Tabubruch

von Christiane Howe18.12.2013Gesellschaft & Kultur

Prostitution ist komplexer, als die neue Regierung denkt. Statt neue Gesetze einzuführen, müssen sich Politiker endlich mit Sexarbeiterinnen an einen Tisch setzen.

Prostitution ist ein sehr facettenreiches, komplexes Feld. In Deutschland bestehen bis heute unterschiedliche ethische Grundhaltungen zu dieser Art der Tätigkeit. Kategorien wie Menschenwürde, individuelle Handlungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung sowie Gleichberechtigung von Mann und Frau werden hier in unterschiedlicher Weise inhaltlich gefüllt und gegeneinander abgewogen. Dieser anhaltende Aushandlungsprozess findet sich aktuell auch in der Debatte wieder.

Ist nun eine Bestrafung derjenigen zielführend, die laut Koalitionsvertrag „wissentlich und willentlich die Zwangslage der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution ausnutzen und diese zu sexuellen Handlungen missbrauchen“? Auffällig ist zunächst, dass keine Differenzierung zwischen dem Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung und der Ausbeutung der Arbeitskraft (§232, §233 StGB) sowie dem reißerischen, nebulösen Begriff „Zwangsprostitution“ vorgenommen wurde. Zudem können sexueller Missbrauch, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung bereits heute als Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung geahndet werden.

Zentrale Kernelemente sind hier die Kenntnis der Situation und ihr Ausnutzen. Um diese beiden Elemente genauer betrachten zu können, sind zwei Ebenen im Rahmen der Prostitution relevant: das Verhältnis von Kunden und Prostituierten sowie die ausbeuterischen bis Zwang ausübenden Rahmenbedingungen. Also die Frage danach, was genau wie in der Prostitution stattfindet und welche Rolle der Menschenhandel darin spielt.

Prostitution ist Inszenierung

Prostitution ist grundsätzlich eine im Voraus getroffene Vereinbarung. Dabei wird eine bestimmte Geldsumme gegen sexuelle Dienstleistungen getauscht. Die Begegnung kann von Seiten der Kunden als eine „projektive Inszenierung“ beschrieben werden, von Seiten der Prostituierten als eine professionelle, durchaus intime, aber keine persönlich-private Beziehungsaufnahme. Letztere wird in aller Regel weder von der Prostituierten noch vom Kunden gewünscht, da man sonst die professionelle und schützende Konstruktion vergleichbar bei einer Therapie, verlassen würde. So legen sich Prostituierte auch durchgängig Berufsnamen zu.

Ein Anfang und ein Ende sowie Grenzen der Begegnung sind klar umrissen, da jede Tätigkeit seitens der Prostituierten vereinbart und bezahlt werden muss. Für alle Beteiligten besteht dadurch kaum die Gefahr, die Kontrolle über diese Geschäftsbeziehung oder die eigenen Gefühle zu verlieren. Als professionell arbeitende Dienstleisterin regelt sie den Ablauf: von der Kontaktaufnahme über die Verhandlung bis zur konkreten Gestaltung der Intimkommunikation mit dem Freier.

Folglich lässt sich auch das direkte Verhältnis von Kunden und Prostituierten nicht einfach als (sexuelles) Gewaltverhältnis beschreiben. Macht- und Gewaltausübung sind kein Kundenmerkmal. Auch wenn es unter Kunden sicherlich gewaltbereite, auch gewalttätige gibt, so finden sich ebenfalls gewaltbereite und gewalttätige Ehemänner. Dafür bräuchte es auch kein neues Gesetz, da diese Straftaten von der Körperverletzung bis zur Vergewaltigung bereits bestehen.

Kunden sind Männer (eher selten Frauen) aus allen Bevölkerungs- und Bildungsschichten und jeden Alters. Etwa die Hälfte von ihnen ist verheiratet oder lebt in einer Partnerschaft. Der durchschnittliche Kundenanteil an der sexuell aktiven männlichen Bevölkerung liegt seriösen Schätzungen zufolge bei 20%, d.h. bei etwa einem Fünftel. Das ist nicht die Mehrheit der Männer, aber es ist „Jedermann“. Und damit sind es Männer, die genauso schlecht oder gut über das Thema Menschenhandel informiert sind, wie viele andere auch.

Viele Kunden machen sich Gedanken

Der Menschenhandel nach §232/233 StGB definiert und umfasst dagegen die strukturell-ökonomischen Rahmenbedingungen von Arbeit, so auch innerhalb der Prostitution. Wesentliche Elemente sind Ausnutzung einer Zwangslage, Täuschung über die wahren Bedingungen der Arbeit als auch die Ausbeutung (eventuell mit Hilfe physischer oder psychologischer Gewalt). Selbst mit Kenntnissen über das Arbeitsverhältnis und die Rahmenbedingungen ist Menschenhandel oft nicht sichtbar. Anzeichen dafür können laut Expert_innen u.a. sein: fehlender Pass, fehlende finanzielle Mittel, Spuren von Misshandlungen, Erscheinungsbild und Verhalten. Können. Müssen aber nicht. Es gibt keine eindeutigen Indikatoren.

Die Tätigkeiten, in denen Betroffene ausgebeutet werden, sind dabei vielfältig und beschränken sich nicht nur auf Branchen wie die Prostitution. Die Opferidentifikation stellt für die Polizei bereits ein gravierendes Problem dar.

Wie sollen Kunden – vor dem Hintergrund der beschriebenen Inszenierung und der Unsichtbarkeit von Menschenhandel – darüber Bescheid wissen? Auf ihre Nachfragen würde kaum ehrlich geantwortet. Zudem sollten Kunden auch nichts ohne oder gegen den Willen der Betroffenen unternehmen, da dies ungewollte Folgen für die Betroffene haben könnte. Viele Kunden machen sich Gedanken über die Situation der Frauen, über mögliche Indikatoren. Aber es sind vor allem Stammkunden, zu denen Frauen mitunter Vertrauen fassen, und die sie am ehesten an Fachberatungsstellen vermitteln. Das werden die Kunden kaum mehr machen (können), wenn sie selbst von Strafe bedroht sind. Viel wichtiger wäre es, Prostituierten und Kunden weiterhin fundierte Informationen, an die Hand zu geben, sie über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären und ihnen Anlaufstellen zu nennen.

Gemeinsame Standards und Regulierungen erarbeiten

Man sollte meinen, dass angemessene Ansätze zur Verbesserung einer Situation sehr gute Kenntnis derselben voraussetzen. Es lässt sich jedoch ohne viel Mühe feststellen, dass sich die Koalitionäre mit den strukturellen (Arbeits-)Bedingungen von weiblichen, männlichen und trans*Prostituierten nicht ernsthaft beschäftigt haben. Die Frage, was genau in der Prostitution wie stattfindet, müsste zuerst fundiert beantwortet und die Branche, d.h. Sexarbeiter_innen, Bordellbetreiber_innen und Expert_innen dazu gehört werden. Es müssten gemeinsam Standards und Regulierungen – wie in anderen Branchen auch – erarbeitet werden, auch um hier die Ausbeutung überhaupt definieren zu können. Sie fehlen bis heute. Sich mit Menschen aus dieser Branche ernsthaft an einen Tisch zu setzen, scheint bis heute kaum denkbar – ein starkes gesellschaftliches Tabu würde damit berührt und fallen.

Eine Kriminalisierung der Kunden zur Lösung dieser komplexen Probleme ist völlig ungeeignet und setzt am falschen Ende an. Sie stellt eine ganze Branche wieder ins Zwielicht. Die Ausbeutung der Arbeitskraft sollte stärker in den Fokus der Bekämpfung des Menschenhandels genommen werden, so wie es auch im Koalitionsvertrag steht. Nur hier, bei den Verantwortlichen, u.a. den Arbeit- und Gesetzgebern und der Stärkung der Rechte von Prostituierten kann der Ansatz zu einer nachhaltigen Verbesserung liegen.

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