Social Media: Putins erste große Niederlage | The European

Social Media: Putins erste große Niederlage

Christian Jakubetz6.03.2022Medien, Politik

Russland macht Social Media dicht, seit dem Wochenende gibt es in Putins Reich de facto keinen Zugang mehr zu Facebook, Instagram und anderen Kanälen. Was nach einem Randaspekt des Krieges in der Ukraine klingt, zeigt in Wirklichkeit zweierlei. Die Nervosität des Autokraten steigt. Und:  Zum ersten Mal erleben wir einen Krieg, der durch die sozialen Netzwerke maßgeblich mit beeinflusst wird. Eine Analyse von Christian Jakubetz.

Social Media

Umgekehrt haben sich viele soziale Netzwerke gegen die zu erwartende russische Propaganda gewappnet. Putins Social-Media-Gegenschlag versandet. Twitter beispielsweise kennzeichnet Tweets mit Links zu russischen Staatsmedien und reduziert die Sichtbarkeit der Posts. Andere, wie der Zuckerberg-Konzern (Facebook, Instagram) oder auch TikTok schränken den Zugang der russischen Staatssender zu ihren Plattformen spürbar ein.

Putins Gegner hingegen sind klug genug, um zu wissen: Soziale Netzwerke kann man bis zu einem gewissen Grad unterdrücken, zensieren, boykottieren. Schlauer ist es, sie sich zunutze zu machen. Der Präsident der Ukraine hat das begriffen: Die Video-Botschaften Selenskyjs gehören seit Kriegsbeginn zum festen „Programm“ bei Twitter und an allen anderen Orten, in denen sich Menschen virtuell begegnen. Und sie sorgen schon jetzt dafür, dass Putin noch schlechter als ohnehin schon dasteht. Der Mann im olivgrünen T-Shirt dagegen, er hat Abermillionen hinter sich. Seine Auftritte, Dreitage-Bart, der Mann des Volkes, haben ihn buchstäblich zum Volkshelden werden lassen. Putin dagegen, an absurd langen Tischen sitzend oder mit starrem Blick erratische Botschaften in die Welt schäumend, sieht gegen Selenskyj wie ein sinisterer, wirrer, alter Mann aus (vielleicht ist er das ja auch). Held Selenskyj, dunkelgrau-traurige Figur Putin: Die russische Propaganda versagt, Social Media wirkt.

Damit hat niemand gerechnet, der Mann im Kreml nicht und wenn man ehrlich ist: der Rest der Welt auch nicht.

Propaganda-Apparat verliert gegen eine Armee aus Smartphones

Eine ganze hochgezüchtete Propaganda-Maschine gegen ein Smartphone und einen Twitter-Account:  Wenn der ukrainische Präsident twittert, werden seine Botschaften zigtausendfach kopiert, geliked, in alle Welt geschickt. Das dauert wenige Sekunden und ist gefühlte Ewigkeiten schneller und effektiver und authentischer, als es Putins absurder Apparat jemals sein wird. Rasend schnell, hoch effektiv und minimale Kosten das eine, schwer, teuer, ineffizient das andere.

Entscheidend dabei ist aber nicht allein Selenskyj, auch wenn man anerkennen muss, dass es mutmaßlich keinen Politiker auf der Welt gibt, der den Umgang mit digitalen und sozialen Netzwerken besser beherrscht als er. Der eigentliche Effekt entsteht durch die „redaktionelle Gesellschaft“, wie das der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen immer wieder bezeichnet.

Menschen, die ihr eigenes Medium sind. Ein Medium, das in rasender Geschwindigkeit Informationen, Bilder, Videos, Livestreams um die Welt schicken kann.

Facebook, Twitter, TikTok: Sie sind voll mit solchen Dingen. Jedes einzelne Video eines Raketeneinschlags in ein Krankenhaus, jedes Foto von zerstörten russischen Panzern und jedes morgendliche Präsidenten-Video führt Putins Kommunikation in opulenter Sowjet-Optik ins Absurde. Dazu braucht es keine Hochglanz-Bilder, ein authentisches Wackel-Video reicht aus. Zwei, drei Mausklicks und die Botschaft ist unwiederbringlich in der Welt.

Den Social-Media-Krieg kann Russland schon nicht mehr gewinnen

Facebook, Twitter, TikTok: Sie sind voll mit solchen Dingen. Jedes einzelne Video eines Raketeneinschlags in ein Krankenhaus, jedes Foto von zerstörten russischen Panzern und jedes morgendliche Präsidenten-Video führt Putins Kommunikation in opulenter Sowjet-Optik ins Absurde.  Eine alte Frau, die zwei schwerbewaffneten russischen Soldaten Sonnenblumen-Samen anbietet und sagt: „„Ihr solltet Sonnenblumenkerne in eure Taschen stecken, damit sie nach eurem Tod auf ukrainischem Boden wachsen“ – das geht in den Netzwerken viral, wird auch von klassischen Medien aufgegriffen und ist für die russische Staats-Propaganda ein Desaster.

Despoten wie Putin haben durch soziale Medien die Kontrolle über alles verloren, was für sie wichtig ist. Sie können nicht mehr steuern, nicht mehr filtern, nicht mehr zensieren. Der Krieg findet live vor unser aller Augen statt. Man kann mitverfolgen, wo und wie russische Helikopter abgeschossen werden. Man kann die Flugrouten russischer Oligarchen mitverfolgen, man sieht in wackligen 12-Sekunden-Videos, wie junge Ukrainer Molotow-Cocktails aus fahrenden Autos auf russische Panzerkolonnen werfen. Selbst wenn Putin die Zugänge zu Facebook und Twitter versucht zu erschweren: Exakt das macht das Wesen der Viralität aus ­ – dass sie nicht vollständig kontrollierbar ist, nicht mal Nordkorea schafft das.

Nicht nur, aber auch deswegen wird Putin diesen Krieg verlieren. Nicht den militärischen. Aber den um die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit. Je deutlicher das wird, umso mehr wird sein Apparat versuchen, mit Unterdrückung und Zensur vorzugehen. Nur nützen wird es ihm: genau, nichts.

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