Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten. Albert Camus

Denkfehler einer Professorenpartei

Sind das Alternativen für Deutschland oder alter Kaffeesatz neu aufgebrüht? An diesem deutschen Wesen wird Europa jedenfalls nicht genesen.

Die „Alternative für Deutschland“ hat in den vergangenen Tagen an Kontur gewonnen und es scheint derzeit durchaus wahrscheinlich, dass sie schon zur Bundestagswahl in diesem Jahr antreten wird. Die Aufmerksamkeit in den Massenmedien ist beachtlich, vor allem der Hamburger Professor Bernd Lucke ist derzeit auf allen Kanälen präsent. Die Auseinandersetzung mit der neuen Partei fällt bei den etablierten Kräften bisher, zumindest nach außen hin, recht dürftig aus. Dabei enthalten die Positionen, die im noch sehr allgemein gehaltenen Wahlprogramm formuliert und in Interviews vertreten werden, massive Denkfehler, die Fragen nach Kompetenz und wahrer Zielsetzung der Neu-Partei aufwerfen.

Zunächst einmal scheint den zumeist älteren Herren wenig an einer tragenden Rolle Deutschlands und Europas in einer immer weiter globalisierten Welt zu liegen. Die Auflösung des Euro würde zwangsläufig zu Verwerfungen führen, so sehr man sich auch um kreative Lösungen wie die von Lucke vorgeschlagenen Parallelwährungen bemühen würde. Massive Kapitalflucht, sich weiter verschärfende Wanderungsbewegungen von Menschen ohne Perspektive und zunehmende Investitionsunsicherheit, sowie noch weiter einbrechende Absatzmärkte auch für deutsche Produkte wären die Folge, die Lucke gar nicht grundsätzlich bestreitet, aber wohl für beherrschbar hält. Was er dabei nicht sagt: Beherrschbar hieße fast unvermeidlich, dass zwischen den Euro-Ländern Grenzen geschlossen und Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden müssten. Zumindest vorübergehend. Das wäre nicht nur das Ende des Euro, sondern auch das des europäischen Binnenmarktes, der nicht unwesentlich zum Wohlstandszuwachs der vergangenen Jahrzehnte beigetragen hat. „Fällt der Euro, dann fällt Europa“, dieser Satz von Angela Merkel ist so falsch also wahrlich nicht.

Überlegenes deutsches Wesen

Mehrfach schon hat Professor Lucke trotzdem geäußert, er halte eine Auflösung des Euro-Währungsverbundes für Deutschland für unproblematisch. Zuletzt stellte er fest, man müsse zwar mit einer Aufwertung einer neuen D-Mark rechnen, allerdings habe die Geschichte gezeigt, dass Deutschland damit umgehen könne und der dadurch entstandene Druck nur zu Innovationen und letztlich gestiegener Wettbewerbsfähigkeit geführt habe. Dass Lucke sich im gleichen Interview allerdings nicht zu schade ist, die Möglichkeit zur Abwertung als einzige Überlebenschance für die Krisenländer zu benennen, wäre inhaltlich widersprüchlich, würde es nicht eine Geisteshaltung offenbaren, die erschreckt: Grundsätzlich glaubt man bei der „Alternative für Deutschland“ wohl an eine Überlegenheit deutschen Denkens, deutschen Handelns, allgemein: deutschen Wesens.

Die anderen sind zu dumm oder zu faul, in Zukunft denselben Weg zu gehen, den Deutschland gegangen ist. Zu dieser Geisteshaltung passt dann auch bestens seine Einlassung bei der Veranstaltung im Taunus, bei der er feststellte, die Bürger sollten lieber seiner Alternative ihr Geld geben, als es in Griechenland versanden zu lassen. Völkische Überlegenheitsprosa ist auch von Menschen mit akademischem Titel und bunten Krawatten das, was sie immer ist: unerträglich. Dass er dann auch noch glaubte, den verblichenen Jörg Haider in Schutz nehmen zu müssen, lässt kaum noch Fragen offen.

Darüber hinaus haben manche der – vermeintlich wissenschaftlich abgesicherten – ökonomischen Betrachtungen des Professors schlicht realitätsferne Annahmen als Basis. Schon der alleinige Vergleich der Produktivität innerhalb Europas als Basis für die Berechnungen, wie weit die südeuropäischen Länder abwerten müssten, um wieder wettbewerbsfähig zu werden, ist an Naivität – oder Böswilligkeit? – kaum zu überbieten. Die portugiesische Autoproduktion ist über die deutlichen Lohnunterschiede auch heute schon wettbewerbsfähig, sonst würde VW dort wohl kaum produzieren. Um aber die früher maßgebliche Textilindustrie wieder wettbewerbsfähig zu bekommen, müsste der Blick nicht nach Spanien oder Deutschland, sondern nach China und Vietnam gehen. Und dann sähe die Rechnung bedeutend anders aus. Staatsbankrott und Abwertung alleine sind für ein westeuropäisches Land keine Lösung, sondern verschärfen das Problem noch. Bildung und Innovation, weitere europäische Vernetzung und die clevere Nutzung der bestehenden Lohnunterschiede in Europa sind da deutlich vielversprechender – aber natürlich auch langfristiger angelegt und komplizierter umzusetzen. Und außerdem wäre es dem bürgerlichen Wähler schwerer zu verkaufen als die vermeintlich einfache Lösung von Lucke, Henkel und Co.

Die Auswirkungen einer Auflösung des Euro wären unfraglich enorm. Während in Deutschland und Europa der Weg zurück debattiert wird, schließen sich andere Regionen der Welt immer weiter zusammen und erhöhen den Druck auf das europäische Sozialstaatsmodell. Es wird nicht mehr lange dauern, bis kein europäisches Land mehr Teil der G8, also der acht größten Wirtschaftsmächte sein wird. Auch nicht Deutschland mit seiner schrumpfenden Bevölkerung von 80 Millionen in einer Welt der sieben Milliarden. Die Wahrscheinlichkeit, dass europäische Gedanken von Aufklärung und Demokratie, Menschenrechten und Nachhaltigkeit in einer solchen Welt weiterhin Gehör finden werden, wenn jeder wieder sein eigenes Süppchen kocht, ist gering. Vielmehr wird auch Deutschland dann wahrscheinlich einem Anpassungsdruck nach unten ausgesetzt sein, den sich die Herren von der Alternative für Deutschland nicht vorstellen können – oder wollen. Der Nationalstaat als Hort der Sicherheit taugt in einer globalisierten Welt nicht mehr. Nur wenn Europa auf der internationalen Ebene gemeinsam auftritt, haben wir eine Chance, mitzugestalten.

Renationalisierung als Zukunftsmodell?

Dabei, und das muss man fast schon als Treppenwitz der Geschichte ansehen, verteidigt die „Alternative für Deutschland“ mit dieser Nationalstaatsidee ein Modell, was es nach ihrer eigenen Logik gar nicht hätte geben dürfen. Denn als sich die einstmals unabhängigen Fürstentümer, Grafschaften und Königreiche zum deutschen Reich zusammenschlossen, gab es zwischen diesen auch größte Unterschiede, die erst über die Zeit verschwanden, ohne dass die jeweilige Kultur in Baden, Franken, Friesland oder dem Rheinland unterdessen verschwunden wäre. Der deutsche Nationalstaat war zunächst ein künstliches Modell, das langfristig allen Vorteile verschaffte und kostengünstige Lösungen für gemeinsame Probleme ermöglichte. Die Parallelen zur europäischen Einigung, inklusive der gemeinsamen Währung, sind unverkennbar – und machen die Rückwärtsgewandtheit des Glaubens an eine Renationalisierung als Zukunftsmodell erst richtig deutlich.

Unfraglich sind einige Analysen, die die Vertreter für Deutschland anführen, richtig. Die Politik der europäischen Nationalstaaten unter der Federführung Angela Merkels zwingt immer mehr Ländern ein Spardiktat auf, ohne gleichzeitig eine Perspektive zu formulieren. So geht der Euro vor die Hunde – und mit ihm Europa. Dass die einzige Alternative darauf aber der Ansatz der „Alternative für Deutschland“ ist, dieser Glaube darf sich nicht festsetzen. Sonst fährt Europa vollends gegen die Wand – mit Deutschland als demjenigen, der das Gaspedal kurz vor der Mauer noch einmal ordentlich durchtritt.

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