Der klassische Anzug hat an Glaubwürdigkeit verloren. Joachim Schirrmacher

Das Private ist politisch

Emotionen sind ein Faktor der Imagebildung von Politikern. Doch wer Privates öffentlich macht, muss mit einem bisweilen schmerzlichen Bumerangeffekt rechnen.

Politiker brauchen Medien, um ihre Botschaften öffentlich zu machen, und die Medien benötigen Politiker, um Meldungen transportieren zu können. Dass dabei nicht nur politische Sachfragen erörtert werden, ist seit Jahren gängige Praxis. Medienauftritte in Personality-Talkshows werden von den Volksvertretern dankbar angenommen. Hier müssen sie sich keinen kritischen politischen Fragen stellen und können sich als Privatmenschen präsentieren.

Politiker haben erkannt, dass positive Emotionen in Bezug auf ihr Familienleben eine wichtige Kategorie für den Wahlerfolg sein können. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat sich publikumswirksam eine Auszeit für sein Kind genommen und diese dazu genutzt, sich während des „Erziehungsurlaubs“ ständig zu allen möglichen politischen Themen zu äußern. Dadurch wurde seine Glaubwürdigkeit als aktiver Familienvater jedoch infrage gestellt. Inzwischen setzt er sich kritisch mit seinem kürzlich verstorbenen Vater auseinander, der bis zum Ende seines Lebens ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus ablegte. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Unterfangen seine Popularitätswerte erhöht. Sein Parteifreund Frank-Walter Steinmeier hat sich ebenfalls für einige Monate aus der Politik zurückgezogen, um seiner Frau eine Niere zu spenden und damit zugleich eine öffentliche Debatte zum Thema Organspende angestoßen. Damit hat er viele Sympathien gewinnen können und glaubwürdig ein Image als Vorbild aufbauen können.

Erfolgsgeschichten sind Ausnahmen

In der Regel spielt die Ehefrau prominenter Politiker sowohl in Amerika als auch in Deutschland eine eher untergeordnete Rolle. Sie widmet sich primär repräsentativen Pflichten und beteiligt sich an Wohltätigkeitsaktionen. Gleichwohl ist ein intaktes Familienleben in Amerika auch eine zentrale Kategorie für die Akzeptanz des Politikers. Der amerikanische Präsidentschaftskandidat Gary Hart musste 1988 zurücktreten, als bekannt wurde, dass er eine Geliebte hatte. Im Rahmen der Lewinsky-Affaire hingegen hat Hillary Clinton 1997 treu zu ihrem Ehemann, dem damaligen Präsidenten Bill Clinton, gestanden. Auch durch ihren Rückhalt konnte er im Amt bleiben. Sie trat nach seiner Amtszeit (erfolglos) als amerikanische Präsidentschaftskandidatin an und wurde dann eine erfolgreiche Außenministerin im Kabinett von Barack Obama, der auch von der Popularität seiner Frau Michelle profitiert.

In Deutschland hat Doris Schröder-Köpf als Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder unlängst immerhin ein Landtagsmandat in Niedersachsen erreichen können. So ist auch Oskar Lafontaine mit seiner Parteifreundin Sahra Wagenknecht liiert, die bereits zuvor eine Schlüsselrolle bei den Linken innehatte. Derartige Erfolgsgeschichten, bei denen beide Partner eine politische Karriere machen, bilden aber eher die Ausnahme. Nach wie vor als Traumpaar gelten Stefanie und Karl-Theodor zu Guttenberg. Trotz seiner Plagiatsaffäre steht sie nach wie vor an seiner Seite und widmet sich den Aufgaben im karikativen Bereich. „Bild“ und „Bunte“ und weitere Boulevardmedien haben das Paar lange publizistisch unterstützt. Die Popularitätswerte von Frau zu Guttenberg sind nach wie vor hoch.

Trend für mehr Toleranz

Das Private zu öffentlich zu machen, birgt jedoch ein Risiko mit sich. Dies musste der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping schmerzlich erfahren, der sich für die Zeitschrift „Bunte“ planschend im Pool ablichten ließ, um der deutschen Öffentlichkeit sein neues Liebesglück zu präsentieren. Er posierte für die Titelseiten der Illustrierten mit seiner neuen Freundin Kristina Gräfin Pilati-Borggreve im Hotelpool auf Mallorca, während sich die Bundeswehrsoldaten mit den Gefahren von Auslandseinsätzen auseinanderzusetzen hatten. Der „Spiegel“ machte sich im Anschluss daran mit dem Titel „Rudolf, der Eroberer“ über den Minister lustig. Und auch Bettina und Christian Wulff mussten Kritik einstecken. Als niedersächsischer Ministerpräsident trennte sich Wulff von seiner ersten Ehefrau. Die Liebe zu seiner zweiten Frau Bettina wurde von „Bild“ zunächst begeistert gefeiert. Als die ersten Vorwürfe aufgrund seiner finanziellen Transaktionen beim Kauf seines Eigenheims gegen Wulff jedoch die Öffentlichkeit erreichten und er versuchte, Druck beim „Bild“-Chefredakteur zu machen, änderte sich das Verhältnis zwischen der Boulevardzeitung und dem inzwischen zum Bundespräsidenten aufgestiegenen Politiker schlagartig. Als Bettina Wulff dann noch ein Buch auf den Markt brachte, in dem sie deutliche Kritik am Ehemann artikulierte, war die öffentliche Sympathie endgültig vorbei. Inzwischen hat sich das Paar getrennt, nachdem Wulff zuvor vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten ist.

Politiker haben vor allem dann Probleme, wenn sich Angehörige kritisch über sie äußern. Dies war bei den Söhnen von Willy Brandt und Helmut Kohl nicht mehr relevant, da die Ex-Bundeskanzler keine Ämter mehr innehatten. Wenn Ex-Ehefrauen sich negativ über den Partner äußern – wie z.B. Hiltrud Schröder dies 1997 über Gerhard Schröder getan hat – trägt dies sicher nicht zur Sympathiebildung des Politikers bei.

Insgesamt scheint sich jedoch ein Trend für mehr Toleranz gegenüber unkonventionellen Lebensformen in Deutschland durchgesetzt zu haben. Das homosexuelle Outing von Klaus Wowereit hat ihm bei seiner Bewerbung um das Amt des Regierenden Bürgermeisters durchaus Sympathien eingebracht. Ole von Beust als Bürgermeister von Hamburg und Guido Westerwelle als Außenminister haben aufgrund ihrer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften keine erkennbaren politischen Nachteile gehabt. Und sogar im konservativen Bayern wurde es dem Ministerpräsidenten Horst Seehofer offensichtlich nicht übel genommen, dass er ein Kind aus einer außerehelichen Beziehung hat. Joschka Fischer hat es bislang auf fünf Ehen gebracht. Gerhard Schröder hat bereits die vierte Hochzeit hinter sich. Dass es aber auch Grenzen der Toleranz und öffentlichen Akzeptanz des Privatlebens gibt, musste der CDU-Politiker Christian von Boetticher erfahren. Er galt als Hoffungsträger der Union und sollte Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden. Als seine damals bereits beendete Affäre mit einer 16-jährigen Schülerin bekannt wurde, hat er jedoch seinen Rücktritt erklären müssen.

Angriffsfläche für die Medien

Sehr klug verhält sich Angela Merkel. Sie tritt mit ihrem zweiten Ehemann nur selten in der Öffentlichkeit auf. Da muss schon ein amerikanischer Präsident zu Besuch kommen oder eine Opernaufführung in Bayreuth stattfinden, damit Herr Sauer öffentlich sichtbar wird. Unverfängliche Bilder vom gemeinsamen Urlaub des Ehepaars im Partnerlook werden gerade noch zugelassen. Ansonsten bietet das Kanzlerehepaar keine Angriffsfläche für die Boulevardpresse. Das Private ist nicht spektakulär.

Insgesamt lässt sich zwar festhalten, dass privates Glück durchaus ein positives Image von Politikern fördern kann. Wenn sich an diesem Zustand etwas ändert, kann dies jedoch auch einen Bumerangeffekt zur Folge habe. Insofern ist es für Politiker strategisch gegebenenfalls klüger, etwas mehr Zurückhaltung über das Private zu üben, um weniger Angriffsfläche für die Medien zu bieten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Matthias Micus, Christina Holtz-Bacha.

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