Mehr Cherno wagen

von Christiane Goetz-Weimer27.10.2016Medien

ZDF-Moderator Cherno Jobatey war der Gutelaune-Gutenmorgen-Mann Deutschlands. Inzwischen ist er politischer geworden und mit neuen Sendeformaten unterwegs, die einen Weg aus der Krise des politischen Fernsehens weisen könnten

Cherno Jobatey gehörte zu Deutschlands Tagesansbruch wie der Morgenkaffeeduft, das Weckkitzeln oder das Frischobst-Müsli. Jahrelang verströmte er für Millionen Morgenmagazin-Zuschauern die gute Laune eines Freundes, der auf Besuch im Wohnzimmer geschlafen hat und schon lachen und witzeln kann wo alle anderen noch schläfrig gähnen. Er war der Erfinder einer Morgen-Wohligkeit, die im Fernsehen selten ist und die ihm Einschaltquoten bescherte, von denen seine Nachfolger nur träumen können. Jobatey wurde in dieser Rolle ein Star – doch die Kehrseite dieses gefühlstelegenen Erfolges war die näselnde Herablassung der Feuilletons, die ihn als Gutelaune-Bär am liebsten im Gehege des Unernstes eingesperrt hätten.

Meinungsbildner der Berliner Republik

Nun aber zeigt Jobatey, dass die Leichtigkeit häufig nur denen gelingt, die um die Schwere wissen. Er hat sich als Medienfigur neu erfunden, ist viel politischer geworden und wird zusehends zu einem Meinungsbildner der Berliner Republik. Der einstige Morgenmann ist heute zum einen Herausgeber der deutschen „Huffington Post“ und beeinflusst damit maßgeblich die Meinungen von fast 6 Millionen Lesern. Er steuert eines der qualitativ stärksten Blogger- und Autoren-Netzwerke Deutschland. Mit seinem Portal hat er inzwischen sogar alte Marken wie das Handelsblatt in der Reichweite hinter sich gelassen. Und zwar mit explizit politischen Debatten. Insbesondere in der Migrationsfrage mischt die Huffington Post den politischen Diskurs mächtig auf und stellt nach vielen Seiten unangenehme Fragen. Jobatey hat Schritt für Schritt namhafte Autoren versammelt und läßt in bester Diskursmanier linke wie liberale, konservative wie Freigeister Argumente tauschen. Er zwingt seine Autoren und Journalisten nicht in eine Richtung, ihm geht es um die Qualität der Argumente. Und er hat überraschenden Erfolg damit.

Doch auch in seinem klassischen TV-Metier mausert sich der Aufweck-Jobatey zu einem aufgeweckten politischen Journalisten. So sieht man ihn auf dem Bildschirm mit der Portrait-Reihe: „Unterwegs mit…“. Dahinter steht die Idee, anders an Politik heranzugehen, um so Leute für Politik zu interessieren, die mit „klassischer“ Politikberichterstattung nicht erreicht werden. Und so spricht Jobatey mit Sigmar Gabriel über dessen Vater und heikle Jugend in Goslar. Mit dem FDP-Vize Wolfgang Kubicki klärt er die Ruhe auf dem Wasser und auch den Zusammenhang zwischen Golf und Sex. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier entlockt Jobatey erstmals öffentlich, wie es war, zwei Jahre nach seinem schweren Autounfall wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Die rheinland-pfälzische Landesmutter Malu Dreyer schildert, wie man mit Schicksalsschlägen umgeht.

Jobatey durchbricht politische Korrektheit

Die ungewöhnlichen Gespräche schaffen eine völlig andere Tangente in die hohe Politik. Jobatey verhandelt Macht- und Willensfragen der Politiker jenseits der geschliffenen und gestanzten Texte und Soundbites. Er durchbricht damit politische Korrektheiten in einer angenehmen, respektvollen Weise. Die alte Feministinnen-Parole, wonach das Private das Politische sei, füllt Jobatey mit diesem Format mit neuem Leben. Und so sieht man verblüfft den DGB-Chef sein Verhandlungsgeschick beim Eselfüttern beweisen. Schleswig-Holsteins Landesvater Albig erklärt die meditative Wirkung von Fischbrötchen. Mit Ursula von der Leysen fährt Jobatey per Bus vom Bauernhof über die Philharmonie zu ihrem Lieblingscafé, in dem sie dann ihren Lieblingssong singt. Und die Linken-Chefin Kipping erklärt plötzlich, was Walzer-Tanzen mit Ideologie zu tun hat.

Wer die Serie aufmerksam sieht, der kann mitverfolgen, wie Jobatey die Erfindung eines neuen Sendeformats gelingt. Was ihm einst an der Kaffeetasse gefühlig-gutlaunig-gutenmorgenhaft gelang, das schafft er jetzt im politischen Diskurs. Die persönliche Note wird politisch ausgefühlt. Jobatey verwendet diese Technik schon länger auf YouTube. Seine UdLDigital Talkshow ist nichts weniger als Deutschlands erfolgreichste Online-Politik -Talkshow und hat eine durchschnittliche Reichweite von weit über 100.000 Zuschauern, von denen über die Hälfte unter 35 Jahren jung sind. Und ausgerechnet mit den anspruchsvollsten Thema schafft der vermeintliche Experte fürs Leichte die größten Klickerfolge, so mit der Show zum Thema „Wieviel Digitalisierung verträgt Kultur“ mit Monika Grütters und Smudo. Die beste Stimmung herrschte bei Volker Kauder und dem Thema: „Bürgerbeteiligungdigital: wie Neuland die Politik verändert“.

Das Digitale ist ihm nicht bloß Thema, er probiert es auch auf allen Kanälen aus. Für Facebook produziert er unter anderem den #FacebookBerlinTalk mit Außenminister Steinmeier. „facetime BERLIN“ ist ein Gesprächsformat mit berühmten Gästen in der Hauptstadt in sehr loser Abfolge: etwa mit Piano Superstar Yuji Wang oder Bill Gates. Und so geht unser einstiger Morgenwecker Schritt für Schritt hinein ins ernste Fach der großen Kommunikation. Von der Huffington Post bis zu seinen Porträtfilmen schafft er neue Genres, die die politische Kultur substantiell bereichern und der Krise des politischen Fernsehens ein Stück weit einen Ausweg vorzeichnen. Aus dem Müslimann ist ein Hauptgerichter geworden.

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