Das Netz verändert sich, und wir müssen folgen

von Christoph Bieber8.12.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Wie man sich irren kann. Vor gut eineinhalb Wochen hatte es den Anschein, als würde die dritte Wikileaks-Publikation die “schwächste“ der Enthüllungsserie sein – was sind schon diplomatische Depeschen im Vergleich zu Militärdokumenten aus Afghanistan und dem Irak?

Aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive können die ersten beiden “Datenhaufen“ als Leck- oder Skandalkommunikation im Policy-Bereich beschrieben werden. Im Mittelpunkt stand die Einflussnahme auf das außenpolitische Handeln einer Supermacht mit dem Ziel der Diskreditierung militärischer Konflikte als legitimes politisches Mittel. Die dritte Materialfundgrube enthält dagegen eher Informationen aus dem Politics-Bereich und stellt die Kommunikation innerhalb und zwischen politischen Akteuren und Organisationen dar. Gerade die Orientierung auf den politischen Prozess verschiebt die Bedeutungsebene dieses Lecks – das veröffentlichte Material gerät nach einer ersten Empörungsphase in den Hintergrund, im Fokus stehen nun Wikileaks als Methode und Julian Assange als ambivalente Galionsfigur eines neuartigen, für viele befremdlichen politischen Akteurs.

Die Netzwelt wird nicht mehr sein wie zuvor

Die bleibenden Effekte der Wikileaks-Veröffentlichungen können zwar noch nicht einmal annähernd prognostiziert werden, allerdings wird deutlich, dass es sich hier um ein “besonderes Internetereignis”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/5039-ein-grosses-loch handelt – die Netzwelt wird danach nicht mehr so sein wie zuvor. Das Label “disruptiv“, Trendvokabel der Marketing- und Innovationsgurus, scheint in diesem Fall eine passende Wahl. Die besondere Tragweite der Ereignisse bemisst sich nicht allein am erheblichen Aufkommen beschreibender, analytischer oder meinungsstarker Artikel, sondern vor allem an der hektischen Aktivität im “primary target“ der Enthüllungen, den USA. Die Verbannung von Amazon-Servern, der Entzug des Domainnamens, die Schließung von digitalen Spendenkanälen, erst recht die Straf- und Todesandrohungen in aller Öffentlichkeit geschahen allesamt nicht im Rahmen formeller Rechtsverfahren, sondern durch genau jenen politischen Druck, den Assange in seinen vier Jahre alten und erst jetzt diskutierten Essays als “unsichtbares Regieren”:http://cryptome.org/0002/ja-conspiracies.pdf anprangert.

Wikileaks ist nicht aus einer Laune entstanden

Und auch wenn es stimmt: Eine substanzielle “Theorie des Lecks“ können die Assange-Schriften nicht vermitteln – doch sie zeigen, dass Wikileaks nicht allein aus einer Laune oder verschrobener Hacker-Ethik entstanden ist. Die Ahnung, dass das Internet eine fundamentale, “epische“ Herausforderung für die Organisation von Staatlichkeit und Regierungskommunikation sein kann und vor allem der praktische Nachweis davon ist der Verdienst von Julian Assange. Das ungewisse Schicksal von Website und Webmaster vor Augen, mehren sich nun die Stimmen, die Wikileaks als Vorläufer und Blaupause für ein System von Transparenz-Agenten markieren. Die Analogien zu einer Organisation vom Schlage “Greenpeace 2.0“ erscheinen dabei als unterkomplexer Vorschlag. Leider viel zu wenigen gerät hier der alte Satz von John Gilmore ins Gedächtnis: “Das Netz interpretiert Zensur als Schaden und sucht nach Umwegen.“ Es ist alles andere als Zufall, dass gerade die Piratenparteien eine neue Chance wittern – der Fall Wikileaks spielt ihnen direkt in die Hände, sie sind der institutionalisierte Umweg in einer weitgehend netzfremden Politik. Den eigentlichen Hintergrund der “Affäre Wikileaks“ bildet aber eine ganz andere Frage: Wer sind die wahren Freunde eines “offenen Internets“? Es sind heute nicht nur Journalisten und Politiker, die sich dieser Frage viel zu zögerlich nähern.

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