Zwitschere mir das Lied von der Revolution

Christoph Giesa6.03.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Können Facebook und Twitter dabei helfen, Diktatoren aus dem Land zu jagen? Ja, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Denn Revolutionen hat es schon immer gegeben, entscheidend sind meistens andere Faktoren.

c6404697ec.jpg

Seit einiger Zeit wird nun schon die Diskussion geführt, ob echte Revolutionen in Zukunft in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter stattfinden oder zumindest durch diese befördert werden. Bei aller Euphorie gibt es immer noch eine ganze Reihe kritischer Stimmen. Denn auch wenn man heutzutage selbst den Partner im Netz finden kann, scheinen die sonstigen Beziehungen doch eher lose. Wird die Macht des Netzes also überschätzt? Die letzten Wochen haben denjenigen, die diese These vertreten, merklich den Wind aus den Segeln genommen. Afrikanische Diktatoren und auch Lichtgestalten wie zu Guttenberg mussten nicht zuletzt wegen der geballten Macht des Netzes ihren Abschied nehmen. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Gruppentrieb

Vielleicht macht es Sinn, einmal einen Blick zurück zu werfen. Das Internet gab es nicht immer, Proteste und Umstürze fanden aber trotzdem statt. Was revolutionäre Bewegungen regelmäßig brauchen, ist ein harter Kern an Menschen, der vorangeht. Letztlich geht es darum, dass dieser Nukleus, gewissermaßen die „kritische Masse“ an Revolutionären sich zunächst einmal finden und versammeln kann. Bestenfalls geschieht dies in einem Bereich, der auch in einem feindlichen Regime frei ist von staatlicher Kontrolle. Das kann das private Umfeld sein, wo natürlich die Bindungen zwischen den Menschen am engsten sind und damit auch die Neigung, in Krisensituation füreinander einzustehen, steigt. Das können aber auch Hochschulen (Ungarn 1956 /China 1989), Gewerkschaften (Polen 1989) oder Gotteshäuser (DDR 1989/ Birma 2007) sein. Auch die Demonstrationen in Ägypten waren nicht zufällig freitags am besten besucht: Mit dem Gebet gab es eine Möglichkeit, sich zu versammeln, ohne dass die Staatsmacht dies verhindern konnte und die Proteste dann schon in einer großen Menschenmenge zu beginnen, als erst mit einer kleinen, relativ leicht angreifbaren Gruppe um Unterstützung der Anwohner zu bitten. Je größer die Gruppe, desto geringer ist der benötigte Mut des Einzelnen, sich anzuschließen. Es gilt also: Am Anfang einer Bewegung gibt es die Möglichkeit, einen Nukleus zentral und über persönliche Bindungen zu organisieren. In diesem ist die Wahrscheinlichkeit von Ausfällen gering, die Geschwindigkeit des Anwachsens ist allerdings auch limitiert und eine Bewegung ist länger und leichter verletzlich. Mit den sozialen Netzwerken hingegen besteht die Möglichkeit, eine große Zahl von Menschen einzubeziehen. Zwar wird nicht jeder selbst gleich den Weg auf die Straße mitgehen, aber die Verbreitung der Information durch einen Klick ist mit geringen Transaktionskosten verbunden und sorgt schnell für eine größere Öffentlichkeit, ein Wir-Gefühl, eine Kommunikationsplattform und eine große Zahl von dezentralen Unterstützern und Beobachtern. Diese Struktur macht es sehr viel schwerer, sie zu zerschlagen.

Soziale Netzwerke sind kein Allheilmittel

Droht die Gefahr einer Zerschlagung nicht, wie etwa bei rechtsstaatlich abgesicherten und regionalen Bürgerbegehren, wo oftmals enge persönliche Bindungen zwischen den Engagierten bestehen und der Zeitfaktor nicht so entscheidend ist, werden Facebook und Co. auch zukünftig kaum eine Rolle spielen. Das hat die Revolte gegen die Hamburger Schulreform beispielhaft gezeigt. Dann aber, wenn es um regional verteilte Interessen, um Leib und Leben oder um Geschwindigkeit geht, was es ungleich schwieriger macht, ein Momentum zu generieren, erweitern die sozialen Netzwerke das Instrumentarium der Bewegungen enorm. Wir dürfen also gespannt sein.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

5 Dinge, die ich seit der Coronakrise mache

Es ist der 1. April, ein Grund genug, mal etwas anderes über die Welt in Zeiten des Coronavirus zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire.

Wer soll das bezahlen?

Der Bundestag hat ein Corona-Hilfspaket von insgesamt 756 Milliarden Euro beschlossen. Um Himmels willen, wer soll das bezahlen? Wieder einmal bestätigt sich der berühmte Satz Bertold Brechts: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.“

Linda Teuteberg (FDP): Es wird länger dauern als bei Banken- und Eurokrise

„The European“ hat in allen Bundestagsfraktionen nachgefragt: Wie gehen Abgeordnete mit Corona um? Wie hat sich ihr Alltag geändert? Haben sie Tipps für den Bürger? Und vor allem: Wann normalisiert sich unser Leben wieder? Hier antwortet die Bundestagsabgeordnete und FDP-Generalsekretärin Li

Ist die politische und mediale Hysterie vielleicht viel ansteckender und gefährlicher als die biologische?

Europa im Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben wird lahmgelegt, Kindergärten, Schulen und Sportstätten geschlossen, in den Supermärkten kommt es zu Schlangen und Hamsterkäufen, die Wirtschaft stürzt in eine Rezession und Depression, soziale Kontakte sollen begrenzt und Menschen in ihren Wohn

Die Ökonomie von Kontaktsperren

Auf der ganzen Welt suchen Regierungen nach Möglichkeiten, das Prinzip der sozialen Distanzierung zu etablieren, um die COVID-19 Infektionen in den Griff zu bekommen. Dabei zeigt sich fast überall: Ohne Zwang geht es nicht.

Linken und rechten Extremismus müssen wir vermeiden

Nun ist der „Stresstest“ für die Demokratie heute ungleich größer. Denn noch niemals in der Geschichte der Bundesrepublik war das Land so nah an dem, was die Notstandsgesetzgeber als „worst-case-scenario“ befürchtet haben. Noch nie mussten Regierungen zu solchen Einschränkungen von Frei

Mobile Sliding Menu