Kulturkampf

Christoph Giesa13.02.2013Gesellschaft & Kultur

Nicht nur Deutschland, die ganze westliche Welt steht vor einem Kulturkampf. Allerdings nicht gegen Feinde von außen, sondern mit sich selbst.

Die Art und Weise, wie die Sexismus- und Rassismus-Debatten der vergangenen Wochen gelaufen sind, geben einen Vorgeschmack auf schwierige Zeiten.

Demokratie ist ein Prozess, der so lange nicht abgeschlossen ist, wie eine Gesellschaft nicht jedem Menschen gleichermaßen die Chance gibt, an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Die Begrenzung dieses Verständnisses auf ein Wahlrecht für alle springt dabei zu kurz. Wenn jemand im tagtäglichen Leben dauernd mit Diskriminierung zu rechnen hat, ist die Möglichkeit eines Gangs zu Wahlurne ein Muster ohne Wert. Diese Erkenntnis scheint allerdings in vielen Köpfen nicht angekommen zu sein. Das sieht man daran, wie heftig die Reaktionen sind, wenn sich Frauen gegen Sexismus im Alltag oder Farbige gegen die Nutzung des Wortes Neger in Kinderbüchern wehren.

Man kann die Debatten in der Form kritisieren, man kann sich vielleicht auch über die Aufhänger wundern und man kann natürlich im Detail unterschiedlicher Meinung sein. Dass allerdings viele Stimmen “in diesen und anderen Debatten eine „Tugendwächterei“”:http://www.welt.de/debatte/kommentare/article113163657/Bruederle-der-Stern-und-die-Stunde-der-Puritaner.html oder eine „überzogene Political Correctness“ sehen, gar ein „Aufkommen neuer Tabus“, ist nichts anderes als Ausdruck eines besitzstandswahrenden Egoismus. Und es ist lächerlich, weil gerade die, die vor Tabus warnen, diejenigen sind, die alles dafür tun, gewisse Debatten nicht führen zu müssen.

Freiheit zur Diskriminierung, zur Beleidigung

Ein (großer) Teil der Gesellschaft hat die Entwicklung der Demokratie zu seinen Gunsten nutzen können. Man hat es zu einem gewissen Wohlstand gebracht und findet es gut, so wie es ist. Ein weiteres Vordringen demokratischer – und damit antidiskriminatorischer – Regeln in immer weitere Lebensbereiche und ihre Ausdehnung auf immer weitere Bevölkerungsgruppen wird bei denen, die als Erste davon profitiert haben, als Bedrohung empfunden.

Nun wird kaum jemand offen äußern wollen, dass er etwa als weißer Mann mittleren Alters besser behandelt werden möchte als junge Frauen oder farbige Mitbürger. Wenn diese also gleiche Möglichkeiten, nicht nur formaljuristisch, sondern auf den Alltag bezogen einfordern, sucht man nach anderen Begründungen, mit denen man dieses Anliegen abwehren kann. Dabei wird dann der Kampf um die Freiheit als höchstes Gut angeführt. Dass es sich dabei um eine illegitime Freiheit, nämlich eine Freiheit zur Diskriminierung, zur Beleidigung, zur Bereicherung auf Kosten anderer handelt, wird gerne ausgeblendet. Es geht nicht etwa um Freiheitsbeschränkungen, sondern um die Gewährung von Freiheiten für alle gleichermaßen. Wer dieses Anliegen auf “eine Stufe stellt mit Zuckersteuern auf Cola”:http://www.focus.de/finanzen/news/tid-29319/political-correctness-klappe-zu_aid_911015.html oder die Glühbirnenverordnung der EU, offenbart eine Geisteshaltung, die gegen alles geht, was an Werten in diesem Land und darüber hinaus seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurde.

Jeder Emanzipationsschub in einer Gesellschaft traf anfangs auf heftige Widerstände. Mehr als einmal brauchte es einen zweiten oder dritten Anlauf, wenn man nur an die Einführung der Demokratie als solche in Deutschland denken mag. Der Kampf um diesen weiteren Schritt wird in Deutschland – und anderen westlichen Ländern – heftig sein. Dabei kommt denen, die sich gegen jeden weiteren Schritt hin zu einer offenen und diskriminierungsfreien Gesellschaft wehren, zugute, dass sie viele verunsicherte Menschen an ihrer Seite wissen. Denn die Zeiten, in denen man auf Kosten der eigenen Kolonien, besetzter Länder oder zukünftiger Generationen leben konnte, sind vorbei. In Zukunft wird es nur noch ehrliches Wachstum geben. Oder eben keines. Die Überzeugung, dass der Kuchen, den es zu verteilen gilt, möglicherweise kleiner wird, sorgt dafür, dass allgemeine demokratische Regeln gegenüber dem Egoismus zurückstehen müssen.

Radikalisierung der Sprache

Die Tage dieses Denkens sind allerdings gezählt. Das gefällt den Westeuropäern in Abwehrhaltung genauso wenig wie es den Tea-Party-Anhängern in Amerika gefällt. Dort hat sich bei der letzten Wahl gezeigt, dass sich die Mehrheitsverhältnisse umgedreht haben. Und auch in Deutschland wird der Tag kommen, an dem diejenigen, “die sich ihre Pfründe sichern wollen, in der Unterzahl sind”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-die-sexismus-debatte-a-879988.html.

Bis dahin allerdings wird es ein schmutziger Kampf werden, der an Schärfe sicher noch zunehmen wird. Die Radikalisierung ist schon seit Längerem in der Sprache zu beobachten, spätestens allerdings seit der Debatte um die Thesen Thilo Sarrazins und besonders heftig ausgeprägt in “der Diskussion über Europa”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/8318-efsf-populismus. Es wird aufgerüstet, um den „Roll Back“ voranzutreiben.

Das sollte jedem, der damit nichts anfangen kann, eine Warnung sein. Die Seite der Aufklärung, die Vertreter der Emanzipation werden sich nur durchzusetzen wissen, wenn sie Mut zeigen und sich nicht von den Schreihälsen zurück in ihre Wohnzimmer drängen lassen. Und zwar nicht irgendwann in der Zukunft, sondern ab sofort. Der Kulturkampf ist längst in vollem Gange.

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