Jeder kriegt sein Fett weg

Christian Zippel27.07.2014Gesellschaft & Kultur

Ein träger und schwacher Körper ist ein Warnsignal. Denn wenn die Muskeln verfallen, passiert das Gleiche mit dem Geist.

Viele Menschen kämpfen gegen ihren Körper. Wie einem störrischen Hund wollen sie ihm das Leckerli entziehen, statt ihn zu erziehen. Doch so erfahren sie nicht, wie harmonisch das gemeinsame Streben, Feiern und Leben sein könnte. Dass zwanghafte Diäten nicht notwendig sind, und der Körper keine Kampf-, sondern eine Komfortzone wäre.

Vieles können wir nutzen und wechseln: Häuser, Kleidung, Maschinen. Nur unseren Körper haben wir, solange wir leben. Wir wohnen in ihm, zeigen uns mit ihm und bewegen uns mit ihm. Je mehr wir uns mit ihm anfreunden, desto wohliger, attraktiver und mobiler leben wir.

Kämpfen wir denn gegen unsere Häuser, Kleidung und Maschinen? Sicherlich, und das nicht nur beim Renovieren, Frisieren und Parken, aber machen wir so einen großen Hehl daraus?

Für uns ist klar: Je mehr wir diese Dinge pflegen, eigenes Maß anlegen und ihre Handhabung erlernen, desto leichter fällt uns der Umgang mit ihnen. So ist es auch mit dem Körper. Sein Zustand und seine Entwicklung mögen komplex sein, doch sie folgen simplen Prinzipien. Wer sie befolgt, für den ist der Körper formbar wie Wachs.

Fitness ist Lebenseinstellung

Der Körper verlangt nicht viel. Gar geben wir ihm zu viel und fordern zu wenig. Nicht durch Geben und Sättigen wachsen seine Qualitäten, sondern durch Fordern und Belasten. So wächst er über sich hinaus, entwickelt neue Fähigkeiten und Stärken. Er wird fitter.

Fit sein bedeutet, spielerisch zu leben und im Kampf auch das Schöne, Fordernde, Schaffende zu sehen. Fit sein bedeutet, hinter dem Bus her zu rennen, den Einkauf in den fünften Stock zu tragen und die Geliebte über die Schwelle. Fitness ist mehr als nur Genetik. Sie ist Lebenseinstellung, Spiel und Training. Sie ist die Fähigkeit, etwas Gutes aus dem eigenen Potenzial zu machen. Dann wird der Körper nicht nur Komfort-, sondern auch Kulturzone. Und wer ihn nicht kultiviert, der wird mehr Mühe haben, mit ihm zusammenzuleben, als er Mühe hätte, seine Fitness zu pflegen.

Ein träger, schwacher, verfetteter Körper ist kein Zustand; er ist ein Warnsignal für ein falsch geführtes Leben, wie es in unserer, auf den Geist fixierten Gesellschaft schon die Norm ist.

Man quält sich Tag für Tag auf einem Bürostuhl wie eine zugemüllte Einkaufstüte, stopft sich mit -Süßigkeiten voll, schüttet Kaffee dazu, raucht ein paar Zigaretten und starrt auf den Bildschirm, bis die Augen winzig klein sind – und die Seele ebenfalls. Denn der Körper beeinflusst den Geist und umgekehrt. Führen geistige Blockaden nicht zu körperlichen Verspannungen? Sind Depression und Burn-out rein geistige Probleme oder Gesundung und Krankheit rein körperliche Phänomene? Wer seinen Körper nicht im Griff hat, kann der überhaupt seinen Geist im Griff haben? Wie weitsichtig ist ein Mensch, der die Substanz seines Selbst derart verkommen lässt, dass der Umgang damit zum Kampf ausartet?

Wir erziehen unsere Hunde und manche schaffen das sogar mit ihren Kindern. Ist es nicht möglich, diese kulturelle Energie, diesen Drang des Stärkens und Formens auch für den Körper einzusetzen? Wir wollen ja nicht nur überleben, sondern auch besser leben. Dafür müssen wir besser denken: Nicht der Weg des geringsten, sondern der des größten Widerstandes ist es, der fit macht – denn am Widerstand wachsen wir. Dann kämpfen wir nicht gegen den Körper, sondern mit ihm und schaffen innere Harmonie. So wird aus dem Dividuum ein Individuum, in dem Körper und Geist am gleichen Strang ziehen, statt sich zu zerfleischen.

Unser Körper wird arbeitslos

Den Körper begeistern und den Geist verkörpern – so wird man wirksam und kann sich um Wesentliches kümmern: Die Welt retten, Ideale verwirklichen, für andere einstehen. Wo soll diese Kraft herkommen, wenn nicht aus dem Körper?

Vernunft allein ist logisch, aber schwach. Sie flüchtet in die Wolken, ins Abstrakte. Dabei findet das Leben hier unten, auf der Erde statt – inmitten von Schweiß, Fleisch und Blut. Der Geist kann sie formen und in eine gute Richtung lenken. Das ist der Weg der Selbst- bzw. Körperbeherrschung – der in unserer Kultur kaum gelehrt wird. Dass der Körper als Kampfzone gesehen wird, zeugt von dieser Kluft in unserer Kultur. Das sollte man ändern – sowohl gesellschaftlich als auch erzieherisch und schulisch.

Der Körper sollte Komfort- und Kulturzone sein, dann wird er auch zur Kraftzone. Daraus erwächst ein Mensch, der mit sich im Einklang ist, wirksam wird und Vorbild ist. Meist sehe ich nur geistlose Sportler und körperfremde Intellektuelle.

Europa wächst zusammen, doch seine Bürger sind entzweit, innerlich kaum vereint. Wie wollen die einen Kontinent regieren und gestalten, die es nicht einmal bei ihrem Körper schaffen? Wie soll die Einheit gelingen, wenn deren Gestalter gespalten sind? Wo alle auf kaschierende Kleidung, Klischees der Gemütlichkeit und den Fortschritt der Medizin setzen, wurzelt das Problem unserer Gesellschaft.

Als spielerisch, frei und experimentierfreudig gelten wir Deutschen zu Recht nicht. Wir sind spießig und verklemmt. Früher gab es wenigstens geistige Hochkultur – Nietzsche, Goethe und Einstein. Heute johlen wir mit Bohlen, brechen den Lanz und klatschen mit der Meute bei RTL II und beim Fußball. Körperliche Qualitäten werden outgesourced. Maschinen bewegen sich für uns, Mode bestimmt unser Aussehen, Karriere sorgt für Erfolgserlebnisse, Genussmittel für Glück und das Internet für Befriedigung. Unser Körper wird arbeitslos. Das Opfer von christlicher körperfremder Prägung und Industrialisierung. Er verkümmert. So auch der Geist.

Wir verkennen, was sich global bessern würde, wenn wir mit unserem Körper Frieden schließen und uns mit ihm vereinen würden. Das würde nicht nur im Bett einiges ändern. Also, werter Leser, ziehen Sie sich mal aus und stellen Sie sich vor den Spiegel. Gefällt Ihnen, was Sie da sehen?

Das sind Sie – Ihr Leben, Ihr Land, Ihre Kultur. Im Spiegel Ihr Körper. Ihr Körper – ein Spiegel.

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