Informationen sind ein wesentlicher Bestandteil von Konflikten. Luciano Floridi

Erst der Mensch, dann der User

Bei aller Euphorie über neue soziale Internetdienste übersehen wir, dass Facebook und Co. nur ein Kanal von vielen ist. 500 Millionen User bedeuten 6,5 Milliarden Social-Media-Abstinenzler. Integration übers Netz darf deshalb nur ein Ansatz von vielen sein, um die Menschen in ihrer Realität abzuholen.

Die Idee hat so etwas Idealistisches, Menschliches. Das Social Web ist da. Ab sofort dürfen alle miteinander reden. Die Menschen sind die Chefs. Unternehmen müssen zuhören. Und sich verändern lassen. Nur so kann man zukünftig erfolgreich sein.

Und um das Ganze besser beschreiben zu können, hat man mal gleich ein paar Schlagworte in den Ring geworfen. „Social“, „Dialog“, „User generated“. Interessant dabei ist, dass die Menschen draußen mit den Begriffen zumeist gar nichts anfangen können. Sie kommunizieren doch nur, lesen und gucken hauptsächlich, schreiben mal was oder schicken ein Video rum. Eigentlich machen sie nichts anderes, als schon ihr ganzes Leben. Sie interagieren miteinander. Dienste wie Twitter, YouTube und Facebook geben ihnen die technologischen Möglichkeiten, dies recht einfach zu tun und sich mit anderen Menschen elektronisch zu verbinden. Das ist toll!

Den Überblick behalten

Am Beispiel Ägyptens wird deutlich, welche Bedeutung die Internetkommunikation haben kann und welche Rolle Social Networks dabei spielen können. Regimekritiker nutzen das Web, um sich Gehör zu verschaffen und zu organisieren, Blogger werden zu Journalisten. Die politische Protestbewegung wäre ohne Facebook und Twitter um einiges schwieriger. Und dennoch ist am Ende entscheidend, was in der Realität passiert. Wie sich Demonstranten verhalten, was Polizei und Armee machen und ob eine politische Führung am Ende Vernunft beweist.

Ob wir nun über Politik oder über das Vermarkten von Produkten sprechen: Das Social Web hat eine echte Bedeutung erlangt. Es ist ein Kanal, über den Menschen kommunizieren. Und jetzt mein ABER:

Es ist eben nur EIN Kanal, EINE Möglichkeit. Wenn in Deutschland aktuell 15 Millionen Menschen auf Facebook unterwegs sind, dann bedeutet das immer noch, dass der Großteil der Bürger dies eben nicht ist. Die treffen sich vielleicht wöchentlich im Sportverein oder zum Stammtisch. Und die 15 Millionen Facebooker sind auch nur den geringsten Teil am Tag im Internet. Größtenteils sind sie in der Realität unterwegs, sprechen mit anderen Menschen, arbeiten, vergnügen sich in ihrer Freizeit.

In erster Linie: Mensch

Es mag den digitalen Lifestyle geben. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland aber ist zunächst Mensch – mit mehr oder weniger starker Nutzung des Internets. Wer diese Menschen also erreichen will, der sollte die Macht des Internets nicht überschätzen. Das Leben der Menschen ist komplexer. Ziel muss es für jede Institution, für jedes Unternehmen sein, Menschen übergreifend überzeugen zu können. Wer im Web verspricht, was er in der Realität nicht halten kann, der wird es an jeder Ecke zu spüren bekommen.

Bezogen auf die aktuelle Integrationsdebatte in Deutschland bedeutet dies für mich: das Web nutzen, um Meinungen auszutauschen, in Dialog zu kommen. JA! Aber bei allen Chancen im Social Web sollte immer bedacht werden, dass freie Meinungsäußerung in alle Richtungen gehen kann. Wenn ich z.B. eine Kontroverse wie die Integrationsdebatte im Web bewusst anfache, dann besteht die Gefahr, dass extreme Meinungen eine Plattform bekommen, sich Fronten verhärten. Offener Dialog ist eine Chance – aber eben auch ein Risiko, sich gegensätzlicher Meinungen auszusetzen und von diesen dann getrieben zu werden.

Letztlich geht es darum, Überzeugungen überall dort zu äußern, wo Menschen sind. Die Botschaft sollte dabei konsistent und glaubwürdig sein. Wer dies schafft, der hat eine gute Chance, von Menschen wahrgenommen zu werden. Dies erhöht die Chance, Produkte zu verkaufen – oder eben auch politisch zu überzeugen.

UdL Digital und The European veranstalten am 9. Februar eine Diskussionsrunde zum Thema “Digitale Integration”. Hier können Sie sich für die Veranstaltung anmelden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Herrmann, Alice Weidel, Friedrich Seher .

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Kommunikation, Soziales-netzwerk, Digitale-gesellschaft

Debatte

„Digitaler Suizid“

Medium_9ffd6865f6

Vier Thesen zur Bildung der Zukunft

Stellen wir uns einmal vor, es gäbe kein Bildungssystem, so wie wir es kennen. Die Gesellschaft, die Politik, hätte nun die Aufgabe, ein Konzept zu entwickeln, wie Bildung aussehen müsste. Würden w... weiterlesen

Medium_f53e150fd9
von Hubertus Porschen
08.12.2018

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
05.09.2012
meistgelesen / meistkommentiert