Wir können Gott nicht einfach abschreiben. Martin Walser

Wenn zwei sich streiten

Der CIA hält Kaschmir für die gefährlichste Region der Welt. Indien und Pakistan, beides Atommächte, streiten um das Gebiet. Wenn die beiden Länder nicht gemeinsam gegen den prosperierenden Terror vorgehen, wird die Welle der Gewalt nicht abreißen.

Die Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Indien und Pakistan Ende Februar 2010 rückte auch den Streit um Kaschmir wieder in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Seit dem Ausbruch des Krieges in Afghanistan war es um den Konflikt im nahen Kaschmir still geworden. Doch abseits der medialen Aufmerksamkeit schwelt die Krise zwischen Pakistan und Indien weiter, Kaschmir bleibt eine der gefährlichsten Regionen der Welt. In keinem anderen Konflikt sind konventionelle und nukleare Aufrüstung so eng mit den Problemen fragiler Staatlichkeit und der Gewalt islamistischer Terrorgruppen verbunden wie hier. Nirgendwo sonst besteht so real eine Kriegsgefahr zwischen zwei Atommächten, und kaum ein anderer Konflikt hat die wirtschaftliche Entwicklung einer ganzen Weltregion über mehr als ein halbes Jahrhundert so gelähmt wie die Kaschmirkrise.

Kaschmir dient als Symbol religiöser Identität

Der Streit über die Zugehörigkeit des einstigen Königreichs ist für Indien und Pakistan auf das Engste mit ihrer Staatsidee verbunden. Das von Muslimen bewohnte Kaschmir dient dem islamischen Pakistan als Symbol für seine religiöse Identität ebenso wie der Indischen Union als Symbol für ihren säkularen Charakter. Zugleich ist die Region in beiden Staaten ein innenpolitischer Krisenherd. Sowohl in der Debatte über die Frage der regionalen Autonomie als auch durch die Anschläge islamistischer Gruppen. Die Unterstützung islamistischer Gruppen als außenpolitische Instrumente im Kampf gegen Indien erweist sich für Pakistan immer mehr als kontraproduktiv. Deren Anschläge richten sich nicht mehr nur gegen Indien, sondern nehmen auch zunehmend Pakistan im Visier. Bei den Anschlägen in der pakistanischen Provinz Punjab in Reaktion auf die Militäroffensive in Süd-Waziristan im Herbst 2009 zeigte sich eine wachsende Zusammenarbeit zwischen Terrorgruppen aus dem Umfeld von El Kaida, Taliban und Kaschmiris.

So sind Indien und Pakistan aus dem Streit um Kaschmir über die Jahrzehnte nicht nur gemeinsame soziale und wirtschaftliche Herausforderungen, sondern auch ein gemeinsamer Gegner erwachsen. Die Aussichten für die Kooperation beider Staaten sind dennoch durchwachsen. Der Verbunddialog zwischen Delhi und Islamabad hat die waffenstarrende Kontrolllinie in Kaschmir seit 2004 allmählich durchlässig gemacht. Infiltration und Anschläge gingen zurück, Indien reduzierte seine Truppen und verhandelte mit der Landesregierung in Srinagar sogar wieder über die Frage der Autonomie. In dieser bislang friedlichsten Phase im krisengeschüttelten Verhältnis beider Staaten schien 2007 sogar eine Formel für ein Ende des Konflikts gefunden. Doch sie scheiterte an den innenpolitischen Wirren um Pakistans damaligen Militärherrscher Pervez Musharraf.

Der Weg zu einer Lösung Kaschmirs bleibt lang und schwierig

Die Rückkehr zum Dialog im Februar 2010 ist deshalb nur ein erster, bescheidener Schritt, um den Gesprächsfaden 15 Monate nach dem verheerenden Terroranschlag in Mumbai wieder aufzunehmen. Der Weg zu einer Lösung Kaschmirs bleibt lang und schwierig. Die Hauptaufgabe für Indien und Pakistan wird es sein, ihre bilateralen Beziehungen auszuweiten, um damit ihr Verhältnis aus der Sackgasse des Kaschmirkonflikts herauszuführen. Die internationale Gemeinschaft sollte diesen Prozess unterstützen, denn die bilaterale Annäherung zwischen Indien und Pakistan wird auch für die Stabilität Afghanistans von entscheidender Bedeutung sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Rahr, David Ignatius.

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