Mut zur Idee

Christian Humborg17.08.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Ohne Ideen gibt es keinen gesellschaftlichen Wandel. Was der Politik fehlt, sind Überzeugungen, die die Menschen bewegen. Um den Herausforderungen der Moderne zu begegnen, braucht es kollektive Verhaltensänderungen. Nur Ideen können dazu motivieren.

Nur aus einer schnöden systemtheoretischen Betrachtungsweise kann man Politiker zu Moderatoren von Abwägungsprozessen degradieren. Damit wird Politik reine Machttechnik, bei der es nicht mehr um die Durchsetzung eigener Vorstellungen geht. Leider scheint das aktuelle politische Gebaren in Berlin diese Beschreibung zu bestätigen, aber ist nicht das genau das Problem? Eine der unzähligen Strukturierungen innerhalb der Sozialwissenschaft sind die drei großen I: Interessen, Ideen und Institutionen. Interessen sind die Interessen der Einzelnen, die im Rahmen der politischen Ökonomie nur aufsummiert werden müssen, um kollektive Entscheidungen zu begründen. Institutionen als Regeln oder Organisationen formen Interessen und bieten Verfahrensweisen für ihre Durchsetzung, argumentiert M. Rainer Lepsius. “Institutionen geben Ideen Geltung in bestimmten Handlungskontexten.”

Erst Ideen machen kollektive Entscheidungen und Handlungen möglich

Während die intellektuelle Auseinandersetzung zwischen den Verfechtern des “rational choice”-Ansatzes und den Neoinstitutionalisten tobt – auch um Lehrstühle –, sind Ideen als wesentliche Faktoren in der Politikwissenschaft ins Hintertreffen geraten. Im Rahmen des sogenannten “framing” degenerieren Ideen zu Hilfsreferenzen von nicht auf Deliberation, sondern massenmedial ausgerichteten Kommunikationsstrategien. Dabei machen erst Ideen kollektive Entscheidungen und Handlungen möglich, wenn der einzelne Bürger sich deliberationsberaubt kaum aus seiner Kommunikationszelle heraustraut. Verständlicherweise schreckt man in Deutschland zunächst zurück, wenn der Ruf nach “Ideen”, die kollektives Handeln leiten sollen, erklingt. Jeglichen Ideen kritisch gegenüberzustehen ist gut und wichtig, aber sie allgemein als Nichtkategorie abzutun ist unsinnig. Um den dramatischen Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen, müssen wir anders leben, anders essen und uns weniger und anders fortbewegen. Wie wollen wir diese kollektive Verhaltensänderung erreichen, wenn nicht durch überzeugende Ideen? Kopenhagen hat zuletzt gezeigt, dass wir nicht über die notwendigen Institutionen verfügen. Die Interessenlage ist noch schwieriger: Die USA wollen ihren Wohlstand nicht aufgeben. China will internationale Gerechtigkeit bei der Verschmutzung. Kanada und Russland profitieren vielleicht sogar vom Klimawandel. In Europa wird immer noch diskutiert, welche Interessen es eigentlich hat.

Wir brauchen Politiker, die Ideen über zukünftiges Zusammenleben haben

Angesichts des Klimawandels unaufgeregtere Debatten zu verlangen erscheint geradezu fatalistisch. Vielleicht liegt der aktuelle Erfolg der Grünen auch darin begründet, dass Menschen zunehmend erkennen, dass die “grüne Idee” – vor 30 Jahren noch als spinnert abgetan – gar nicht so dumm ist. Allerdings ist es absurd, anzunehmen, diese “single idea” wäre ausreichend, um den Herausforderungen des Zusammenlebens und der Notwendigkeit kollektiver Entscheidungen in Zukunft allumfassend gerecht zu werden. Wir brauchen Politiker, die Ideen über zukünftiges Zusammenleben haben und für ihre Überzeugungen bereit sind, sich mit ihrer ganzen Biografie einzusetzen. “Helmut Wilke(Macht in der Wissensgesellschaft)”:http://www.theeuropean.de/helmut-willke/3867-macht-in-der-wissensgesellschaft verlangt Strategiefähigkeit von der Politik, die institutionalisiert werden müsste, um die kurzen Legislaturperioden zu überdauern. Sind Menschen nicht dauerhafte Ideenträger? Was ist Strategie anderes, als für gut begründete Ideen zu begeistern? Das Zeitalter von Ideen ist keineswegs abgeschlossen. Max Weber schrieb: “Wer Politik treibt, erstrebt Macht.” Heutzutage hat man leider den Eindruck: “Wer Macht hat, betreibt Politik.”

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu