Prominente von morgen

von Christoph Giesa13.05.2015Gesellschaft & Kultur

Eine Erwachsene schnauzt in der Straßenbahn eine Gruppe tobender Kinder an. Mit dieser Reaktion eines Elfjährigen hätte sie wohl nicht gerechnet.

The European ist bekanntlich ein Debattenportal. In der Regel vertreten die Autoren an dieser Stelle ihre eigenen starken Meinungen. Heute will ich davon einmal eine Ausnahme machen und auf Basis eines Fundstücks einen Elfjährigen aus dem Jahre 1985 zu Wort kommen lassen. Der war damals mit seinen Freunden auf dem Schulweg und vielleicht ein bisschen übermütig, als eine Erwachsene die Gruppe schroff zurechtwies. In seiner Empörung verfasste er einen lesenswerten Brief, den er zwar nie abschickte, der aber nun, 30 Jahre später, an dieser Stelle seinen Platz finden soll und den wohl niemals enden wollenden Kampf zwischen Jung und Alt einerseits, aber auch der Erwachsenen gegen das Einsickern der Griesgrämigkeit anderseits mit einem gewissen Augenzwinkern auf den Punkt bringt.

_Ihro Gnaden werden bitte die Güte mit der Freundlichkeit verbinden und meinen kärglichen Worten Aufmerksamkeit schenken. Wie die Allerwerteste einsehen wird, können wir in unserer kleinen Wohnung nicht austoben. In der Schule könnte man, wegen Beinbruch oder anderen Unannehmlichkeiten mit den Lehrern unsres (wohlgemerkten!) Gymnasiums Schwierigkeiten bekommen. Gnädigste Dame werden einsehen, daß wir uns austoben eben nur auf dem gemeinsamen Schulweg können._

_Was fahren Sie uns an, die wir das ganze Leben vor uns haben. Sie haben ihre Chance verpasst, während wir unsere noch holen können. So könnte unter uns ein später sehr bekannter Fußballer, ein Bundeskanzler, ein Landtagspräsident und Filmstars sitzen. Sie wählen hier Flaschen (Kohl) als Vertretung Deutschlands in anderen Ländern und das müssen die Jugendlichen von heute, wie wir welche sind, ausmerzen, wenn Kohl eine Doktorarbeit über das Radieschenwachstum von der Unterseite schreiben kann!_

Waren Sie immer brav?

_Jugendliche von heute sind Prominente von morgen! Unter uns könnte einer sitzen, der auf die Idee kommt, in andere Sonnensysteme zu fliegen und sie verwirklicht. Jemand, der Plastik als neuen Treibstoff entdeckt! Sie brüllen uns hier an! Waren Sie denn in unserem Alter brav, haben Sie immer schön Tellerchen aufgegessen, damit’s schönes Wetter wird und es der Mami gefallen hat? Wenn Ihnen unsere Heiterkeit nicht paßt, gehen Sie sich doch woanders hinsetzen!_

_Wir sind fröhlich und Sie haben schlechte Laune. Sie sind neidisch auf uns, Sie wollen, daß wir schlechte Laune bekommen, damit Sie sich nicht zu ärgern brauchen! Wer muß denn dann die Rente für Sie als 85-Jährige auftreiben! Das sind die Jugendlichen von heute. Ebenangeführtes einzusehen bedarf keiner Gehirnakrobatik. Bei Schwierigkeiten nehmen Sie sich am besten einen Dolmetscher! Das habe ich zur Verteidigung unserer Rechte zu sagen. Jugend von heute: Prominente von morgen!!!_

Der Elfjährige von damals wurde zwar bis heute nicht zum Bundeskanzler oder Filmstar, immerhin aber zum Vater toller Kinder. Und was nicht ist, kann ja noch werden. Seinem autoritätskritischen und innovationsfreundlichen Impuls ist er allerdings treu geblieben und engagiert sich mit großem persönlichem Einsatz in der FDP auch heute noch für die Rechte zukünftiger Generationen.

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