Ich liebe meine Frau, nicht meine Partei. Joschka Fischer

Mit Plan keinen Plan

Höher, schneller, weiter – und schnurstracks gegen die Wand. Bei Großprojekten geht es zu oft nur ums Anstoßen und Wünschen. Fertig werden? Pah.

Wer sich die Probleme dieser Tage anschaut, muss erkennen: Pläne sind oftmals das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Ob bei regionalen Großprojekten, der Lissabon-Strategie oder dem Netzausbau, gilt regelmäßig: Groß planen, um groß zu scheitern. Eine Antwort darauf kann nur sein, dass in Zukunft wieder klare Meilensteine den Größenwahn ersetzen.

Walter Ulbricht war nicht nur überzeugter Sozialist, sondern offensichtlich auch ziemlich sicher, dass an ihm ein großer Dichter verloren gegangen ist. Anders kann man sich kaum erklären, dass er seine Liebe zu Plänen aller Art in folgender Form dokumentierte

Wenn ich durch die Straßen gehe / Und etwas Neues, Schönes sehe / Weis’ ich stolz darauf / Das hat mein Freund getan! / Mein Freund, der Plan!

Was mit dem Land geschah, das Ulbricht mit seinen „Freunden“ beglückte, ist hinreichend bekannt. Man stellt sich nur die Frage: Warum scheint man an manchen Stellen daraus nichts gelernt zu haben?

Je größer ein Plan ist, desto sicherer scheitert er. Das lässt sich an der Elbphilharmonie in Hamburg beobachten, die nach Plan einmal 77 Millionen Euro kosten und 2010 eröffnet werden sollte. Nun wird es … na ja, man weiß es ja eigentlich noch gar nicht. Und die Kosten liegen wohl eher in der Nähe des Zehnfachen des ursprünglichen Preises als in der Nähe des Doppelten. Die Planungspannen rund um den Flughafen Berlin-Brandenburg oder Stuttgart 21 würden an dieser Stelle die Kolumne sprengen. Und auch große Ideen wie die Lissabon-Strategie der Europäischen Union oder die Energiewende der Bundesregierung litten nie an einem Mangel an Vision oder Pathos, sondern daran, dass man sich vor lauter Großplanerei nicht allzu viele Gedanken darüber machte, wie denn der Plan am Ende Realität werden sollte.

Anstatt großer Worte bedarf es klarer Meilensteine

Zu oft werden Pläne politisch gemacht, eher aus dem Bauch heraus und von Wünschen gesteuert. Diejenigen, die diese Wolkenkuckucksheime bauen sollen, werden dann aber in den meisten Fällen alleine gelassen mit der Frage, wie denn die oftmals unrealistischen Ziele erreicht werden sollen. Wenn dann sogar noch genau dort gespart wird, wo es wichtig und teuer wird, wenn etwas schiefläuft, nämlich beim Projektmanagement, ist die Katastrophe kaum noch zu vermeiden. Das laienhafte Vorgehen bei der Planung der Elbphilharmonie ist dafür das mächtigste Beispiel.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es muss auch in Zukunft noch möglich sein, Großprojekte zu erdenken und auch umzusetzen. Allerdings muss wieder viel mehr als bisher gelten, dass die politische Entscheidungskompetenz nicht entkoppelt werden darf von der politischen Verantwortung. Nicht der erste Spatenstich sollte gefeiert werden, sondern der Projektabschluss. Denn mit der Formulierung eines Ziels alleine ist noch nichts erreicht. Anstatt großer Worte bedarf es klarer Meilensteine, deren Umsetzung kontinuierlich beobachtet werden und zu denen es jeweils klare Verantwortlichkeiten gibt. Hätte man darauf geachtet, wäre das Berliner Flughafendebakel niemals so eskaliert, weil man nicht erst kurz vor der Eröffnung die Verfehlungen bemerkt hätte.

Die Politik sollte den Umgang mit Großprojekten deutlich professionalisieren und Expertenteams aufbauen, die auch über Verwaltungsgrenzen hinweg eingesetzt werden können. Wenn auf der einen Seite juristisch bestens beratene Profis sitzen, die regelmäßig Großprojekte betreuen und auf der anderen Seite Verwaltungsmitarbeiter, die bis dahin vielleicht für die städtische Müllabfuhr zuständig waren, kann das aus Sicht der Bürger nur schiefgehen. Auf verfehlte Pläne einfach mit neuen, angepassten Plänen zu reagieren, das alleine wird nicht reichen. Das wusste übrigens auch schon Bertolt Brecht, als er formulierte:

Ja, mach nur einen Plan / sei nur ein großes Licht / und mach dann noch ’nen zweiten Plan / geh’n tun sie beide nicht.

Es ist jetzt jedem selbst überlassen, ob er es mit Brecht oder Ulbricht halten will …

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