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Warum philanthropisches Engagement bei Kinderarmut nicht reicht

Christoph Butterwegge18.08.2021Medien, Wissenschaft

Kinderarmut gilt als die in Deutschland am weitesten verbreitete, bedrückendste und brisanteste Armuts-form. Dass ihre Armut das meiste Mitleid erregt, macht die Kinderarmut zum Kristallisationskern der Almosenökonomie. Alle Jahre wieder werden arme und kranke Kinder zu Weihnachten durch großzügige Spender/innen mit Geschenken überhäuft, um in den folgenden Monaten erneut der Vergessenheit anheim-zufallen. Von Christoph Butterwegge

Wir haben immer noch zu viel Kinderarmut, beklagt Armutsforscher Christoph Butterwegge, Quelle: Shutterstock

Was, fragt man sich, wären arme Familien eigentlich ohne die Existenz von Freiwilligenagenturen, Suppenküchen (Lebensmitteltafeln bzw. Kindermittagstischen), privaten Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern? Vermutlich noch ärmer, hungriger und schlechter mit lebensnotwendigen Gütern ausgestattet. Insofern darf man den Nutzen karitativer Einrichtungen sowie der Arbeit von Wohlfahrtsverbänden, gemeinnützigen Vereinen und Kirchen für die Bedürftigen nicht kleinreden. Allerdings hat das ehrenamtliche, bürger- oder zivilgesellschaftliche Engagement aus einer gesellschaftskritischen Perspektive auch Schattenseiten. Plötzlich stehen nicht mehr die Armen, sondern die wohlhabenden Almosengeber/innen und reichen Spender mitsamt ihren Marketingkonzepten im Fokus der medialen Öffentlichkeit. Der unermüdliche Einsatz ehrenamtlicher Helfer/innen ermöglicht es außerdem Parlamenten, Regierungen und Verwaltungen, das eigene Versagen im sozialen Bereich zu kaschieren.

Lebensmitteltafeln – die modernen Suppenküchen

Je mehr wohlfahrtsstaatliches Handeln gegen Ende des 20./Anfang des 21. Jahrhunderts von den Regierungsparteien während der neoliberalen „Reformära“ zurückgedrängt wurde, desto umfassender wurde das Betätigungsfeld für karitatives, bürgerschaftliches bzw. zivilgesellschaftliches Engagement. Einrichtungen wie die Lebensmitteltafeln schossen zu jener Zeit nicht zufällig wie Pilze aus dem Boden. Inzwischen gibt es fast 1.000 Tafeln, deren Dachverband angibt, wöchentlich 1,65 Millionen „Kunden“ zu haben. Ungefähr 30 Prozent davon sind demnach Kinder und Jugendliche, 44 Prozent Erwachsene im erwerbsfähigen Alter und 26 Prozent Senior(inn)en.

Lebensmitteltafeln versorgen Arme mit Grundnahrungsmitteln, wovon besonders Großkonzerne und Handelsketten profitieren, die auf Imagegewinne durch Sponsoring spekulieren, Geld für die Entsorgung unverkäuflicher Lebensmittel sparen und Steuervorteile nutzen. Um die Ernährungsarmut in Deutschland zu beseitigen, reicht das karitative Engagement der Tafeln sicherlich nicht aus, so nötig es für absehbare Zeit auch sein mag. Da die Bedürftigkeit eng mit den bestehenden Verteilungsverhältnissen verknüpft ist, müssen diese verändert werden, um sie dauerhaft reduzieren zu können. Nur wenn ein Großteil der Bevölkerung für das Problem sensibilisiert wird, lässt sich die (Kinder-)Ungleichheit verringern und verhindern, dass immer wieder neue entsteht. Lebensmitteltafeln können dazu einen Beitrag leisten, indem sie neben der praktischen Hilfe „vor Ort“ über die reine Lobbyarbeit für Arme hinaus ein gesellschaftspolitisches Mandat im Sinne der anwaltschaftlichen Vertretung unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen wahrnehmen und so die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu deren Gunsten beeinflussen.

Seit der Bismarck’sche Sozialversicherungsstaat durch die „Agenda“-Reformen mehr zu einem Fürsorge-, Almosen- und Suppenküchenstaat gemacht wurde, sind die Deutschen offenbar auf dem besten Weg, aus dem „Volk der Dichter und Denker“ zu einem Volk der Stifter und Schenker zu werden. Oftmals treten die Tafeln an die Stelle des Sozialstaates und tragen zur Legitimation seines „Um-“ bzw. Abbaus bei. Diese grundsätzliche Kritik an den Tafeln bezieht sich jedoch nicht auf das Engagement der freiwilligen Helfer/innen, die sich dort ehrenamtlich betätigen. Zwar lindern Spendierfreude und karitative Freigiebigkeit im Einzelfall die Not von Bedürftigen ganz erheblich, verhindern aber nicht, dass sich die gesellschaftlichen Ursachen der Armut und der sozioökonomischen Ungleichheit reproduzieren.

Stiften, Spenden und Sponsoring – die Reichen als großzügige Wohltäter?

Steuerlich begünstigtes Stiften ermöglicht es Wohlhabenden Reichen und Hyperreichen, ihre gesellschaftspolitischen Ziele zu erreichen und gleichzeitig an moralischem Ansehen zu gewinnen. Konzernstiftungen nutzen die Unterfinanzierung solcher Gesellschaftsbereiche wie des öffentlichen Bildungswesens für den Versuch, sie oder sogar die Gesamtgesellschaft in ein Modellunternehmen zu verwandeln, was sich mit demokratischen Grundsätzen nicht verträgt.

Stiften, Sponsoring und Spenden haben sich zu einem Lieblingssport von Hochvermögenden entwickelt, mit dem sie sowohl Steuern sparen wie auch „Gewissenswäsche“ betreiben können. Stiftungen können den Staat als Träger und Anbieter sozialer Dienstleistungen jedoch nicht ersetzen, weil es ihre Konstruktion einer privilegierten Minderheit erlaubt, über das Geld als zentrales Steuerungsmedium mittelbar oder unmittelbar Einfluss auf die Zielsetzungen und Förderinhalte ihrer Hilfsprogramme zu nehmen.

Oft von „Charity Ladies“, den Ehefrauen reicher Männer, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten armer Kinder finden vorwiegend in Orten statt, wo man sie am wenigsten braucht. Dort, wo die meisten armen Familien leben, etwa im Ruhrgebiet, in Bremerhaven und in Teilen Ostdeutschlands, wohnen nur wenige potenzielle Stifter, Spender und Sponsoren. Insofern kann man von einer regionalen Unwucht der Stiftungslandschaft sprechen. Das spricht für die Überlegenheit wie für die Notwendigkeit eines hoch entwickelten und überall gleichermaßen präsenten Sozialstaates. Umgekehrt leben die potentesten Geldgeber am Starnberger See, in München-Grünwald oder in Hamburg-Blankenese, wo man keine Mittagstische für arme Kinder braucht.

Almosen sind ein mittelalterlicher Weg der Armutsbekämpfung, welcher einer Sackgasse gleicht. Selbst wo sie Not lindern hilft, haftet der Privatwohltätigkeit ein fader Beigeschmack an, weil sie die dem Problem zugrunde liegenden Strukturen nicht infrage stellt und die Entstehungsursachen der Armut möglicherweise sogar zementiert. Privatwohltätigkeit packt das Übel nicht an der Wurzel, ist also keine Lösung, sondern eher Teil des Problems, das sie lindern will. Die moderne Philanthropie hat immer auch einen verteilungspolitischen Alibi- und Feigenblattcharakter. Zudem besteht die Gefahr, dass finanzkräftige Mäzene durch den Einsatz ihrer Geldmittel entscheiden, wohin sich die Gesellschaft als Ganzes entwickelt.

Vor allem reiche Unternehmer präsentieren sich in der medialen Öffentlichkeit gern als großzügige Spender. Ein prominentes Beispiel dafür bietet Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern München, der erfolgreich das Image des „Vaters Teresa vom Tegernsee“ gepflegt hatte, bevor er wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Zwar mag es besser sein, wenn sich Reiche auf sozialem Gebiet engagieren, als würden sie ihr Geld für weniger honorige Zwecke ausgeben. Am besten wäre es jedoch, wenn sie höhere Steuern auf Einkommen, Vermögen, Erbschaften, Gewinne und Finanztransaktionen zahlen und so mehr zur Finanzierung des Wohlfahrtsstaates beitragen, allerdings demokratisch legitimierte Gremien darüber entscheiden lassen würden, wohin das vom Fiskus vereinnahmte Geld fließt.

Wenn sehr reiche Menschen als Philanthropen auftreten, muss dies aus ihrem eigenen, versteuerten Einkommen oder Vermögen geschehen. Die vielfältigen Steuervergünstigungen für Stifter wie für Stiftungen sollten abgeschafft werden. Nur so lässt sich der Verdacht entkräften, dass es ihnen hauptsächlich darum geht, Steuern zu sparen oder den Staat finanziell zu schwächen.

Prof. Dr. Christoph Butterwegge hat bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Heute erscheint das von ihm und seiner Frau Carolin Butterwegge geschriebene Buch „Kinder der Ungleichheit“ bei Campus (303 Seiten, 22,95 Euro).

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