Chinas Einfluss auf europäische Unternehmen wird immer größer

Christian Saxenhammer26.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Chinas Einfluss auf europäische Unternehmen wird immer größer. Zwar sind ihre Investitionen in der EU im vergangenen Jahr eingebrochen, und zwar um 40 Prozent gegenüber 2017 auf 17,3 Milliarden Euro.

Doch spiegelt dies den „weltweiten Rückgang chinesischer Investitionen wider und lässt sich auf anhaltende Kapitalkontrollen und eine Verknappung der Liquidität in China zurückführen”, wie es die Autoren der dazugehörigen Studie vom Mercator Institute for China Studies (Merics) und der Rhodium Group betonen. Dabei liegen die Direktinvestitionen immer noch auf einem hohen Niveau. Zudem gibt es statistische Schwankungen, da in den vorangegangenen Jahren ein, zwei Mega-Deals die Zahlen stark nach oben getrieben hatten.

Ein eindeutiger Faktor für den Rückgang sind jedoch verschärfte EU-Regeln, um chinesische Investitionen auf Sicherheitsrisiken zu überprüfen. Wie beabsichtigt, haben diese bereits einige Vorhaben verzögert oder gar verhindert. In spektakulärer Weise hat auch die Bundesregierung den Staatskonzern SGCC gestoppt, der sich 2018 am Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz beteiligen wolle. 50Hertz sichert die Stromversorgung von 18 Millionen Einwohnern im Norden und Osten Deutschlands, darunter in Berlin. Den in Rede stehenden 20-Prozent-Anteil übernahm kurzerhand ein anderer Staatskonzern, nämlich die deutsche KfW. Die Bundesregierung habe aus “sicherheitspolitischen Erwägungen ein hohes Interesse am Schutz kritischer Energieinfrastrukturen”, teilte das Wirtschaftsministerium seinerzeit mit. Hier wurde eine halbwegs elegante Form der Blockade gefunden, doch es geht auch direkter: Just zur selben Zeit verbot die Bundesregierung die geplante Übernahme des westfälischen Maschinenbauers Leifeld Metal Spining, der unter anderem Materialien herstellt, die in der Luft- und Raumfahrt zum Einsatz kommen, aber auch im Nuklearbereich verwendbar sind. Ein Verkauf gefährde die öffentliche Ordnung und Sicherheit Deutschlands, hieß es.

Chinas Vorstoß wird gebremst – aber nicht gestoppt

Schaut man sich das Gesamtbild allerdings näher an, ist Chinas Drang nach Unternehmen – und damit Zugang zu Märkten, Wissen und Innovationen – ungebrochen. Zudem verzeichnete etwa Deutschland 2018 gegen den Trend ein Plus bei chinesischen Direktinvestitionen auf 2,1 Milliarden Euro, wobei nach Großbritannien noch mehr Geld floss, und zwar 4,2 Milliarden Euro. “Europa bleibt auch künftig attraktiv für chinesische Investoren”, sagen die Studienautoren. Dies liege gerade auch am US-amerikanischen Systems der Investitionskontrolle – chinesisches Kapital orientiert sich zwangsläufig woanders hin.

Die Angst vor einem vermeintlichen Ausverkauf an China dauert bereits seit mehr als einem Jahrzehnt an, symbolisiert durch das gigantische Infrastrukturprojekt „Neue Seidenstraße“, die Diskussion um den Ausbau des 5G-Netzes durch Huawei oder auch den Kauf des Augsburger Roboteranbieters Kuka. Die Befürchtungen sind dabei in der Dimension unangebracht, doch in Teilbereichen berechtigt. Große Aufmerksamkeit erregte etwa die Übernahme von 51 Prozent am griechischen Hafen Piräus durch die chinesische Staatsfirma Coscos im Jahr 2016. Allerdings zeigt das Beispiel auch den gewaltigen Wirtschaftsfaktor solch eines Engagements: Das jährliche Wachstum des Hafens liegt derzeit bei rund 20 Prozent. Es werden zehn Mal mehr Container umgeschlagen als im Jahr 2008. Nun möchte der Bertreiber Piräus gar zum größten Containerhafen des Mittelmeers ausbauen.

EU stellt Leitplanken auf

Um den Einstieg Chinas zumindest etwas zu kanalisieren, hat die EU daher vor kurzem neue Regularien zur Überprüfung chinesischer Auslandsinvestitionen eingeführt. Es ist mehr ein Rahmenwerk, soll aber einheitliche Kriterien schaffen und vor allem die Aufmerksamkeit für das Thema erhöhen. Denn nicht bei allen EU-Mitgliedern war die Problematik so präsent wie hierzulande. Die Staaten sollen nun genauer hinschauen und sich besser abstimmen. Die Untersuchungen – und eine möglichen Blockierung – sollen damit einheitlicher und transparenter werden. Die Initiative orientiert sich an ähnlichen Leitlinien etwa in den USA, ist aber weniger restriktiv. Kriterien sind vor allem, ob es sich beim Käufer um ein Staatsunternehmen handelt, hinter der Transaktion ein strategisch-politisches Programm steht und das Zielobjekt zur kritischen Infrastruktur oder Hochtechnologie gehört. Die Autoren von Merics und Rhodium schätzen, dass 83 Prozent der chinesischen Übernahmen in 2018 mindestens eines dieser Kriterien erfüllt hätten.

Doch auch auf Seiten Chinas sind strategische Schwenks erkennbar, so wie man es von der straff durchorganisierten Partei- und Staatsführung gewohnt ist: Chinas M&A-Strategie vollzieht den Wandel von Quantität zu Qualität. Zudem wird weniger im Immobiliensektor und bei Infrastruktur investiert. Das Land diversifiziert und greift gezielter zu, etwa nach erneuerbaren Energien, Biotechnologie, Künstlicher Intelligenz, Fintech und Medizintechnik. Und sie fliegen mitunter unterm Radar, etwa bei einem Einstieg von unter zehn Prozent an einem Unternehmen, was statistisch nicht erfasst wird, aber trotzdem gewaltig sein kann. Hierzu gehört der Kauf von fünf Prozent der Daimler-Anteile durch den Staatskonzern BAIC – wobei Daimler wiederum zehn Prozent an BAIC hält.

Klar ist aber auch: der Hunger nach Innovationen, Technologien und „langfristigen Partnerschaften“ ist groß. Und die Spielregeln sind dabei nicht gleich. Zwar macht gerade die deutsche Wirtschaft immer noch sehr gute Geschäfte mit und in China. Doch sind die höheren Restriktionen, Benachteiligungen und besonders die Willkür auf Seiten Chinas mit Händen zu greifen. Das betonte gerade erst der China-Experte Jan Weidenfeld, ebenfalls vom Merics-Institut, in einem Phoenix-Interview – aus Anlass der Reise von Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Reich der Mitte Anfang September. Er spricht gar von „Daumenschrauben“. Eine Politik auf gleicher Augenhöhe ist das wahrlich nicht.

 

 

 

 

 

 

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