Brasilien hat noch viel zu tun

von Christoph Giesa31.07.2013Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Der Riese erwacht – unter diesem Motto geht Brasiliens mittelständische Jugend seit Wochen auf die Straße. Der Protest ist berechtigt, verkennt aber, dass die großstädtischen Probleme vielen Brasilianern fremd sind.

Auch wenn es in manchen Ecken von Rio oder São Paulo nicht mehr so aussehen mag: die Regionalmacht Südamerikas ist immer noch ein Zweite-Welt-Land, in dem die einen sich nach mehr Demokratie, die anderen aber erst einmal nach etwas zu essen sehnen.

Wer als Ausländer nach Brasilien kommt, wird recht schnell an kleinen Dingen merken, dass noch nicht alles so gut funktioniert, wie die Hochglanzfassaden in vielen Städten glauben machen wollen. An vielen Stellen ist man den Weg der Professionalisierung bisher nur bis zur halben Strecke gegangen. Wer etwa mit ausländischen Kreditkarten Geld ziehen oder einen Flug buchen will, steht schnell dumm da. Und auch sonst treibt der Versuch, über Bürokratisierung das Land in die erste Welt zu katapultieren, teilweise seltsame Blüten, die einen mit dem Gefühl zurücklassen, dass ein Mensch ohne brasilianische Steuernummer gar kein richtiger Mensch ist.

Brasilien ist wie ein Halbwüchsiger

Mit Blick auf die anstehende WM – und die nur zwei Jahre später folgenden Olympischen Spiele – kann man nur hoffen, dass diese Dinge, genauso wie das unsägliche Vorwahlsystem, was dafür sorgt, dass man bei Reisen innerhalb und außerhalb des Landes die Kontakte im Handy dauernd ändern muss, um überhaupt eine Verbindung zu bekommen, von Unternehmen und Staat in den Griff bekommen werden. Zumindest was die Kriminalität in manchen Städten angeht, ist inzwischen ein Fortschritt zu erkennen – wenngleich dieser in Teilen mit brachialen Mitteln erreicht wird.

Brasilien kommt einem teilweise so vor wie ein Halbwüchsiger, der mit seinen neu erwachsenen Muskeln noch nicht allzu viel anzufangen weiß. 200 Millionen Einwohner, eine wachsende Mittelschicht, ein Land, reich an Bodenschätzen und fruchtbar wie kaum ein anderes auf der Welt – daraus lässt sich was machen. Nur geht es eben nicht über Nacht. Und es geht auch nicht, indem man sich nur auf einen kleinen Teil der Menschen verlässt.

Darauf einen Cachaça

Die Mitglieder der neuen Mittelschicht zelebrieren nicht nur den eigenen Konsum und kurbeln damit die Wirtschaft an, sondern sie stellen auch neue Ansprüche an die eigene Sicherheit. Solange die Regierung diese nicht garantieren kann, weil riesige Summen in Korruption und Großprojekten versickern, wird sie sich dem Druck der Straße nicht mehr entziehen können. Die Legalisierung illegaler Siedlungen, das Schaffen von Infrastruktur für die Ärmsten und diejenigen, die weit weg von den großen Ballungszentren leben, Investitionen in Bildung und vor allem auch in Anti-Drogen-Programme jenseits von Polizeigewalt müssen langfristig angelegt und mit Nachdruck verfolgt werden.

Bis zur Weltmeisterschaft wird man die Ergebnisse davon nicht sehen – aber auf dem Weg dorthin führt die Angst vor Protesten genau dann, wenn die ganze Welt zuschaut, dazu, dass Fakten geschaffen werden, die danach nicht mehr umkehrbar sein dürften. Wenn es so kommen sollte, dann wären die Gelder, die in das eine oder andere Stadion geflossen sind, am Ende doch nicht verloren. In der Hoffnung darauf einen Cachaça …

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