Es ist nicht die Zeit der Kontrollfreaks. Alec Ross

Die mit dem Netz arbeiten

Ein schwaches Parteiensystem personalisiert den brasilianischen Wahlkampf. Dabei erreicht E-Campaigning dort mehr Menschen, als die gesamte Online-Nutzerschaft Deutschlands ausmacht. Die Inhalte aber bleiben auf der Strecke.

Am 3. Oktober wählt ein Medienschwellenland: Auf der einen Seite steht “Brasilien 2.0”, das mit aktivem Online-Campaigning aufwartet, aufgeschlossen für elektronische Demokratie-Experimente ist und unverdrossen mit Wahlcomputern abstimmt. In den Armenvierteln oder auf dem Land ist von diesem Modernisierungsschub nichts zu spüren, die Macht der Drogenkartelle ist ein Dauerthema, Korruption und Patronage stehen noch immer auf der Tagesordnung. In diesem Brasilien informiert das Fernsehen über Politik – wenn überhaupt. Bedingt durch ein schwaches Parteiensystem hat die Personalisierung im Wahlkampf eine überragende Bedeutung erlangt.

So ist es kein Zufall, dass der scheidende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva im Wahlkampf enorm präsent ist. Lula macht kein Hehl daraus, dass er seine ehemalige Mitarbeiterin Dilma Rousseff gern im Amt sehen möchte. Die Chancen dafür stehen gut: Die vormalige Ministerin im Präsidialamt liegt in den Meinungsumfragen knapp über der im ersten Wahlgang benötigten absoluten Mehrheit vor José Serra (27 %) und Marina Silva (11 %).

Das Internet wird zu einer ergänzenden Bühne

Im zersplitterten Parteisystem können sich auch Kandidaten anderer Formationen auf Lulas Unterstützung berufen – sofern es dem Machtgewinn “seiner” Kandidatin zuträglich ist. Dies führt gerade im Straßenwahlkampf zur Überpräsenz eines nicht wählbaren Politstars, auf vielen Plakaten grüßt Lula als “Pate” aus dem Bildhintergrund. Auch dadurch wird das Internet zu einer ergänzenden Bühne für die Präsentation des politischen Führungspersonals – die persönlichen Homepages und Netzwerkprofile fallen unmittelbar auf die Bewerber um das Präsidentenamt zurück.

Das sind Zeichen eines digitalen Aufbruchs: Innovative Ansätze aus Wahlkämpfen in aller Welt werden adaptiert und finden ihr Publikum, in Relation zur enormen Zahl von 135 Millionen Wahlberechtigten bleibt E-Campaigning jedoch ein Nischenphänomen. Allerdings ist diese Nische größer als die gesamte deutsche Online-Nutzerschaft.

Dominiert wird der Wahlkampf daher von den alten Massenmedien, vor allem das Fernsehen ist der Taktgeber für die politische Meinungsbildung. Prominente Journalisten verstehen sich dabei gern als “Vertretungsinstanz” zur Verteidigung des Bürgers gegenüber einer korrupten Politik. Die Folge sind konfliktreiche und laute Diskussionssendungen, die zwar ein großes Publikum erreichen, aber kaum wichtige politische Themen und Probleme ansprechen. Flankiert werden die wortreichen Politshows durch eine “Horserace”-Berichterstattung, bei der die täglichen Umfragewerte die inhaltliche Dimension weiter in den Hintergrund drängen.

Inhalte bleiben auf der Strecke

So erlangt mit Twitter beinahe zwangsläufig das persönlichste Online-Werkzeug eine besondere Bedeutung. Hinter den sechsstelligen Follower-Zahlen der Spitzenpolitiker verblassen die übrigen Netzauftritte. “Viele Tweets enthalten Informationen zu privaten Erlebnissen der Kandidaten und nehmen keinen Bezug auf Diskussionen aus dem Wahlkampf”, sagt der Kommunikationsforscher Wilson Gomes von der Bundesuniversität Salvador-Bahia, der die Twitter-Strategien von Dilma Rousseff, Jose Serra und Marina Silva untersucht hat. Selbst hier zeigt sich das besondere Verhältnis von Politik und Medien: William Bonner, Moderator der Hauptnachrichtensendung Jornal Nacional, verfügt über mehr Follower als alle Kandidaten zusammen und nutzt seinen Account für Spitzen und Angriffe. Die aufgeladene Stimmung zwischen Medien- und Politelite setzt sich auch in der neuen Umgebung fort, die Inhalte bleiben auf der Strecke.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Campo -Data, The European Redaktion, Egidius Schwarz.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Wahlkampf, Fernsehen, Brasilien

Debatte

Wolodymyr Selenskyj gegen Petro Poroschenko

Medium_9f2b77b6c1

Die ambivalente Präsidentschaftskandidatur des Wolodymyr Selenskyj

Viele Politikexperten in der Ukraine und im Ausland haben negativ auf den Sieg des ukrainischen Fernsehsatirikers und Filmschauspielers Wolodymyr Selenskyj im ersten Durchgang der Präsidentschaftsw... weiterlesen

Medium_8ce1872178
von Andreas Umland
21.04.2019

Debatte

Jens Spahn: Neustart für Deutschland

Medium_b22e071cf1

Wir verlieren massiv an Vertrauen

"Verluste von über zehn Prozent für die Union in Bayern und Hessen und Umfragewerte von nur noch 24 Prozent im Bund sind mehr als nur kleine Dellen, das geht an die Substanz. Was sich bereits bei d... weiterlesen

Medium_2e33ed79dd
von Jens Spahn
02.11.2018

Debatte

Eine Streitschift über den Osten

Medium_7febd6984d

Petra Köpping: "Integriert doch erst mal uns!"

Für Köpping gab es die DDR mit ihrer system-immanenten Inkompetenz in der Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht. Sie beschreibt eine Art DDR-Fortsetzungsgeschichte ohne deren ersten Teil zu erwähnen... weiterlesen

Medium_c13f98e5ab
von Gunter Weißgerber
28.10.2018
meistgelesen / meistkommentiert