Die Alten vom Westend

von Christoph Giesa30.04.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Es war der 4. Juli 2009, Independence Day, als sich eine Runde revolutionärer alter Männer bei Thilo im Berliner Westend traf. Langeweile, Frust, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, waren die Basis eines perfiden Plans. Eine Dokumentation.

Jede Verschwörungstheorie basiert auf einer Zusammenkunft. „Die Weisen von Zion“ sind zwar eine Erfindung, trafen sich der Legende nach aber auf einem Friedhof in Prag, um Pläne zu schmieden, wie sie sich die nichtjüdische Welt untertan machen könnten. Eine Versammlung allerdings hat wirklich stattgefunden – doch über sie wird in der deutschen Mainstream-Presse nicht berichtet. Dabei ist sie doch die Basis für die lukrative Verschwörung alter Männer gegen Europa und den Euro, die politische Klasse und die Systemmedien, die Muslime und die politisch Korrekten. Und das alles nur aus Langeweile und Unzufriedenheit mit dem Job! Aber der Reihe nach …

„Ich brauche Action!“

Es war ein warmer Sommertag und Thilo eröffnete die Sitzung. Neben ihm waren Hans-Olaf aus Hamburg, Horsti aus Bayern und Henryk aus dem Internet da. „Meine Herren“, begann Thilo, „ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir ist langweilig. Seitdem ich bei der Bundesbank sitze, ist meine Arbeit immer schon am Dienstag getan. Ich brauche Action!“ Die anderen blickten ihn fragend an. „Mein Vorschlag: Lasst uns die deutsche Politik aufmischen. Ist ja reichlich langweilig geworden, seitdem der Franz Josef tot ist und die von der RAF sich im Kleingartenverein engagieren. Und an der Mauer wird ja leider auch nicht mehr geschossen.“ Noch wusste niemand, auf was genau das hinauslaufen sollte, aber zumindest die Bestandsaufnahme war ja präzise. Also Nicken.

„Wenn wir Action wollen, müssen wir an die Tabus ran. Irgendeine Randgruppe müssen wir angreifen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich schlage vor, die Juden!“ Sofort gab es Protest. Henryk jaulte auf, Hans-Olaf intervenierte mit dem Hinweis, dass seine Freunde von der Bank of America ja auch alle Juden wären und ihn gut bezahlten. Thilo kratzte sich an seinem Schnurrbart und fragte nach Alternativvorschlägen.

„Moslems!“, entfuhr es Horsti. Die kannte er aus München von der Bahnhofsgegend, wo sie jedes Jahr im Sommer aus Saudi-Arabien einfielen und die Luxusläden leerkauften. Gut für die Steuern, schlecht für die Stimmung in Lederhosen-City. Der spontane Applaus der anderen zeigte, dass die Entscheidung gefallen war. Nur Hans-Olaf war zurückhaltend. „Ich bin ja mal Liberaler gewesen, ich bin damit nicht glücklich“, gab er zu bedenken. Thilo kanzelte ihn zunächst ab: „Dich haben wir ja nur dabei, weil wir von dir lernen wollen, wie man sich auch dann noch erfolgreich vermarktet, wenn man eigentlich nichts Interessantes mehr zu sagen hat!“

„Das können wir über Jahre ausschlachten!“

Hans-Olaf wirkte eingeschnappt, doch Henryk rettete die Situation mit einem Vorschlag, der im Rückblick als genial bezeichnet werden muss: „Lasst uns doch für Hans-Olaf ein eigenes Thema suchen – am Ende können wir die verschiedenen Welten miteinander verknüpfen und schaffen es so, ein geschlossenes Weltbild für all diejenigen unter unseren Anhängern zu bauen, die nicht so viel in der Birne, wohl aber Geld in der Tasche haben. Das können wir über Jahre ausschlachten!“ Strahlende Gesichter – und schon begann die Überlegung, welche Themen man finden könnte, und wen man brauchte, um möglichst glaubwürdig zu sein. „Hans-Olaf war ja immer für Europa – jetzt ist er einfach dagegen. Das ist doch witzig!“, schlug Henryk vor. Hans-Olaf willigte ein – endlich wieder ein Thema für ein neues Buch! „Schlag doch die Teilung in einen Ost- und einen West-Euro vor“, sinnierte Horsti, der selig grinsend in Erinnerungen an den Kalten Krieg schwelgte, als Rechte noch Rechte und Sozen noch Sozen waren. „Zu platt“, erwiderte Thilo, der Intellektuelle. „Ost-West ist so 80er, wie wäre es mit Nord-Süd?“ Wieder Applaus, das Thema war gekauft.

„Wollen wir eigentlich alle Muslime angreifen?“, fragte Thilo. „Ja, alle“, antworteten Horsti und Henryk im Chor. „Dann brauchen wir aber auch noch einen Moslem, der sich uns anschließt, nicht, dass wir als Ausländerfeinde dastehen!“, sagte der weise Thilo. Henryk wusste einen, der immer etwas von islamischem Faschismus erzählte und Araber war. Und Thilo fiel einer ein, von dem er mal ganz zauberhafte Katzenkrimis gelesen hatte und der für Geld und einen schnellen Fick so ziemlich alles tat.

„Bis zur letzten Patrone!“

„Geilomat“, sagte Horsti im Glauben, dass das irgendwie noch cool sei, um dann aber gleich hinterherzuschieben, dass er da leider nicht mitmachen könne, also zumindest nicht öffentlich, weil ihm sonst Angela einen Kopf kürzer machen würde. „Aber keine Sorge, ich unterstütze euch auf andere Art und Weise, bis zur letzten Patrone! Und außerdem hab ich da noch jemanden für euch“, ergänzte er schnell. „Ein kleiner Mann, ein Professor mit großem Minderwertigkeitskomplex, der sich in seinem Job an der Uni Hamburg langweilt. Der ist für jeden Populismus zu haben, wenn er dafür Aufmerksamkeit bekommt!“

Die Gruppe nahm Gestalt an, aber man war sich einig, es fehlte noch so etwas wie eine Frau. Da fiel Hans-Olaf eine alte Bekannte aus seinen elitären Kaffeekränzchen ein, eine von und zu, die mit der deutschen Ostgrenze nicht so viel anfangen konnte und einen tiefgehenden Hass gegen alles nicht normierte versprühte – Ausländer, Homos, tief hängende Hosen –, dass sie die perfekte Ergänzung zu den alten Herren war. Thilo jubilierte: „Damit kriegen wir auch den Typen aus dem ,Spiegel‘-Feuilleton, der plötzlich katholisch geworden ist!“ Die Runde jubilierte und stieß mit einem edlen Tropfen an.

Man war fertig für den Tag und ging mit klaren Aufgaben auseinander. Thilo sollte den ersten Aufschlag machen, ein Interview in einer Zeitschrift namens „Lettre International“ sollte dafür als Testballon dienen. Alles andere ist Geschichte.

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