Dem Schiedsrichter zu widersprechen, das ist, wie wenn man in der Kirche aufsteht und eine Diskussion verlangt. Dieter Hildebrandt

Trendsport Disziplinverlust

Die Kirche will Missbrauchsfälle durch eine unabhängige Kommission untersuchen lassen. Soweit, so gut. Doch wenn Misshandlungen weiterhin als Einzelfälle und Trend der Zeit abgetan werden, ohne auf die strukturellen Ursachen einzugehen, ist mit wirklicher Aufklärung nicht zu rechnen.

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann, hat am 13. Juli 2011 in Bonn zwei geplante Forschungsprojekte vorgestellt, mit denen „verlässliche Informationen zu den Fällen des Missbrauchs, zu Vorgehensweise und Motiven der Täter und den Opfererfahrungen“ wissenschaftlich aufgearbeitet und vor allem eine „wirksamere Prävention von sexuellem Missbrauch“ ermöglicht werden sollen. Eine knappe Woche später präsentierte der Münchner Kardinal Dr. Reinhard Marx ein zusammen mit der Päpstlichen Universität Gregoriana geplantes internationales Internetportal zur Prävention von Missbrauch, das zum Jahreswechsel ans Netz gehen soll.

Eine Frage der Macht und Ämter

Sicher, es ist zu begrüßen, dass – wie schon lange angekündigt – jetzt endlich alle 27 deutschen Bistümer einer Studie über sexuelle Kindesmisshandlungen durch Kleriker zugestimmt haben. Doch sollten, so ist kritisch festzustellen, über die Untersuchung von Einzelfällen hinaus auch die möglichen strukturellen Ursachen in der römisch-katholischen Kirche und die tieferen Zusammenhänge von Macht, Sexualität und Missbrauch in den Blick genommen werden, die zu sexualisierter Gewalt und ihrer oft jahrzehntelangen systematischen Vertuschung führen. Das müsste dann auch Fragen der kirchlichen Amts- und Machtstruktur einschließen. Denn jeder Fall von sexualisierter Gewalt ist zunächst ein Machtmissbrauch. Auch der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Sexualität und Homosexualität ist vermutlich ein wesentlicher Teil des Problems.

Im Unterschied zu Irland, wo die Regierung die Studien in Auftrag gegeben hat und jetzt starke Vorwürfe gegen den Vatikan erhebt, handelt es sich bei den deutschen Studien nicht um wirklich unabhängige Studien; sie wurden von den Bischöfen selbst initiiert – und dies erst nach langem Zögern. Welche negativen Auswirkungen das auf den Umfang der auswertbaren Akten haben könnte, darüber lässt sich nur spekulieren. Der Bericht, den die Rechtsanwältin Dr. Westpfahl im Dezember 2010 über ihre Untersuchungen im Erzbistum München und Freising vorlegte, hat neben anderen schockierenden Erkenntnissen auch umfangreiche Aktenvernichtungsaktionen aufgedeckt.

Die Spur führt bis zu Luther

Psychologen und Seelsorger, die seit vielen Jahren mit Kleriker-Tätern arbeiten, warnen vor einer einseitigen Schuldabwälzung auf Einzeltäter und vor der Flucht der Kirchenleitung aus ihrer Verantwortung für die Entstehung, für die Konsequenzen und für die allseitige Aufarbeitung der Verbrechen. Das enthebt die Täter in keiner Weise ihrer Verantwortung. Die Täter sollten aber auch bezüglich ihres Befindens im kirchlichen System eingehend befragt werden – und nicht nur wie Objekte auf mögliche psychische Störungen hin untersucht werden.

Die katholische Kirchenleitung muss sich endlich auch der historischen Dimension dieser Verbrechen stellen. Das Phänomen sexueller Kindesmisshandlungen ist kein Phänomen der jüngsten Vergangenheit. Bereits 1510 beklagte Luther bei seinem Rombesuch vergleichbare Missstände. Neu ist nur, dass die UN-Kinderrechtskonvention aus dem Jahr 1989 das Bewusstsein der Öffentlichkeit verändert hat. Aber wie können Bischöfe, die heute noch „gewisse Disziplinlosigkeiten“ „im Leben und Denken der Kirche – manchmal dem Trend der Zeit folgend“ als Ursache mutmaßen, jemals in der Lage sein, die für eine nachhaltige Prävention notwendige Selbst- und Systemkritik aufzubringen?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dokumentation - Texte im Original, Dokumentation - Texte im Original, Martin Lohmann.

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