So ist die Hamburger Elbphilharmonie

von Christine Eichel12.01.2017Gesellschaft & Kultur

Sasha Waltz erkundet die frisch eröffnete Hamburger Elbphilharmonie

Singend löst sich der Chor aus dem Publikum, formiert sich zur Gruppe, verwandelt Raum in Klang. Als lebende Statue steht ein Tänzer auf dem Handlauf des Treppenhauses, über die Köpfe der umstehenden Zuschauer hinweg öffnet er den Blick für die labyrinthische Anmutung ineinander geschachtelter Aufgänge. Auf den Treppenstufen liegend formen andere Tänzer eine Navigationslinie durch den multioptional angelegten Parcours, auf den die Architekten Herzog & de Meuron die Besucher der Hamburger Elbphilharmonie schicken.

Man müsse die versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsinge, schrieb Marx über Hegels Rechtsphilosophie. Sasha Waltz führt dieses Prinzip zur Meisterschaft – mit achtzig Tänzern und mehreren Musikensembles, die der Architektur nie gehörte melodische Motive ablauschen. Ein Auf und Ab von Bewegung und Innehalten, eine Verflüssigung des scheinbar Festgefügten, aber auch Brüche und Interventionen, die selbst Nebenschauplätze zu dramatischen Kulminationspunkten werden lassen.

„Dialog“ nennt Sasha Waltz diese verblüffende Freilegung musikhafter architektonischer Strukturen. Damit hat sie bereits anderswo überzeugt, etwa in Chipperfields Neuem Museum in Berlin oder in Zaha Hadids MAXXI Museum in Rom. In der Elbphilharmonie hat sie die eigenwillige tänzerische Eroberung von Architektur nun zur vollendeten Kunstform nobilitiert. All das hat auch eine schamanistische Konnotation. Als könne solch ein Bauwerk erst durch die künstlerische Transformation seiner Bestimmung zugeführt werden – schon vor der offiziellen Einweihung am 11. Januar.

So monumental Hamburgs neue Kultstätte von außen auch wirkt, im Inneren inszeniert die Choreographin und designierte Intendantin des Berliner Staatsballetts die Schönheit der Komplexität, indem sie die Wahrnehmung auf immer neue Blickachsen und Details lenkt. Tänzer streicheln hölzerne Geländer, neigen sich über Balustraden, tasten Wände ab. Sie wälzen sich auf dem Parkettboden, loten Freiräume im Pas-de-deux mit riskanten Hebefiguren aus.

Zwei Dinge sind dabei besonders bemerkenswert: der Humor, ein äußerst seltenes Phänomen in der deutschen Kulturlandschaft, und die Dimension der Freiheit.

Im Großen Konzertsaal geht es zuweilen schalkhaft zu. Bei Cage’s „4‘33“, dem Schweigen nach Noten etwa, und wenn die Tänzer mit kindlichem Vergnügen Sitzpositionen ausprobieren oder die typischen Hustenanfälle katharrgeplagter Zuschauer nachahmen. In solchen Momenten wird die anarchische Energie des spielenden Menschen deutlich, das In-Besitz-nehmen und Verfremden des Vorgegebenen im Namen der Freiheit. Letztere gilt sowohl für Akteure wie Publikum. Sasha Waltz lässt ihren Tänzern viel Raum für Improvisation, zugleich überlässt sie es dem Publikum, wohin es wandern, wo es verweilen möchte. Beim Streichquartett, das Bachs Kunst der Fuge interpretiert? Oder doch lieber beim Schlagzeuger, der Iannis Xenakis‘ Rebonds B zum Besten gibt? Bei der Tänzerin, die das Publikum anspielt, oder beim selbstvergessen einander entdeckenden Paar, das in der Passage „Haut und Haar“ Intimstes preisgibt?

Freiheit ist auch im weiteren Sinne das künstlerische Leitmotiv des Abends. Er endet mit dem Chor „Liberté – Freiheit“ aus Francis Poulencs titelgebendem Werk „Figure Humaine.“ Darin heißt es: „Und durch die Macht eines Wortes / Beginn ich mein Leben neu / Ich bin geboren, dich zu kennen / Dich zu nennen / Freiheit.“ Ein nicht nur ästhetisches, sondern auch politisches Bekenntnis in einer Zeit, in der die Menschenrechte durch Krieg, Terror und Ausgrenzung aufs Neue bedroht sind.

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