im Interview mit dem Deutschlandfunk etwa beschwerte er sich – wie er das ja gerne tut –, dass er immer falsch verstanden wird. Auch wenn es bei seinen Ausfällen gar nicht immer etwas falsch zu verstehen gibt. Amüsant ist dann aber umso mehr, dass er im Verlauf des Gesprächs der Interviewerin gleich mehrfach Dinge unterstellt, die diese nachweisbar nicht gesagt hat. Der Chef der selbsternannten Partei der wirtschaftlichen Vernunft scheint da Kant, den Vater des heutigen Vernunftbegriffes, mit seinem kategorischen Imperativ nicht so recht zu verstehen. Aber es wäre jetzt zu billig, auch hier wieder auf das Peter-Prinzip zu verweisen, oder?

Auch im Interview mit The European konnte man Lucke anmerken, dass ihm durchaus bewusst ist, dass er sich ab sofort auf vermintem Gebiet befindet. Denn immerhin hat seine Partei in den letzten Monaten den Mund so weit aufgerissen und ihre Forderungen herausgebrüllt, dass einem die Großmäuligkeit der FDP vor 2009 wie ein leises Pfeifen vorkommen muss. Seine früheren Äußerungen zu Berufspolitikern relativiert er daher ebenso, wie er sich in einer Mischung aus Ablehnung und Unterstützung von mehr Demokratie auf europäischer Ebene verheddert. Dass er Junckers Wahl schlecht findet, obwohl dieser als Spitzenkandidat angetreten ist, erinnert ein wenig an die Grünen, die auch immer dann für mehr direkte Demokratie sind, wenn es ihren Zielen dient, ansonsten eher nicht, wie man etwa in Hamburg vor einiger Zeit beobachten konnte.

Die größten Freaks

Apropos die Grünen. Die haben übrigens aus Solidarität mit Martin Sonneborn und den Komikern von der AfD auch einige Spaßbeauftragte mit Kompetenzbefreiung nach Brüssel geschickt. Scream ist nichts gegen das, was bei Sekunde 13 passiert. Oder wie man bei heftig.co wohl formulieren würde: Ich konnte nicht glauben, was diese Frau getan hat! („Extra3“ hat dieses Stück aus dem Tollhaus übrigens schon passend verarbeitet.)

Wir wissen nicht, was die nächste Legislatur in Brüssel inhaltlich bringt. Komödiantisch wird sie allerdings Maßstäbe setzen. Das Europaparlament als Dschungelcamp – nur dass wir die größten Freaks leider erst in fünf Jahren wieder rauswählen dürfen. Immerhin, und das ist ja auch schon etwas: Mehr Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit dürfte dem Parlament sicher sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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