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Akifs geile Welt

Seit ungefähr zwei Wochen ist „Deutschland von Sinnen“, das neue Buch des Erfinders von Katzencontent, Akif Pirinçci, auf dem Markt. Das Feuilleton hyperventiliert, dabei ist das Buch hoch amüsant – und eine virtuose Clownerie.

Zugegeben, ich bin noch nicht ganz durch mit „Deutschland von Sinnen“. Aber lange wird es nicht mehr dauern, denn besonders anspruchsvoll ist es nicht geschrieben, dafür aber umso amüsanter. Das Buch ist ein Sahnestück an Gesellschaftskritik und Pirinçci zeigt, dass man ihn in einem Atemzug mit großen Provokateuren wie Christoph Schlingensief oder (einstmals) Wei Wei nennen muss. Wer „Deutschland von Sinnen“ als Sachbuch liest, muss sich empören. Aber so war es auch nie gedacht, hat sich doch der Autor noch nicht einmal die Mühe gegeben, so zu tun, als habe er recherchiert. Wo bei Sarrazin Statistiken genannt werden, stehen bei Pirinçci überspitzte, nicht zu belegende Behauptungen, wo sich die Henkels oder Matusseks an einer Argumentation versuchen, schreibt Pirinçci „ficken“ oder „Hurensohn“ – und belässt es dann tobend und lachend zugleich dabei.

Der Autor ist ein Kunstprodukt

„Deutschland von Sinnen“ ist ein Kunstwerk und Pirinçci ein Künstler. Er sitzt vermutlich gerade in diesem Augenblick zu Hause und lacht sich kaputt, dass gerade er, der Türke, von den deutschen Primitivbürgern gefeiert wird, die ihn eigentlich hassen müssten. Er lacht sich darüber kaputt, dass die Fatzkes von PI-News und der NPD seine Hypothese von der Ausrottung des weißen Mannes diskutieren, während er das ganze Buch über keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass er reichlich Gefallen daran gefunden hat, genau ihre Frauen und Töchter zu ficken. Er lacht sich vermutlich auch darüber kaputt, dass die erzkatholische Gemeinschaft ihn als neuen Matussek feiert, weil er ihre Homophobie bedient, und sie dabei nicht erkennen, dass er sie mit seinen Elogen auf die Bee Gees nur wenige Seiten später der Lächerlichkeit preisgibt. Und während er so lacht, fehlt ihm fast die Kraft, die ganzen Euros zu zählen, die seine Fans ihm, der sich über sie lustig macht, auch noch freiwillig in die Tasche spülen.

Pirinçci ist selbst ein Kunstprodukt. Es gibt ihn in dieser Form genauso wenig wie den schwarzen Putzmann, den der Comedian Dave Davis spielt, oder den allseits bekannten Ausbilder Schmitt. Wer in deren Comedy-Shows geht, hat vorher eine Karte gekauft und weiß, was ihn erwartet. Pirinçci hat es allerdings geschafft, ein ganzes Volk zu seinem Publikum zu machen und es an der Nase herumzuführen, als ob jeden Tag 1. April wäre. Besonders dankbar muss man dabei denen sein, die ansonsten versuchen, unter einem Deckmantel der Seriosität ihrerseits die Deutschen zu verführen. Denn während sie in Sarrazin oder Lucke noch Führungsfiguren gefunden haben, denen man erbost jede Radikalität absprechen und eine zutiefst bürgerliche Attitüde zuschreiben konnte – zumindest in Bezug auf Kleidung und Ausdruck –, steht Pirinçcis Buch für alles, was die vermeintlich bürgerliche Gesellschaft eigentlich verabscheut.

Ein Clown im allerbesten Sinn

Sarrazin hat sich noch vor wenigen Wochen darüber aufgeregt, wie man die Hosen tief in den Knien hängend tragen könne – und daraus eine allgemeine kulturelle Verarmung der Gesellschaft abgeleitet. Die, die ihm damals applaudiert haben, begeistern sich jetzt für einen, der aufs Papier rotzt, was die in den Hängehosen nicht auf die Straße spucken würden. Pirinçci bringt die Ressentiments von rechts mit den Ausdrucksformen von Gangsterrappern und Straßenpunks zusammen. Dass er dafür von den vermeintlich Bürgerlichen auch noch Applaus bekommt, entlarvt diese in einer Weise, wie es das Feuilleton bisher bei allen verzweifelten Versuchen nicht geschafft hat. Das muss man virtuos nennen.

Clowns hatten schon immer die Aufgabe, der Gesellschaft den Spiegel genau so vorzuhalten, dass jeder über den anderen lachen konnte – und nur beim genaueren Hinsehen in der Lage war, sich selbst zu erkennen. Pirinçci ist ein Clown. Und zwar im allerbesten Sinn.

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