Es gibt keine wertefreie Politik Franz-Josef Overbeck

Mallorca-Thilo

Wenn einer eine Reise tut, dann geht das manchmal nach hinten los. So auch, als sich Thilo Sarrazin nach Kreuzberg traute und prompt sein Waterloo erlebte. Auf Mallorca wäre der ehemalige Finanzsenator besser aufgehoben, findet unser Kolumnist.

Ein zwangspensionierter, älterer Herr macht einen Spaziergang. Anstatt allerdings den bekannten Weg einzuschlagen, den er schon seit Lebzeiten geht, kommt er aufgrund einer spontanen Eingebung auf die Idee, heute einmal dahin zu gehen, wo er noch nie war. Dort angekommen, will er einkehren, wird aber vom Hof gejagt wie ein „räudiger Hund“, wie er es selbst ausdrückt. Bis hierher hört sich das nach einem echten Skandal an – die Bösen scheinen schnell ausgemacht. Doch so einfach ist es in diesem Fall nicht, denn der ältere Herr heißt Thilo Sarrazin, der Spaziergang führte ihn nach Kreuzberg und anstatt alleine zu gehen, brachte der Frührentner ein Kamerateam mit.

Zwischen Geltungsbedürfnis und dem Wunsch nach Provokation

Vermutlich war nicht alles, was sich Sarrazin im Kreuzberger Kiez anhören musste, jugendfrei und druckfähig. Aber hätte man damit nicht rechnen müssen? Was für einen Empfang erwartet jemand, der seinem Nachbarn vor die Füße gespuckt hat, wenn er dann später ungefragt bei dessen Geburtstagsparty auftaucht? Was treibt Thilo Sarrazin, der noch voriges Jahr zugeben musste, dass er Kreuzberg, Neukölln oder Wedding nur vom Durchfahren und aus Statistiken kennt, plötzlich in Begleitung eines Kamerateams auf Erkundungstour zu gehen?

Ich bin mir sicher: Pure Neugierde ist es nicht. Meine Vermutung liegt eher irgendwo zwischen Geltungsbedürfnis und dem Wunsch nach Provokation. Es war ihm einfach zu ruhig geworden um sich selbst. Was will Sarrazin mit seinem Spaziergang bezwecken, außer dass er von ihm sowieso schon geschlagene Wunden wieder aufreißt? Welchen Nutzen verspricht er sich von der Aktion für die weiterhin zu führende Debatte? Oder kommt er bald mit seinem zweiten Buch zum Thema und bereitet den großen Knall schon einmal vor?

Ich glaube mit jedem Tag weniger daran, dass das Dimensionen sind, in denen Sarrazin denkt. Er spielt inzwischen gerne das Spiel, dass er schon zuvor gerne gespielt hat, nämlich das des unkorrumpierbaren „Agent Provocateur“, der sich auch alleine in den Wind stellt. So trat er als Finanzsenator und später auch als Bundesbanker auf. Dass er dabei aufgrund seiner Biografie, die ihn seit 1975 nicht mehr aus dem öffentlichen Dienst hinausgeführt hat, alles andere als glaubwürdig wirkt mit seinem „Ich gegen das Establishment“, das bleibt vermutlich eine Fußnote. Dass er darüber hinaus in seinen eigentlichen Tätigkeitsfeldern in den vergangenen Jahren eher kleine Fußstapfen hinterlassen hat, sollte vielleicht schon einmal mit in die Debatte gebracht werden. Zentral ist aber am Ende vor allem die Erkenntnis, dass sein Kampf nun, nach bald einem Jahr, Deutschland deutlich mehr geschadet als genützt hat. Denn diejenigen, die sich früher schon nicht integrieren wollten, wollen dies auch heute noch nicht. Diejenigen allerdings, auch aus meinem persönlichen Umfeld, die bestens integriert mit Top-Abschlüssen von deutschen Universitäten weit überdurchschnittliche Einkommen erwirtschaften, sprechen inzwischen auch von „Ihr und Wir“, was noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre, oder verlassen einfach die Bundesrepublik, die ihnen seit Jahrzehnten Heimat war. Dazu sollte sich Herr Sarrazin mal die passenden Statistiken besorgen. Doch Thilo, der Zahlenspieler, verschließt lieber weiter die Augen, jagt die „großen Brüder“, die als Vorbilder hätten dienen können, außer Landes und zieht den Graben für die, die bleiben, noch ein kleines Stückchen tiefer.

Da wäre Mallorca-Thilo so richtig in seinem Element

Wäre Sarrazin doch etwas typischer deutsch, als er es leider zu sein scheint. Dann würde er sich inzwischen mitsamt seiner Frau und seinen angesparten Millionen auf Mallorca tummeln, wie es so viele andere Rentner auch tun – in heiteren bunten Badehosen und mit einem lustigen Hut auf, vielleicht einem Mitbringsel von seinem Ausflug nach Kreuzberg mit einem aufgedruckten „I love Bärlin“ – und könnte sich dort mit den Problemen der Zuwanderer auseinandersetzen. Vor allem die Deutschen fallen dort nämlich in der Kriminalitätsstatistik negativ auf. Da wäre Mallorca-Thilo so richtig in seinem Element. Hier hingegen könnten wir uns dann auch endlich wieder daranmachen, die Gräben zuzuschütten und konstruktiv an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten … allein, mir fehlt derzeit der Glaube.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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