Alles, was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand. Charles Darwin

Zug nach Nirgendwo abgefahren

Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Schlager nicht? Doch! Der deutsche Schlager hat zwar noch Präsenz, aber keine Relevanz mehr. Er gehört in die musikalische Mottenkiste.

Mag man es drehen und wenden, wie man will: Der deutsche Schlager ist tot. Oder etwas freundlicher formuliert: er ist zu einem historischen Phänomen geworden – wie die barocke Trio-Sonate, das Menuett der Rokoko-Zeit, der Wiener Walzer oder der Twist: durchaus von musealem Reiz, aber mit erfüllter Mission. Man mag gelegentlich auf seine formalen Eigenschaften zurückgreifen und sie augenzwinkernd oder spielerisch-kreativ in andere Genres integrieren, im (seltenen) besten Fall: weiterentwickeln. Aber lebendige Impulse gehen vom Schlager nicht mehr aus, vereinzelte leichte Nachbeben widerlegen nicht die Regel.

Zunächst einmal: Wollen wir allen Ernstes Udo Jürgens und Semino Rossi bezüglich ihres intellektuellen, kreativen, ästhetischen Potenzials in ein und derselben Liga verorten? Katja Ebstein und Andrea Berg? Gunter Gabriel und Hansi Hinterseer? Das Schlagerpublikum tut das merkwürdigerweise – wobei die hier jeweils Zweitgenannten, flankiert von den Amigos und den Flippers (beziehungsweise deren Erbengemeinschaft), mittlerweile den Groß- und Altmeistern des Genres in puncto Umsatz und Beliebtheit längst den Rang abgelaufen haben.

Die kulturellen Adapter passen nicht mehr

Zum Beispiel die Amigos: das Brüder-Duo veröffentlichte 2012 eine aus vier CDs bestehende Anthologie unter der Bezeichnung „Die Große Hitcollection“ mit sage und schreibe 80 Titeln; als Bonus-CD wurde noch das 2011 auf Nummer 1 der deutschen Albumcharts platzierte „Mein Himmel auf Erden“ beigegeben – in der Summe 95 „Hits“ in über fünfeinhalb Stunden Laufzeit auf fünf CDs! Das wäre selbst bei veritablen (Welt-)Hitlieferanten wie Elvis Presley, den Beatles oder ABBA undenkbar und sagt allein deshalb einiges über unser Land aus – zumal die tönenden Hervorbringungen der Amigos ungeachtet ihres schlicht nicht vorhandenen künstlerischen Niveaus auch bei wohlwollender Betrachtung kaum voneinander zu unterscheiden sind. Bedenkt man darüber hinaus, dass es die Amigos zwischen 2007 und 2012 mit drei Alben an die Spitze der deutschen Charts geschafft haben, ein weiteres Album auf Nummer 2 landete sowie zwei weitere in die Top Ten vorstießen, wird deutlich, welch gewaltiger Paradigmenwechsel in der Musikwelt stattgefunden hat. Der heutige Schlager ist in einem – größenmäßig nicht zu unterschätzenden – Parallel-Universum verkapselt, aus dem selten Signale in die umgebende Wirts-Welt dringen: die Leitungen sind gekappt, die kulturellen Adapter passen nicht mehr.

Seit rund 30 Jahren sind dem deutschen Schlager keine „Klassiker“ mehr entwachsen, die sich auf der geistigen Festplatte auch derjenigen eingefressen hätten, die dezidiert nicht zur Zielgruppe zählen. „Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Wunder gibt es immer wieder“, „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ – musikalisch-textliche Chiffren, die jedem geläufig und somit nicht erklärungsbedürftig sind. Kulturelles Erbe, über dessen Vorhandensein man sich nicht eigens verständigen muss – gleich, ob man es mag oder nicht. Danach: nichts mehr.

Auch Wolfgang Petry nicht (der eher für einen Sound als für Songs stand), nicht DJ Ötzi (der eher als Type denn als Musiker wahrgenommen wird), schon mal gar nicht Michael Wendler, der in erster Linie als regionale Projektionsfläche dient – das alles hat Präsenz, aber keine Relevanz (mehr). Präsenz allerdings satt, und das nicht zufällig. Glaube keiner, die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten setzten in der Prime Time auf Florian Silbereisen, Andy Borg und Carmen Nebel, um die Mehrheit der Rock-, Jazz-, Rap-, House-, Blues- und Klassik-Kenner und -Liebhaber fahrlässig oder aus Bosheit unterversorgt zu lassen. All diese Felder sind nämlich ebenso Minderheitenmusik wie der Schlager, nur sind die Minderheiten jeweils für sich genommen zahlenmäßig vermutlich noch kleiner – hier sind Demoskopen und Milieu-Forscher gefragt –, wenngleich mit immerhin noch messbarem Pulsschlag. Hingegen wird ein Leichnam nicht lebendiger, wenn er im öffentlich-rechtlichen Mausoleum mumifiziert aufgebahrt wird.

Der Leder-Mini von Andrea Berg

Auch die heutzutage in der Branche beliebte Begriffsverwirrung hilft da nicht weiter: weder die Neue Deutsche Welle noch gelegentliche „schlagerhafte“ Hits von Rock- und Popkünstlern von Udo Lindenberg über Unheilig bis zu den Toten Hosen dürfen, ungeachtet ihrer Verbreitung und Beliebtheit, handstreichartig dem Schlager zugeordnet werden – so wenig wie Heino neuerdings dem Rock. Schlager ist mehr (beziehungsweise weniger) als die Gleichung: deutschsprachig plus erfolgreich. In dieser Hinsicht hat gerade die gläubige Schlagergemeinde zwischen El Arenal und Kastelruth ein ebenso subtiles wie sicheres Gespür für kulturelle Unterschiede. Und deshalb gehören auch die nachgewachsenen „Schlagerfreunde“, die auf der Ü30-Party lauthals „Ein Festival der Liebe“ mitgrölen, ansonsten aber auf Clueso stehen, nicht zur stillen Reserve – wie auch eine Faschingsverkleidung als Captain Jack Sparrow nicht als Indiz für ein neo-barockes Mantel-und-Degen-Revival dienen kann. Bezeichnenderweise müssen Semino Rossi und die Amigos bei derartigen „Kult“-Veranstaltungen draußen bleiben.

Fazit: Der harte Kern der deutschen Schlagerszene ist geradezu zur Subkultur mutiert – nach innen verschworen, nach außen tendenziell abwehrend, dabei selbstgenügsam und keineswegs missionarisch auftretend. Allerdings im Gegensatz zu anderen Subkulturen alles andere als hip – und deshalb so unsexy wie der Leder-Mini von Andrea Berg. Der deutsche Schlager von heute – ein wunderlicher Fremdkörper in der Mitte der Gesellschaft.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Rist, Ingo Grabowsky.

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