Ungleichheit wie nie – eine Folge der Pandemie | The European

Armutsforscher Butterwegge: Corona hat die Gesellschaft noch tiefer gespaltet

Christoph Butterwegge9.09.2020Wirtschaft

Global wie national gilt, dass die Reichen in der pandemischen Ausnahmesituation reicher und die Armen zahlreicher werden, schreibt Christoph Butterwegge.

Brieftasche, Quelle: Shutterstock

Die von ökonomischen, sozialen und politischen Verwerfungen begleitete Covid-19-Pandemie hat das Phänomen der Ungleichheit, ein Kardinalproblem der europäischen Gesellschaften und der Menschheit insgesamt, wie unter einem Brennglas sichtbar gemacht. Wie nie zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg wurde erkennbar, dass trotz eines verhältnismäßig hohen Lebens- und Sozialstandards im Weltmaßstab sowie entgegen allen Beteuerungen, zumindest bei den reichsten EU-Staaten handle es sich um klassenlose Gesellschaften mit gesicherter Wohlständigkeit aller Mitglieder, ein großer Teil der Bevölkerung nicht einmal für wenige Wochen ohne seine ungeschmälerten Regeleinkünfte auskommt.

Vom „rheinischen“ zum „schweinischen Kapitalismus“?

Der französische Ökonom Michel Albert hat die deutsche Gesellschaft kurz nach der Vereinigung von BRD und DDR zusammen mit den Niederlanden, der Schweiz sowie den skandinavischen Staaten als „rheinischen Kapitalismus“ bezeichnet und ihn dem angelsächsischen bzw. US-amerikanischen Wirtschaftsmodell idealtypisch gegenübergestellt. In seinem Buch Capitalisme contre Capitalisme schrieb Albert, der endgültige Zusammenbruch des Kommunismus habe die Unterschiedlichkeit zwischen beiden Modellen erst richtig deutlich gemacht: „Das neo-amerikanische basiert auf dem individuellen Erfolg und dem schnellen finanziellen Gewinn. Das rheinische hat sein Zentrum in Deutschland und ist dem japanischen sehr ähnlich. Wie dieses auch favorisiert es den gemeinschaftlichen Erfolg, den Konsens und das langfristige Vorausdenken.“

Obwohl weniger egalitär, gerecht und effizient, werde sich das ultraliberale Modell des US-Kapitalismus, bedingt durch die Entwicklung der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die neoliberale Globalisierung der Finanzwirtschaft, über die ganze Welt ausbreiten, prognostizierte Albert damals. Tatsächlich hat in den vergangenen Jahrzehnten – feuilletonistisch ausgedrückt – ein Wandel vom „rheinischen“ zum schweinischen Kapitalismus stattgefunden. Bei dem Letzteren handelt es um ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das brutale Ausbeutung, drastische Entrechtung der Beschäftigten, systematisches Lohn- und Sozialdumping, skrupellose Leuteschinderei und massenhafte Tierquälerei duldet sowie der Profitmaximierung durch eine kleine Gruppe von Multimillionären und Milliardären, die eng mit Exponenten des politischen und Regierungssystems verbunden sind, praktisch keine Grenzen setzt.

Dies wurde nie deutlicher als während der Covid-19-Pandemie: Mehr als 1.400 Beschäftigte der größten Fleischfabrik Europas, in der man täglich zehntausende Schweine schlachtet, zerlegt und weiterverarbeitet, wurden im Juni 2020 positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Darunter waren besonders viele polnische, rumänische und bulgarische Werkvertragsarbeiter/innen, die unter skandalösen Arbeits- und Wohnbedingungen litten. Alle seinerzeit am Hauptsitz des Fleischkonzerns Tönnies in Rheda-Wiedenbrück tätigen Menschen mussten sich mitsamt ihren Familien in Quarantäne begeben, weil ein Überspringen des Virus auf die Gesamtbevölkerung befürchtet wurde.

Seuchen als soziale Gleichmacher?

Seuchen haben in der Vergangenheit oftmals zur Verringerung der Ungleichheit beigetragen, wenn auch nur für eine gewisse Zeit. Dies geschah etwa bei der mittelalterlichen Pest, die in Europa ab 1347 unzählige Menschen aller Stände dahinraffte, zumindest für eine gewisse Zeit. Einerseits sanken (aufgrund fehlender Bewohner/innen) die Lebensmittel-, Boden- und Immobilienpreise, andererseits stiegen (aufgrund fehlender Arbeitskräfte und einer gestärkten Verhandlungsposition der überlebenden gegenüber ihren Arbeitgebern) die Löhne.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien vor einem Virus alle Menschen gleich. Bezüglich der Infektiosität von Coronaviren trifft diese Aussage zu, im Hinblick auf das Infektionsrisiko allerdings nicht. So traf die Covid-19-Pandemie alle Menschen, aber keineswegs alle gleichermaßen. Je nach Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnissen und Gesundheitszustand waren sie vielmehr ganz unterschiedlich betroffen. Wegen der niedrigen Lebenserwartung von Armen, die rund zehn Jahre geringer ist als die Lebenserwartung von Reichen, gilt selbst in einer wohlhabenden, wenn nicht reichen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland die zynische Grundregel: Wer arm ist, muss früher sterben. Während der Coronapandemie galt: Wer arm ist, muss eher sterben. Denn das Infektionsrisiko von Arbeitslosen und Armen war deutlich höher als das von Reichen.

Mit den bakteriell ausgelösten Epidemien, die Deutschland im 19. Jahrhundert heimsuchten – Cholera, Tuberkulose und Typhus –, hatte die Covid-19-Erkrankung gemeinsam, die Immun- und Einkommensschwächsten am stärksten zu treffen. Hauptleidtragende sind die Armen der von dieser Pandemie heimgesuchten Gesellschaft: Obdach- und Wohnungslose, aber auch andere Bewohner/innen von Gemeinschaftsunterkünften wie Gefangene, Geflüchtete sowie (süd)osteuropäische Werkvertrags- und Saisonarbeiter/innen, Migrant(inn)en ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige, Suchtkranke, Prostituierte, Erwerbslose, Geringverdiener/innen, Kleinstrentner/innen und Transferleistungsbezieher/innen.

Corona, Armut und Reichtum

Global wie national gilt, dass die Reichen in der pandemischen Ausnahmesituation reicher und die Armen zahlreicher werden. Die durch das Coronavirus bewirkte Zerstörung von Lieferketten und Vertriebsstrukturen, der Verlust von Absatzmärkten sowie die als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie behördlich verordnete Schließung von Geschäften, Gaststätten, Hotels, Clubs, Kinos, Theatern und anderen Einrichtungen hatten erhebliche wirtschaftliche Einbußen für die dort Tätigen, aber auch Konkurs und Entlassungen zur Folge. Die als größte Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg geltende Krise warf nicht bloß ein Schlaglicht auf die bestehende Ungleichheit, verschärfte sie in Teilbereichen vielmehr noch. Einerseits blieben Kurzarbeit sowie massenhafte Entlassungen (z.B. in der Gastronomie, der Touristik und der Luftfahrtindustrie) nicht aus, andererseits realisierten Großkonzerne krisenresistenter Branchen (z.B. Lebensmittel-Discounter, Drogeriemärkte, Versandhandel, Lieferdienste, Digitalwirtschaft und Pharmaindustrie) in der Coronakrise sogar Extraprofite.

Zu den Hauptprofiteuren des Krisendesasters gehörten einige der profitabelsten Unternehmen. So expandierte das Amazon-Imperium unmittelbar nach dem Beginn der Pandemie und suchte allein in den USA 100.000 zusätzliche Arbeitskräfte, um den Boom im Online-Versandhandel zu bewältigen. Im ersten Quartal 2020 stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahresergebnis um 26 Prozent auf 75,5 Milliarden US-Dollar, und Jeff Bezos, vorher schon reichster Mann der Welt, vergrößerte sein Vermögen aufgrund der Coronakrise weiter. Auf dem Höhepunkt der Pandemie war es im Vergleich zum Jahresbeginn 2020 laut dem Bloomberg Billionaires Index um 24 Milliarden Dollar auf 138,5 Milliarden Dollar gestiegen. Viele kleine Einzelhändler/innen haben wegen der Schließung ihrer Läden und ausbleibender Kunden hingegen ihre Existenzgrundlage verloren.

Zwar brachen die Aktienkurse nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie an sämtlichen Börsen der Welt vorübergehend ein, dramatische Verluste erlitten aber vor allem Kleinaktionäre, die generell zu Panikreaktionen und überhasteten Verkäufen neigen. Großinvestoren dürften die Gunst der Stunde außerdem für Ergänzungskäufe zu relativ niedrigen Kursen genutzt und davon profitiert haben, dass der Kurstrend bald wieder nach oben zeigte.

Durch wochenlange Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Einrichtungsschließungen wurde die ohnehin brüchige Lebensgrundlage von Bettler(inne)n, Pfandsammler(inne)n und Verkäufer(inne)n von Straßenzeitungen zerstört, weil fehlende Passant(inn)en und die Furcht der verbliebenen davor, sich zu infizieren, manchmal zum Totalausfall der Einnahmen führten. Die finanzielle Belastung von Transferleistungsbezieher(inne)n, Kleinstrentner(inne)n und Geflüchteten nahm durch die Schließung der meisten Lebensmitteltafeln weiter zu.

Prof. Dr. Christoph Butterwegge hat von 1998 bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Heute erscheint sein Buch „Ungleichheit in der Klassengesellschaft“ im PapyRossa Verlag.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

SignsAward: Der Gute-Geschichten-Abend

Er würdigt mutige, impulsgebende und Zeichen setzende Persönlichkeiten: Der SignsAward ehrte in der BMW Welt München die Zeichensetzer des Jahres 2022. Es war ein festliches Jubiläum voller guter Geschichten.

Existiert Gott? So glaubt Deutschland

In drei Wochen feiern Christen die Geburt Jesu vor mehr als zwei Jahrtausenden. Das Christentum hat Europa und Deutschland tief geprägt. Aber in den letzten Jahrzehnten sank die Zahl der Gläubigen und der Gottesdienstbesucher schnell. Nicht einmal jeder Zweite gehört noch einer der beiden großen

Zentralasien: Nach dem Besuch der deutschen Auβenministerin gibt es noch viel zu tun

Die Reise von Außenministerin Annalena Baerbock nach Kasachstan und Usbekistan vermittelte den Eindruck, dass man die Länder dabei unterstützt, Russland und China die Stirn zu bieten. Doch es bleibt viel zu tun.

Die Ampel-Energiepolitik ist heuchlerisch

Die Meinung von Holger Ohmstedt (red), Tagesthemen

flatexDEGIRO: Vom Frankfurter Fintech zu Europas größtem Onlinebroker – was jetzt?

flatexDEGIRO mausert sich zu einer spektakulären Erfolgsgeschichte. Selbst im branchenweit schwierigen Jahr 2022 geht das Wachstum des Onlinebrokers weiter. Als europäischer Marktführer muss der Konzern aber auch nach strengeren aufsichtsrechtlichen Regularien spielen. Ein Interview mit dem CEO F

Mobile Sliding Menu