Die Generationenfrage | The European

Generation Teflon

Christoph Giesa15.03.2012Innenpolitik

Vielen deutschen Spitzenpolitikern mangelt es nicht an glatten Lebensläufen. Was fehlt ist Tiefe, Nachhaltigkeit und Substanz. Kein Wunder, dass die Menschen sehnsüchtig auf die Vergangenheit setzen.

e082d8cce2.jpg

Carlo Saraceni 1579 – 1620

Es ist schon eklatant: All die Spitzenpolitiker, die in letzter Zeit in schweres Fahrwasser kamen und am Ende ihren Hut nehmen mussten, sind männlich, haben ähnliche (Nicht-)Biografien, die aus nicht viel mehr als einer Parteikarriere bestanden und gehören zu einer Politikergeneration. Egal ob sie nun zu Guttenberg, Westerwelle oder eben Wulff heißen: Sie alle galten lange Zeit als politische Talente, sie alle wirkten irgendwie glatt gebügelt – und sie alle stolperten am Ende über ihren eigenen übertriebenen Ehrgeiz, der sie Fehler machen ließ, die dem Anspruch und den Ämtern nicht angemessen sind.

Es fehlt an Tiefe, Nachhaltigkeit und Substanz

In der Welt wurde, auch vor dem Hintergrund, dass fast zeitgleich mit der Ersetzung Wulffs durch Gauck auch Otto Rehagel und Jil Sander wieder auf die große Bühne zurückkehrten, gleich “„Hurra, die Alten kommen“(Link)”:http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13885926/Sander-Rehhagel-Gauck-hurra-die-Alten-kommen.html ausgerufen, die FAZ sprach etwas nüchterner vom „Abtritt ohne Vermächtnis“ der Babyboomer. Es scheint durchaus etwas dran zu sein, dass zumindest der Teil der Generation, für die das Zerrbild des erfolgreichen Investmentbankers Vorbild und Zielsetzung zugleich gewesen zu sein, sich hat verführen lassen – und dabei vergaß, dass neben dem perfekten (Selbst-)Marketing auch ein wenig inhaltliche Tiefe, ein wenig Nachhaltigkeit im Denken, ein wenig Substanz gehört. Das geschah sicher auch angeheizt durch eine Zeit, in der die Welt in Reichtum und Pastelltönen zu glänzen schien und all die Dinge, die immer gegolten hatten, für überholt erklärt wurden. Eine durchdachte Alternative stand allerdings noch nicht zur Verfügung, das war vermutlich das Problem. Es scheint ein wenig so, als ob auch in der Politik die Transformationsphase, die die Gesellschaft immer noch durchläuft, ihre Fingerabdrücke hinterlassen hätte, und zwar in Form von Politikertypen wie Wulff, Guttenberg und Westerwelle. Sie glaubten, Politik nach den alten Regeln machen zu können, ohne den gleichen Tiefgang wie ihre Vorgänger zu erreichen und unter gleichzeitiger totaler Ignoranz des Faktes, dass die Veränderungen in der Gesellschaft auch die Regeln des Politischen veränderten. Nur wenige Jahre funktionierte das Konzept von Hochglanzauftritten, kombiniert mit eingängigen, zitatfähigen Botschaften ohne Fundament, die Suche nach dem Glamour, nach der Nähe zur High Society, nach dem Glanz des öffentlichen Auftritts, anstatt dem Aufstieg durch überzeugende Konzepte. In Zeiten zunehmender Transparenz ist es nur eine Frage der Zeit, bis mehr und mehr Menschen das Spiel durchschauen. Spätestens in dem Moment, wo den Worten Taten folgen müssen, wird es eng, egal ob als Außen- oder Verteidigungsminister oder als Bundespräsident.

Der Zeit den Stempel aufdrücken

Dass nun an der einen oder anderen Stelle wieder nach den “alten Politikertypen(Link)”:http://theeuropean.de/debatte/9734-typus-berufspolitiker gerufen wird, hat sicher in Teilen auch damit zu tun, dass man früher nicht all das wusste, was heute herauskommt und es daher leichter war, als Politiker glaubhaft und mit einem gewissen Vorbildcharakter aufzutreten. Auf der anderen Seite aber steht eben typischerweise auch das, was den jüngeren fehlt: ein positiver (oder zumindest als solcher wahrgenommener) Leistungsnachweis. Dabei ist der alleinige Ruf nach den „Alten“ gefährlich, weil man in diesem Augenblick auch die Augen davor verschließt, dass deren Konzepte in der heutigen Welt alleine auch nicht mehr greifen. Vielleicht sollte man stattdessen auch einmal auf den Nachwuchs schauen, auf die Generation nach den Babyboomern, die ihren eigenen Stil, ihr eigenes Projekt vielleicht noch sucht, auf jeden Fall aber einen anderen, eigenen Blick auf die neuen Herausforderungen entwickeln wird. Christian Lindner etwa war (und ist) ein Vertreter dieser neuen Generation, der als Generalsekretär einer Regierungspartei durchaus die Möglichkeiten gehabt hätte, Maßstäbe zu setzen. Er ist mit seinem Abgang Ende letzten Jahres ein Symbol, denn er scheiterte letztlich auch an einem Phänomen, das so nicht neu und sicher weit verbreitet, deswegen aber nicht weniger problematisch ist. Beim Versuch etwas zu verändern, verbrüderten sich nämlich die, die früher da waren und die, die diese abgelöst hatten (und nun wiederum von diesen abgelöst werden sollen, wenn nach den „Alten“ gerufen wird), gegen die, die danach kommen. Ein Scheitern der Vertreter der jungen Generation wird so sehr wahrscheinlich, wenn sie denn tatsächlich überhaupt in wichtige Positionen kommen. Am Ende bleibt kaum mehr jemand übrig, der der Zeit seinen Stempel aufdrücken könnte… vielleicht auch ein Grund, warum die Menschen inzwischen ganz weit in die Vergangenheit schauen und Helmut Schmidt zum perfekten Kanzler hochstilisieren. Das hilft allerdings wirklich niemanden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

SignsAward: Der Gute-Geschichten-Abend

Er würdigt mutige, impulsgebende und Zeichen setzende Persönlichkeiten: Der SignsAward ehrte in der BMW Welt München die Zeichensetzer des Jahres 2022. Es war ein festliches Jubiläum voller guter Geschichten.

Existiert Gott? So glaubt Deutschland

In drei Wochen feiern Christen die Geburt Jesu vor mehr als zwei Jahrtausenden. Das Christentum hat Europa und Deutschland tief geprägt. Aber in den letzten Jahrzehnten sank die Zahl der Gläubigen und der Gottesdienstbesucher schnell. Nicht einmal jeder Zweite gehört noch einer der beiden großen

Zentralasien: Nach dem Besuch der deutschen Auβenministerin gibt es noch viel zu tun

Die Reise von Außenministerin Annalena Baerbock nach Kasachstan und Usbekistan vermittelte den Eindruck, dass man die Länder dabei unterstützt, Russland und China die Stirn zu bieten. Doch es bleibt viel zu tun.

Die Ampel-Energiepolitik ist heuchlerisch

Die Meinung von Holger Ohmstedt (red), Tagesthemen

Die Ampelregierung fühlt sich an wie der DFB

Die Ampelregierung bekommt zum Einjährigen miserable Umfragewerte, die politische Stimmung in Deutschland ist schlecht. Statt der angekündigten Fortschrittsregierung erlebt das Land eine Streitkoalition mit schlechten Leistungen. Welche Note hat das Scholz-Team verdient? Von Wolfram Weimer

Achtung, die Transferunion droht!

In Brüssel wird derzeit über eine Reform des bestehenden Stabilitäts- und Wachstumspaktes diskutiert - und damit über die als Maastricht-Kriterien bekannten Anforderungen zur Wahrung der Preis- und Haushaltsstabilität in den Mitgliedsstaaten. Von Engin Eroglu

Mobile Sliding Menu