Hype, hyper, am hypesten

Christoph Giesa20.02.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Wellen der medialen Empörung brechen immer schneller über uns herein. Und was tun wir? Wir tauchen darunter durch. Zu viele tote Robbenbabys stumpfen uns eben ab.

Würde es Julia Timoschenko, der im Gefängnis sitzenden ukrainischen Politikerin, helfen, wenn sie aus Tibet käme und früher für Wikileaks gearbeitet hätte? Wahrscheinlich nicht. Denn all diese Themen haben einen gemeinsamen Makel: In Deutschland taugten sie nur für kurze, mediale Strohfeuer und blieben daher nicht allzu lange im Wahrnehmungsraum der Menschen.

Der Hype, früher eher eine Ausnahme in der durch den Rhythmus von Tageszeitungen und Wochenmagazinen geprägten politischen Diskussion, ist inzwischen der Normalfall geworden. Egal ob es nun um den Fall Timoschenko, die Unterdrückung der Tibeter oder um Julian Assange und Wikileaks geht: All diese Beispiele haben gemein, dass jedes für sich nur für ein kurzes mediales Strohfeuer taugte. Der Hype hatte sich zwar jeweils gewaschen, und unfraglich ist die Möglichkeit, kurzfristig breite Aufmerksamkeit zu erzeugen, einer der positiven Effekte der fortschreitenden digitalen Vernetzung. Betrachtet man aber die jeweilige Wirkung mit etwas Abstand, lässt sich leider feststellen: Geändert hat sich – nicht nur in den beschriebenen Fällen – wenig.

Obwohl die ganze westliche Welt ihre Balkone pflichtbewusst mit farbenfrohen Tibet-Fahnen dekorierte, wird die tibetische Kultur unvermindert unterdrückt. Julian Assange wird immer noch verfolgt, aber keiner spricht mehr über Wikileaks und das dahinterstehende Transparenzansinnen. Und auch die Ruderin Nadja Drygalla tauchte nach der Debatte um ihre mögliche Nähe zur rechten Szene erst wieder in den Medien auf, als bekannt wurde, dass sie inzwischen Sportsoldatin ist. Doch trotz zahlreicher weiterhin unbeantworteter Fragen, schaffte es noch nicht einmal diese Meldung mehr, die Diskussion neu zu entfachen. Man darf sich daher im Rückblick durchaus fragen: Hat die Republik am Ende irgendetwas aus dem Fall Drygalla gelernt? Zum Beispiel, wie man sich verhalten sollte, wenn das eigene Kind in die rechte Szene abrutscht? Man muss konstatieren: Diese Debatte wurde einfach nicht geführt. Denn am Ende dominierte wie so oft leider der kurzatmige Boulevard.

Die hastig und oberflächlich geführte Auseinandersetzung schadet den eigentlich zugrunde liegenden Themen öfter, als sie ihnen nutzt. Denn so radikal die Aufmerksamkeit über diese hereinbricht, so schnell ist die Hysteriekarawane dann eben auch wieder weitergezogen. Dabei ist in vielen Fällen eine gewisse gerechte Empörung durchaus wichtig, um die Menschen aufzurütteln. Wer allerdings jeden Tag von Drückerkolonnen in der Fußgängerzone tote Robbenbabys vorgehalten bekommt, stumpft ebenso ab wie bei kurzen, hysterischen Debatten.

Man versucht als Zeitungsleser und Talkshow-Zuschauer vielleicht noch, die Hauptargumente zu begreifen. Bevor die Diskussion aber zu tief gehen kann, muss man sich schon 
wieder über das nächste Thema empören und verliert dabei das alte komplett aus den Augen. Das mag für den einen oder anderen Politiker oder PR-Berater praktisch sein, weiß man doch, dass man einen solchen “„Shitstorm“”:http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/12069-ueber-die-notwendigkeit-von-virtuellen-shitstorm-mediatoren in den meisten Fällen schlichtweg aussitzen kann. Für die demokratische ­Kultur allerdings ist es Gift.

Dass sich daran etwas ändert, liegt in der Hand eines jeden und damit aller. Vielleicht wäre ein Anfang, schnell einmal nachzuschauen, wie es gerade um Julia Timoschenko bestellt ist. Damit wir nicht erst wieder an ihrem Todestag von ihr hören. Denn dann käme die Empörung leider zu spät.

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