Wir brauchen endlich die Schule 4.0

von Christina Rauch18.09.2017Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Deutschland schleicht bei der digitalen Transformation hinterher. Wir mĂŒssen in den Schulen mit einem Neustart beginnen, meint die CDU-Politikerin Christina Rauch und plĂ€diert fĂŒr ein ganz bestimmtes Konzept.

Im VDI-Jahresbericht „Smart Germany“ wird dargestellt, dass in keiner anderen Industrienation Lehrpersonen seltener neue Technologien im Unterricht verwenden als ausgerechnet bei uns in Deutschland. Das ist nicht nur ein Fehler im deutschen Schulbildungssystem. Es ist ein Alarmzeichen. Von der Ausstattung ĂŒber flĂ€chendeckenden IT-gestĂŒtzten Unterricht bis hin zum qualifizierten Lehrpersonal besteht enormer Nachholbedarf in Deutschland.

Von digitalen Pilotprojekten und von vereinzelten Landesstrategien ist daher in der letzten Zeit zu lesen. Doch dies reicht nicht aus, um den Zug der digitalen Transformation nicht zu verpassen. Vielerorts mangelt es an Finanzierungsmöglichkeiten und viel schlimmer an einer ganzheitlichen Strategie im Bildungsbereich, die nicht versucht, leuchtturmartig einzelne Bereiche zu digitalisieren, sondern eine Zukunftsstrategie mit Weitblick vorgibt, die alle Bereiche des Bildungs- und Ausbildungssektors im Sinne von Industrie 4.0 vernetzt. Demzufolge ist eine deutschlandweite, metaföderale Bundesstrategie gerade im Hinblick auf den europÀischen und internationalen Wettbewerb unabdingbar.

Das Konzept „Schule 4.0” ist diese Zukunftsstrategie. Es setzt die Forderungen der Kultusministerkonferenz um und erweitert sie um weitere wesentliche Kompetenzen.
Die Konzeptidee basiert auf der MĂ€ngeranalyse desssen, was wir nicht haben: Keine modernen, digitalen Medien als Unterrichtsmittel und im Schulalltag, keine bis wenig Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten der Lehrerinnen und Lehrer im Bereich der digitalen Medien, keine ganzheitlichen Konzepte, keine beziehungsweise wenig finanzielle Mittel – aber viele Aufgaben und jede Menge politische Erwartungen.

Grundidee des Konzeptes der „Schule 4.0” – Das „Industrie 4.0” – Das Internet der Dinge macht Schule

Der Grundgedanke der „Schule 4.0” beruht auf dem Parallelbegriff der „Industrie 4.0” – dem Internet der Dinge, nach welchem Objekte jeder Art in das Internet integriert werden: Autos, KonsumgĂŒter, Maschinen werden kommunikativ, treffen selbststĂ€ndig Entscheidungen und lösen Aktionen aus. Die Folge ist die Verbindung zwischen der physischen Welt der Dinge und der virtuellen Welt der Daten. Darauf aufbauend entstehen neue GeschĂ€ftsmodelle wie Smart Products, Smart Factory, Smart Energy, Smart Farming, Smart Building und viele mehr.

Nun ist es nur ein kleiner Schritt von „Industrie 4.0″ zu unserer „Schule 4.0“. Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler mĂŒssen fit gemacht werden fĂŒr diese neuen GeschĂ€ftsmodelle. Ihnen muss in der Schule das Handwerkszeug gegeben werden, das die Arbeitnehmer und -geber von heute und morgen benötigen.

Der erste Baustein in unserem Modell ist dabei die Vernetzung aller beteiligten Personen, Komponenten und Systeme. Dies wird gewĂ€hrleistet durch den Einsatz von Tablets und die UnterstĂŒtzung von System- und Serviceplattformen. Der Rechnerraum, so wichtig er zur Zeit auch noch in einigen Bereichen und vielen Schulen sein mag, ist ein Auslaufmodell. Damit die Kommunikation im Schulnetz und die externe Vernetzung verlĂ€sslich funktionieren, benötigen Schulen eine stabile Infrastruktur mit Breitbandzugang.

Sind alle diese HĂŒrden genommen, bedarf es neuer Konzepte fĂŒr den Unterricht. Auch die Schulbuchverlage sind vom Wandel betroffen und haben begonnen, parallel zu gedruckten Lehrwerken auch digitales Material und Konzepte anzubieten, welche allerdings noch lange nicht den Bedarf abdecken. Gerade hier sehen sehen die Projektleiter von Seiten der Schulbuchverlage dringend Handlungsbedarf, sich dieser Lernumwelt anzupassen und keinen weiteren Trend zu verschlafen.

Das heutige Arbeiten im Unterricht muss nach diesem Konzept grundsĂ€tzlich ĂŒberdacht werden. In der Schule 4.0 wird das Hauptaugenmerk auf der SchĂŒlerorientierung liegen, das heißt noch weiter weg vom oft noch viel zu lehrerzentriertem Unterricht. In diesem Rahmen sollen neue Methoden und Prozesse erprobt werden, welche die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler in den Mittelpunkt der Handlung in einem integrierenden und interdisziplinĂ€ren Unterrichts- und Methodenansatz stellen. So wird mit den iPads die Möglichkeit zur DurchfĂŒhrung neuer didaktischer und methodischer Lernszenarien fĂŒr ein schĂŒlerzentriertes, selbstgesteuertes Lernen in allen FĂ€chern wie im Unternehmensumfeld geschaffen.

Neue Methoden und Prozesse im Unterricht

Der Unterricht wird so getragen von PrĂ€sentation, Kommunikation, Teamarbeit, Kooperation und Vernetzung. Diese neuen Methoden und Prozesse sollen die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler dann in Unternehmenspraktika erproben. Zudem sollen projektbezogene Unterrichtseinheiten von Unternehmen und LehrstĂŒhlen der Region in der Schule durchgefĂŒhrt werden. Ein Projekt könnte in diesem Rahmen auch das Modell „Vom Klassenzimmer in die Werkstatt“ sein.

In diesem Zusammenhang strebt die Schule 4.0 Kooperationen mit Hochschulen, UniversitĂ€ten und Firmen der Region an. Es sollen projektbezogene Unterrichtseinheiten von Hochschulen, UniversitĂ€ten und Unternehmen der Region in der Schule durchgefĂŒhrt werden. Dies ist eine der konkreten Umsetzungsideen einer zukĂŒnftigen Vernetzung.

Weitere Ideen sind die Kooperation mit Medienabteilungen zur Produktion von Lehrvideos, die Teilnahme an (virtuellen) Ringvorlesungen mit Scheinerwerb, die Mitgestaltung von universitĂ€ren Projekten wie zum Beispiel einer Sommerferien-UniversitĂ€t, Vorlesungen und Übungen der Hochschulen und UniversitĂ€ten in der Schule.

Ein weiterer Gedanke ist die DurchfĂŒhrung eines kombinierten Wirtschafts- und UniversitĂ€tspraktikums der Oberstufe, in welchem die Schule, Firmen der Region und Hochschulen und UniversitĂ€ten einen Schulterschluss eingehen: Von der Theorie in die Praxis und zurĂŒck in die Theorie: Ein Baustein der Schule 4.0.

StÀrkung der Kompetenzen in der Schule 4.0

Als offensichtliche Kompetenz in einem digitalen Lernumfeld wird an erster Stelle die Medienkompetenz genannt. Sie beschrĂ€nkt sich jedoch nicht allein auf den kompetenten, technischen Umgang mit dem Medium der Wahl, sondern vielmehr auch mit den ganzen Fragen, die der Umgang mit ihm aufwirft. So werden wir in unserem digitalen Zeitalter vermehrt an die Grenzen unserer Medienkompetenz getrieben. Daher wird dieses Medienkonzept nicht allein von technischen Aspekten, sondern gerade auch von der Sensibilisierung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer fĂŒr rechtliche und praktische Aspekte der digitalen Medien und des Internets getragen. An Medienkompetenztagen wird die ganze Schulgemeinschaft, die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler, die Eltern und die Lehrerinnen und Lehrer in Referaten und Workshops ĂŒber die technischen, rechtlichen und praktischen Aspekte des Internets informiert. Weiter werden SchĂŒler-Medienscouts in der Schulgemeinschaft ausgebildet.

Neben der offensichtlichen StĂ€rkung der Medienkompetenz werden durch die neuen Methoden und Prozesse auch Kompetenzen im Bereich Sach-, Fach, Sozial-, Team-, Organisationskompetenz gefördert und interdisziplinĂ€res und vernetztes Denken wie auch FlexibilitĂ€t und generationenĂŒbergreifendes Agieren gefördert. Diese Förderung und der Erwerb der Kompetenzen werden die folgenden Unterrichts- und Kooperationsbeispielen exemplarisch aufzeigen.

Schule 4.0 und gesellschaftliche Herausforderung

Auf die Anforderungen an das deutsche Bildungssystem wie zum Beispiel die inklusive Bildung, die Förderung individueller Potenziale, die Entkopplung von Bildung und Herkunft, die Übernahme von Eigenverantwortung der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler in ihrem eigenen Lernprozess also der Förderung von SelbststĂ€ndigkeit, die Signifikanz von Mehrsprachigkeit und natĂŒrlich auch auf die digitale Transformation der Gesellschaft gibt die Schule 4.0 konkrete und umsetzbare Antworten. Teile dieser Anforderungen wurden auch von der Kultusministerkonferenz im Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt – Strategie der Kultusministerkonferenz” im Dezember 2016 formuliert und den LĂ€ndern als Strategie vorgegeben.

Ein wesentlicher Aspekt muss an dieser Stelle noch genannt werden: Gerade in Bezug auf die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen – die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler ohne oder mit nur geringen Kenntnissen der deutschen Sprache und Kulturlandschaft – bietet die Schule 4.0 eine weitere Chance, um eben mit den genannten Strategien individuell, kooperativ und integriert in den Unterrichtsalltag auf die heutige Lebenswelt und spĂ€tere Ausbildungs-, Studien- und Berufswelt vorzubereiten, mit ihr zu vernetzen und so in die jetzige Lebenswelt zu integrieren. Mit diesem inklusiven Bildungsansatz erhöht sich die QualitĂ€t und Chancengerechtigkeit im Bildungs- und folglich im Gesellschaftssystem.

Ziele der Schule 4.0

Es soll ein neues VerstĂ€ndnis von Teamarbeit und Technik geschaffen, selbststĂ€ndiges Arbeiten, individuelle Potenziale, ĂŒbergreifendes Wissen und fĂ€cherĂŒbergreifende Zusammenarbeit und KreativitĂ€t im Umgang mit Problemstellungen gefördert, generationenĂŒbergreifendes Arbeiten ermöglicht und die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler in der Schule auf die Anforderungen von heute und morgen vorbereitet, daher die Arbeitnehmer und -geber von morgen ausgebildet werden. „In der Ausbildung liegt der SchlĂŒssel fĂŒr zukĂŒnftige technologische Innovationen, den Erhalt und Ausbau unserer WettbewerbsfĂ€higkeit, des Wachstums und Wohlstands und die gesellschaftliche Teilhabe aller”, so die SaarbrĂŒcker ErklĂ€rung im Dezember 2016.

Diesen SchlĂŒssel versucht das Projekt mit allen politischen EinschrĂ€nkungen schon seit 2014 zu frĂ€sen.

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