Wovor habt ihr eigentlich Angst?

von Christoph Fahle11.05.2010Innenpolitik, Wirtschaft

Kontinuität, Verlässlichkeit und Planbarkeit waren die Parameter der Arbeitswelt von gestern. Heute glauben wir an Begriffe wie Dynamik, Improvisationskunst und Freiheit. Wir rennen rückwärts in die Zukunft, sollten aber lieber nach vorne schauen.

Die zukünftige Welt der Arbeit lässt keine Wünsche offen: Sie ist flexibel und herausfordernd, bietet maximale Selbstbestimmung und unbegrenztes Wachstum – für diejenigen, die in ihr aufgewachsen sind. Für die Anderen wirkt sie verstörend und alarmierend prekär mit einem Hang zur persönlichen Selbstausbeutung. Beides ist wahr. Kommt ganz darauf an, in welcher Welt man lebt. Seit der „Spiegel“-Titelstory glaubt es endlich auch mein Vater: Die Arbeitswelt verändert sich. Er glaubt, es wird ungemütlicher. Weniger Sicherheit, mehr Einsatz, keine Kontinuität. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Gebrochene Lebensläufe stehen auf der Tagesordnung, die Familienplanung wird sehr schwierig und hinter der Altersvorsorge steht ein großes Fragezeichen. Wir müssen mobil bleiben und der Arbeit hinterher reisen. Feste Anstellungsverhältnisse gibt es bald überhaupt nicht mehr. “Junge, besorg dir doch irgendwie eine Festanstellung!”

Wir reiten lieber eigenhändig ins Verderben

Diese Aussichten müssen sich natürlich schrecklich anhören, wenn man in einer Welt groß geworden ist, in der Kontinuität, Verlässlichkeit und Planbarkeit als positive Eigenschaften gelten. In der anderen Welt werden diese Attribute an Begriffen wie Dynamik, Improvisationskunst und Freiheit gemessen und wirken plötzlich wie Verhinderer eines erfüllteren und selbstbestimmteren Lebens. Der Wermutstropfen, dabei die eigene Rente auf’s Spiel zu setzen, ist schnell vergossen. Wir sind noch jung und der Finanzminister und die internationalen Finanzmärkten übernehmen ansonsten diesen Job. Da reiten wir lieber eigenhändig ins Verderben. Das ist sozusagen die „Do It Yourself-Generation“. Fail early and often! Und wir Wissen zusätzlich zwei Dinge. Erstens: In 30 Jahren ist nichts mehr so wie heute. Zweitens: Wenn es dann noch ein soziales Sicherungsystem geben wird, dann wird es eins sein, das sich bis dahin unseren Bedürfnissen angepasst hat. Wir sind ja dann der Normalfall und damit in der Mehrheit. In der Zwischenzeit improvisieren wir und die Sicherheitsfanatiker unter uns kaufen gerade Land für 2,50 Euro in Brandenburg. Dort kann man Kartoffeln anbauen. Gut, aber was ist da eigentlich los? Klimaerwärmung? Atombedrohung? Globalisierung? Letzteres vielleicht ein Bisschen, aber nur am Rande. Meine ehemalige Neuköllner Nachbarin verkauft Schmuck in viele Länder. Sie macht USB Manschettenknöpfe, sie sind in New York sehr beliebt und in Saudi Arabien. Sie braucht das Internet, ihre Freundin, die Goldschmiedin ist und die Post. Mehr nicht. Mark Zuckerberg, ein 26-jähriger Studienabbrecher, besitzt ein Vermögen im Wert von rund vier Milliarden Dollar. Er braucht nur das Internet. Dazwischen liegen natürlich Welten, allerdings Welten voller Menschen mit Geschichten. Und diese Geschichten sind der Katalysator für eine neue Bewertung der Situation.

Die Zukunft fährt mit 350 Sachen auf uns zu

Eine starke Dynamik ist unter Umständen keine Bedrohung mehr, sondern eine Chance. Flexibilität ist eine Möglichkeit der Selbstbestimmung und Kontinuität steht für Stagnation. Das könnte man nun endlos so fortsetzen. Jedenfalls mutet die kontroverse Diskussion über prekäre Arbeitsverhältnisse stark wie ein grundlegender Wertekonflikt an, der einfacher geführt werden kann, wenn er als solcher identifiziert wird. Die generelle Faktenlage ist unstrittig. Zuweilen kommt es mir dabei vor, als würden wir rückwärts auf die Zukunft zulaufen, während wir uns unsere Vergangenheit anschauen. Und die Zukunft ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der mit Tempo 350 auf uns zu fährt.

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