Was geblieben sein wird

von Christoph Giesa19.01.2012Innenpolitik

Das neue Jahr ist angebrochen und damit wird es Zeit, einen Blick in die Glaskugel zu werfen. Uns erwarten zwölf Monate mit alten Wegbegleitern (Wulff, Schmidt, Guttenberg) und neuen wirtschaftsflüchtigen Freunden (Italiener, Griechen und Spanier).

Nachdem es ja schon seit Jahren eine Inflation mehr oder weniger gut gemachter Jahresrückblicke gibt, kommt in letzter Zeit ein weiteres Genre immer stärker auf: der Jahresrückblickvorausblick. Weil an dieser Stelle ja immer ein Stück voraus gedacht werden soll (was vermutlich einmal besser und einmal schlechter gelingt), will der Autor sich diesem Trend nicht entgegenstellen. “Was werden wir also in einem Jahr mit Rückblick auf das politische Jahr 2012 sagen?(Link)”:http://www.theeuropean.de/christian-boehme/9391-deutschland-2012 Die wichtigste Nachricht gleich am Anfang: Schwarz-Gelb regiert immer noch. Warum, das weiß keiner so genau. Manche munkeln, es hätte mit der Angst der Abgeordneten vor dem harten Arbeitsmarkt zu tun, was aber in Zeiten von Vollbeschäftigung in weiten Teilen des Landes als Erklärung nicht reicht. Ein Schelm, wer daran denkt, dass die Damen und Herren Abgeordneten die wahren Zahlen hinter den Arbeitslosenstatistiken vielleicht besser kennen als der Durchschnittsbürger. Denn trotz einer De-facto-Stagnation gibt es am Arbeitsmarkt keinen Abschwung …

In Griechenland leben nur noch die alten Griechen

Apropos Abschwung. Den spüren auch die Griechen nicht. Also zumindest die, die inzwischen ins Ausland ausgewandert sind, wo sie auf reichlich Portugiesen, Spanier und Italiener treffen, die es ihnen gleichgetan haben. Zwar haben auch die Kanzlerin und ihr neuer bester Freund, Nicolas S. aus P. in Frankreich, irgendwann mit ernster Miene verkündet, dass man den Menschen in den Krisenländern eine Perspektive bieten müsse und Sparzwänge alleine nicht zum Ziel führen. Da schrieb man allerdings schon Oktober 2012, und in Griechenland lebten nur noch die ganz alten Griechen, die Mitglieder der EU-Task-Force und ein paar Engländer, die im Dauerrausch nicht mitbekommen haben, dass die Party vorbei ist. Die EU-Kommission wusste aber selbst diese traurige Erkenntnis in einen Sieg umzuwandeln und verkündete, dass der griechische Haushalt in Zukunft rein digital von Brüssel aus gesteuert würde, was es so noch nicht gegeben habe und was doch eindeutig für die unglaubliche Innovationskraft der EU spräche. Die Idee zu diesem phänomenalen Schachzug kam, wie könnte es anders sein, vom neuen Internet-Chefberater zu Guttenberg, der zufällig in just dem Moment, in dem ihm dieser Geistesblitz kam, von einem Kamerateam von VOX begleitet wurde, das ihn eigentlich als Nachfolger der Auswandererfamilie Reimann begleiten sollte, ihm aber nach diesem Coup sofort ein zwölfteiliges Reality-Format auf den Leib schrieb, das den Sendeplatz von Daniela Katzenberger erbte und für Quotenrekorde sorgte. Titel: „Vorerst erfolgreich“. Nach der siebten Folge flog allerdings auf, dass die Idee doch nicht so ganz von zu Guttenberg kam, sondern von einem Praktikanten in der Kommission geklaut worden war. Der Baron war damit wieder einmal am Ende seiner Kräfte und machte dann doch lieber die Auswanderer-Reihe. Was sonst noch so geschah? Nun ja, Peer Steinbrück wurde nach einer das gesamte Sommerloch füllenden Diskussion dann doch nicht Kanzlerkandidat, wie es alle erwartet hatten. Allerdings waren es weder Gabriel noch Steinmeier, die ihm zuvorkamen. Vielmehr bat die SPD ihre Mitglieder im Rahmen eines Mitgliederentscheids, den Namen aufzuschreiben, den sich die Genossen als Kandidaten wünschten. Nach einem harten aber fairen monatelangen Wahlkampf der drei genannten an der Basis kam die Überraschung an dem Tag, an dem das Ergebnis bekannt gegeben wurde: Die Basis hatte sich mit großer Mehrheit für Helmut Schmidt entschieden. Dieser ließ sich ein wenig bitten, hielt dann aber bei Jauch in dessen letzter Sendung ein flammendes Plädoyer für sich selbst und bekannte dann, er werde sich auch diesmal nicht aus der Verantwortung stehlen.

Alles irgendwie wie immer

Christian Wulff zeigte, dass er gelernt hatte, und hielt sich von seinen reichen Freunden fern. Sein Urlaub auf dem Bauernhof wurde auch solange begrüßt, bis die Grünen herausfanden, dass der Cousin des Schwagers der Schwester der Bäuerin einmal neben einem Feld eine Ferienwohnung gehabt haben soll (bisher unbewiesen), auf dem gentechnisch verändertes Saatgut getestet worden war. Renate Künast dazu, natürlich mit der altbekannten kritischen Miene: „Ich sage jetzt nicht, der Bundespräsident muss deshalb zurücktreten.“ Die Anwälte von Wulff stellten dabei fest, dass juristisch alles einwandfrei gewesen war; der dritte stellvertretende Redenschreiber musste allerdings trotzdem gehen, weil er sich zu erinnern glaubte, die Nichte der Schwester der Bäuerin einmal nach dem Weg gefragt zu haben. Wer anders als die „Bild“ hätte diesen Skandal wohl aufdecken sollen? Alles also irgendwie wie immer.

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