Mit unseren europäischen politischen Eliten ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Thomas Deichmann

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Die Kirche muss sich dem digitalen Wandel öffnen. Ansonsten darf sie nicht davon ausgehen, dass die Bibel Facebook überdauert.

Auf YouTube ist ein Video aufgetaucht, das die halbe römische Kurie bei einer orgiastischen Party zeigt. „Borgia revival“ heißt es. Mehr als eine Million Nutzer klickten es innerhalb der ersten Woche an. Der Mailverkehr der Nuntiatur in Berlin wurde der „Bild“-Zeitung zugespielt. Ein deutscher Minister wird darin mehrfach als „gottloser Schwachkopf“ bezeichnet. Über den Twitteraccount @BenidictusPPXVI schickt der Papst an seine 23.850.000 Follower die Nachricht: „Wann erlöst mich der Himmlische Vater aus dem Weinberg des Herrn?“

Die katholische Kirche wähnt sich über die Medien erhaben

So sähe ein Skandal aus, der den Namen Vatileaks verdienen würde. Verglichen damit ist die Affäre, die tatsächlich so heißt, altmodisch vordigital. Der Kammerdiener ­drückte nicht einfach auf „Weiterleiten“, sondern trug die Schriftstücke persönlich hinaus. Das päpstliche Ermittlungsteam entstammte der Generation der Pre-Pre-Digital-Natives. Auch das, was die betagten Kardinäle herausfanden, war alt: Im Vatikan leben die Todsünden Neid, Eitelkeit und Gier weiter. Der Papst sprach den engsten Mitarbeitern sein Vertrauen aus, den Medien sein Misstrauen. So analog, so folgenlos.

Vatileaks werde endlich die Geheimniskrämer des Glaubens zur Transparenz zwingen, hatten einige romkritische Kommentatoren am Beginn der Affäre geunkt. Sie irrten. Die katholische Kirche hat gute Presse nicht nötig. Das macht sie – positiv gedeutet – wenig erpressbar und – negativ betrachtet – kaum kontrollierbar. Die katholische Kirche wähnt sich über die Medien erhaben, denn ihre Herrschaft ist nicht von dieser Welt.

Anders als in Demokratien wird die Macht weder durch Zeit noch durch Mehrheit begrenzt. Anders als in Diktaturen wird die Regentschaft nicht durch gleichgeschaltete Medien abgesichert. Die kircheneigenen Zeitungen, Radiostationen und 
Internetangebote können nicht verhindern, dass säkulare Journalisten den Papst und die Kurie wie katholische Royals in den Erregungs- und Unterhaltungskreislauf einspeisen.

Was die vielen denken, ist nicht wichtig, solange es wenige gibt, die unverdrossen glauben. Dieses kirchliche Kommunikationsmodell provoziert zu einer Zeit, da sich über politische wie private Entscheidungen die Gefällt-mir-Daumen heben, da Klickzahlen und Googletreffer die mediale Würde des Menschen messbar machen. Gott sei Dank, seufzen die Gutgläubigen, dass es 
wenigstens einen gibt, dessen Überzeugung kein Shitstorm hinwegfegen kann. Ein Fels ist eben keine Wanderdüne.

Doch genügt es, nur anders zu sein? Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich die katholische Kirche souverän suchend gezeigt. Aus dieser Haltung heraus konnte sie sich mit der Demokratie arrangieren. Das Konzil hat sich dazu durchgerungen, das Werben um Mehrheiten als legitim zu würdigen. Auch wenn dieser Prozess zu Ergebnissen führen kann, die der katholischen Lehre widersprechen.

Die Kirche hat den pluralen Widerstreit der Meinungen zwar nicht in ihr Herz geschlossen, aber sie nimmt ihn seitdem hin – immerhin. Sie fügt sich dem demokratischen Diskurs, ohne selbst eine Demokratie zu sein. Das Kirchenvolk wählt nicht diejenigen, die den Papst wählen.

Kein Weg zurück in eine Welt ohne Rückkanal

Die digitalen Medien haben Parteiensysteme verändert und Diktaturen ins Wanken gebracht. Sie haben dem Bürger neue Machtinstrumente gegeben. Er wartet nicht mehr, bis er alle paar Jahre zu den Urnen gerufen wird, er wartet auch nicht, bis eine Redaktion gnädig seinen Leserbrief veröffentlicht. Er verbreitet seine Meinung, wann er will. Er macht Themen und Menschen, Parteien und Produkte binnen weniger Wochen groß oder klein.

Die katholische Kirche hat zu diesen Veränderungen keine glaubhafte Haltung gefunden. Sie misstraut schon den traditionellen Medien, denen mit Rückkanal misstraut sie erst recht. Deshalb gestaltet sie nicht, sondern warnt.

Sollte ein Drittes Vatikanum Facebook-Gottesdienste und Papstwahlen per liquid democracy postulieren? Sollte es versprechen, Fragen des Glaubens und der Moral wie auf einem Hotelportal nach Reinlichkeit, Freundlichkeit und Wellnessqualität bewerten zu lassen? Das wäre eher Unterhaltung als Haltung. Ein solches Konzil müsste, wie das vor 50 Jahren, nicht weniger als einen frischen Blick auf die Welt riskieren.

Von außen betrachtet, steht die katholische Kirche im globalen Glaubenswettbewerb nicht schlecht da. Mit der atheistischen Weltreligion hat sie sich eine gepflegt-intellektuelle Konversation angewöhnt. Im Innern aber duldet sie keinen ­Ideenwettbewerb. Die Kirche tut sich leichter mit jenen, die keinen Gott oder einen anderen Gott haben, als mit denjenigen, die sich andere Gottesdienste vorstellen können. Hier ist sie es, die digital urteilt: null oder eins, katholisch oder unkatholisch.

Kein Weg führt mehr zurück in eine Welt ohne Rückkanal. Die katholische Kirche hat in westlichen Demokratien einen Bekanntheitsgrad von 100 Prozent, jeder hat zu ihr eine Meinung. Der echte Vatileaks-Skandal wird kommen, und er wird ein Publikum finden. Die Kirche sollte nicht hochmütig darauf hoffen, dass das Buch der Bücher Facebook überdauern wird. Sie sollte darauf verzichten, Wahrheit gegen Wahrnehmung auszuspielen. Sie sollte sich demütig für das Neue interessieren. Demut macht online wie offline weniger angreifbar.

Für ein Drittes Vatikanum heißt das: Es wird die Pluralität der Ansichten, Werte und Lebensentwürfe als himmlisches Geschenk und nicht nur als Gefahr deuten. Es wird in neuer Bescheidenheit eingestehen, dass die Moral nicht der Kirche allein gehört. Und es wird in neuem Selbstbewusstsein davon erzählen, dass auch in der digitalen Welt ein göttlicher Funke spürbar bleibt. Man muss ihn zwischen den Nullen und Einsen nur sehen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michaela Pilters, Heinz-Joachim Fischer, Paul Badde.

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