Was wir von WhatsApp, Facebook & Co. und den Grünen lernen können

Christiane Lambrecht27.10.2018Medien, Politik

Die Grünen haben in Bayern ein hohes Wahlergebnis eingefahren, Hessen steht vor der Tür. Wie es die Partei rund um die Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck versteht, die Wirkweise einer Emotionalisierung der Kommunikation analog zum Social-Media-Bereich für sich zu nutzen, erklärt Christiane Lambrecht.

Erfolg in der Politik haben, viele Wähler begeistern: Das ist das Ziel aller Parteien, es macht mächtig. Deswegen versuchen Strategen der anderen Parteien stets herauszufinden, weshalb der politische Gegner ihnen Wählerstimmen abwerben konnte: „Was haben die, was wir nicht haben?“

Die Grünen scheinen auf einer Traumwelle zu surfen. Sie würden eine „neue Magie“ ausstrahlen, titelt der aktuelle Fokus. Sie scheinen den Nerv gerade der jüngeren Generation zu treffen. Doch was ist ihre Botschaft im Vergleich zu anderen Parteien? Sicherlich haben die etablierten demokratischen Parteien gravierende Fehler begangen. Ohne hier auf einzelne Themen einzugehen, scheint ein Blick dahinter viel interessanter: Denn der generelle Erregungsgrad, den wir gerade in der öffentlichen Debatte beobachten können führt dazu, dass Argumente offensichtlich kaum gehört, geschweige denn verstanden werden. Es scheint vielmehr ein Thema von Emotionen zu sein, nach dem Motto „Ich wähle den, den ich gerade als positiv und sympathisch empfinde“. Und das sind offensichtlich gerade im besonderen Maß die Grünen. Sie sprechen frisch, unkonventionell, emotional und auch erregt, sie denken grün.

Ja, wer möchte nicht die Natur schützen, das Klima und die Welt retten oder möchte die Bäume und die Schmetterlinge schützen?. Und die Grünen haben, um Claudia Roth zu zitieren, „ganz ganz viele Gefühle“. Ganz unterschiedliche Gefühle löste allerdings einst der Ur-Grüne Joschka Fischer aus, als er in weißen Turnschuhen in Hessen als Umweltminister vereidigt wurde. Um diese zu kommunizieren, musste man vor gut 30 Jahren seine Meinung dazu oder auch die Gefühle in Worte fassen. Buchstaben, Wörter, Sätze. Die konnte nur verstehen, wer sich die Zeit nahm, zu lesen oder zuzuhören.

Lange Kommentare, gesprochen oder gelesen – das war einmal. Heute reicht dafür ein kurzer Blick in einem Bruchteil einer Sekunde. Dank der vielen Emoticons, auch Emojis genannt, die wir auf WhatsApp, Facebook, Twitter oder Instagram verteilen können, sind wir Menschen des 21. Jahrhunderts in der Lage, unsere Gefühle blitzschnell, sogar mit nur einem Symbol auszudrücken. Der Andere versteht uns dann sofort. Oh, da schickt mir gerade eine Freundin auf WhatsApp ein ❤ – Lächeln huscht von unserem Gehirn gesteuert über unser Gesicht, wir fühlen uns geliebt, verstanden, angenommen. Ja, durch nette Emojis sind wir alle doch irgendwie in einem Boot, die Welt ist ein Ponyhof und wir sind ein Teil davon. Ein Teil der Magie der Gefühle.

Die Grünen sprechen zwar nicht in Emojis, aber die Klaviatur ihrer nonverbalen Sprache unterscheidet sich erheblich von vielen Politikern der etablierten Parteien. Müsste ich jetzt spontan die passenden Emoticons für die letzten Pressestatement der Bundeskanzlerin, des CSU-Parteivorsitzenden oder von Andrea Nahles wählen… ach, suchen Sie sich doch selbst bitte auf Ihrem Smartphone einige aus. Sonst mache ich mir hier nur angreifbar.

Mit ihren Gesichtern und Posen und Postings (Memes) in den Social Media suggerieren die Grünen: Wir sind gegen Angst und Mutlosigkeit, wir sind gegen ein „wir machen weiter so“, wir sind für eine gute Zukunft, wir lieben die Bäume, die Welt, die Flüsse und wir sind die jungen, lachenden Macher, die alle Probleme engagiert angehen – ohne dass wir auch nur einen Satz gehört oder gelesen hätten. Sie vermitteln durch fröhliche Gesichter, lebhafte Mimik bei vielen Wählern positive Gefühle. Wer viele Punkte auf den Herzenslandkarten seiner Mitmenschen landen kann, kommt dort an, man empfindet ihn als sympathisch, da es einen hohen Identifikationswert gibt. Psychologie für Anfänger sozusagen. Am liebsten sind uns doch Leute, die uns fröhlich stimmen. Da weiß ich doch gleich, was ich jetzt poste: Ein Smiley mit blickenden Herzchen. Doch ernsthaft: Eine Analyse der Postings und der Gesichter der prominenten grünen Politikerinnen und Politiker auf Facebook der letzten Monate weist folgende Gesichtsausdrücke aus: Strahlend, bockig, forsch, belustigt, schmollend, siegesgewiss, jung, visionär, erfolgreich, sportlich, lustig, ausgelassen, zupackend.

Da denkt – besser fühlt – das Gehirn: Whow, wie nett, das will ich auch. Statt wie viele andere Politiker in Prosa oder langschweifigen Sätzen die Politik und Befindlichkeit möglichst für unser Gehirn schwer nachvollziehbar zum Ausdruck zu bringen, sagen sie uns quasi nonverbal, wofür sie stehen. Nur könnte ich das jetzt schwer wiedergeben. Als am Wahlabend der Bayernwahl eine muntere Runde bei Anne Will saß, wurden diese Effekte deutlich sichtbar. Momentane Spitzenreiterin im Nonverbalen ist vermutlich Katharina Schulze, deren Register an kindlich-herzigen-mitreißenden Mimiken selbst im BILD-Wahlkampfgrill das verbale Geschwurbel anscheinend bei vielen Wählern einfach wegbeamte. Wer so gucken kann wie – und hier folgt ein schelmisch lachender Emoji – der muss doch einfach liebenswürdig sein. Den wählen wir, oder?

So gesehen kann man nun treffsicher die Beweisführung einer alten Kommunikationsregel anwenden: Die Menschen um uns herum wissen im Grunde schon nach einigen Tagen, geschweige denn Wochen kaum mehr, was wer sagte. Also den Inhalt. Das, was uns rational trifft. Oder wissen Sie noch, was die Bundeskanzlerin und Martin Schulz in ihrem Rededuell vor gut einem Jahr zum Besten gaben? Oder der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer während der Augustkrise? Oder die Spitzenkandidaten der Grünen? Wohl kaum. Aber Sie und die meisten Menschen erinnern sich im Limbischen System ihres Gehirns unbewusst daran, wie sie sich fühlten, als sie diesem oder jenem Politiker zuhörten oder sein Bild betrachteten. Schnell ein „Herzchen“ oder ein „Blitz-und-Donner“- Emoji gepostet. Zack, da sind wir wieder: Bei den Gefühlen, anstatt im logischen-kognitiven Denken unseres Neokortex, dem Teil unseres Gehirns, auf den wir so stolz sind, denn ihm verdanken wir unser rationales Denken. Sicherlich sind Emojis auch (mal) rational. Sicherlich auch (mal) die Grünen. Und ganz sicher wir – vielleicht aber seltener als wir denken. Übrigens versenden wir täglich mehr als zehn Milliarden Emojis. Weltweit. Der Smiley, der vor Belustigung Tränen lacht, wird am meisten genutzt. Vielleicht möchten Sie auch so ein Grinsgesicht unter diesem Artikel posten?

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