EU-Klimapaket: Unternehmen müssen aufrüsten | The European

EU-Klimapaket mit disruptiven Folgen für die Wirtschaft

Christian Heinrich28.09.2021Europa, Medien

Mitte Juli hat die EU-Kommission ihr Klimapaket präsentiert. Dank radikaler Maßnahmen sollen so die europäischen Klimaziele 2030 erreicht werden. Unter der Leitlinie „Fit for 55“ ist dabei eine Strategie entstanden, mit der die Europäische Union ihre CO2-Emissionen bis 2033 um 55 % herunterschrauben will. Damit – so hofft die Politik – ebnet sich der Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2050. Von Christian Heinrich.

Belgien: Sitz der Europäischen Kommission in Brüssel, Foto: picture alliance / Daniel Kalker | Daniel Kalker

Im Fokus von „Fit for 55“ stehen weder Endverbraucher noch Infrastruktur, sondern Unternehmen – sowohl in als auch außerhalb der EU. Doch wenn diese jetzt nicht rasch agieren, könnte es bald für uns alle teuer werden.

Nachgeschärfter ETS, indirekte Emissionen

Künftig soll der Emissionshandel (ETS) deutlich nachgeschärft werden. Bisher wurden Emissionszertifikate eher an Unternehmen vergeben, damit diese ihre Emissionen ausgleichen oder Zertifikate mit einem Premium an andere Organisationen weiterverkaufen können, deren CO2-Ausstoß höher liegt. So entstand ein finanzieller Anreiz dafür, die eigenen Emissionen zu senken. Die Preise der Zertifikate steigen aufgrund der Verknappung.

Bis dahin mussten Unternehmen allerdings nur für direkt verursachte Emissionen geradestehen; zum Beispiel für solche, die bei der Güterproduktion direkt am EU-Standort anfallen. Der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) im Klimapaket legt jedoch fest, dass bald auch indirekt verursachte Emissionen auf der Klimabilanz landen – selbst dann, wenn Zulieferer und Logistik nicht in der EU sitzen. Dazu werden importierte Produkte schon ab 2023 entsprechend ihrer CO2-Bilanz besteuert. Kurz gesagt: Wo Emissionszertifikate bisher nur den direkten Ausstoß wettmachten, scheinen nun plötzlich auch die Abgase der gesamten Wertschöpfungskette auf.

Das setzt die Industrie enorm unter Druck. Wer jetzt nicht handelt und durchwegs emissionsärmer produziert, einkauft und lagert, muss bald mit Strafzahlungen in Form von CO2-Kosten rechnen. Wenn wir dieses Zukunftsbild auf ganze Branchen übertragen, wird der Handlungszwang noch deutlicher. Denn wenn es nicht schnell branchen- und industrieweite Dekarbonisierungen im Zulieferungsprozess gibt, kann dies zu negativen Folge-Effekten auf dem Kapitalmarkt führen. Die EU-Länder geben die Zielvorgaben aus dem Pariser Abkommen an die Unternehmen weiter und bitten diese dann zu Kasse. Ein von der EU ausgegebener Umsetzungsplan ist nicht zur Hand, und abfedernde Übergangsmechanismen fehlen völlig. Die Industrie ist auf sich selbst gestellt. Rasches Handeln ist gefragt, und zwar jetzt und nicht erst 2023, wenn die ersten CBAM-Steuern fällig werden. Unternehmen sollten Transparenz über ihre CO2-Emissionen aufbauen, um die Kosten dann verursachergerecht weiterzugeben bzw. die emissions-intensiven Prozesse zu reduzieren.

80 % CO2 in der Wertschöpfungskette

Das Problem dabei: Vielen Verantwortlichen ist  nicht bewusst, wie viele und welche CO2-Verursacher sich in ihrer Wertschöpfungskette verstecken – dabei entstehen bis zu 80 % der Emissionen auf indirekte Weise. Doch Aufklärung ist nur die halbe Miete. Es ist einerseits sehr aufwandsintensiv und andererseits meist wenig zielführend, jeden Akteur im Zulieferungsprozess einzeln zu beurteilen. In den wenigsten Fällen wissen Zuständige genau, welche relevanten Daten sie von Kooperationspartnern abfragen müssen, die noch dazu häufig auf der anderen Seite der Welt sitzen. Vorhandene Daten so sinnvoll aufzubereiten, dass CO2-Sünder aufgespürt werden, ist dann direkt die nächste Hürde.

Digital dekarbonisieren

Eine kostenvermeidendere und zeitsparende Lösung für diese Herausforderung kann nur softwareunterstützt realisiert werden: Prozessautomatisierung und die intelligente Kombination von transaktionalen Daten mit Umweltdaten ermöglichen die Kalkulation der aktuellen Emissionen aus der Wertschöpfungskette (Scope3).  Durch intelligente Environmental Software ist es Unternehmen möglich, große Datenmengen zu verarbeiten,relevanten Kennzahlen zu Emissionen visuell aufzubereiten und CO2-Verursacher auf diese Weise rasch zu identifizieren. Dann kommt der menschliche Faktor ins Spiel – denn dieser ist für den branchenübergreifenden Erfolg des Lösungsansatzes ebenso entscheidend: Die zuständigen Mitarbeiter kontaktieren nun gezielt stark CO2-verursachende Zulieferer und suchen gemeinsam nach Optionen, um Emissionen herunterzuschrauben. Ist das nicht möglich, können die Mehrkosten, die durch CBAM entstehen, direkt auf die Verantwortlichen übertragen werden. Diese Aktivität läuft natürlich nicht per E-mail oder Telefon ab, sondern auf der kollaborativen Plattform. Dies ermöglicht automatisierte Dokumentation und Nachverfolgung der erreichten Ziele. So hat jeder Akteur eine Motivation dazu, seinen Emissionshaushalt zu senken – und finanzielle Aufwendungen werden fair aufgeteilt.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland verspielt außenpolitisches Vertrauen

Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas. Der russische Angriffskrieg zwingt die NATO und die EU dazu, die Bewahrung von Frieden und Freiheit in dem Teil Europas, in dem wir das große Glück haben zu leben, wieder zur vorrangigen politischen Priorit

Das Maggie Thatcher-Double dürfte Boris Johnson beerben

Im Machtkampf um Johnsons Nachfolge hat Liz Truss beste Siegchancen. Die Parteibasis der Torys liebt sie, weil sie allerlei Erinnerungen an Margaret Thatcher weckt. Doch diese Rolle spielt sie recht dreist. Von Wolfram Weimer

Theater des Schreckens

Die Geschichte der Todesstrafe und ihrer Vollstreckung zeigt: Menschen drängten zu allen Zeiten danach, Augenzeuge einer Hinrichtung zu sein, möglichst nah dabei zu sein, um das blutige Ritual zu verfolgen. Entsetzen und Schaudern, Entzücken und Empörung, Emotion und Aktion – die Symbolik de

Deutschland braucht eine neue Standortagenda

Deutschland steht am Rande einer Rezession. Die Kaufkraft der Konsumenten leidet unter dem Inflationsschub, der durch die Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln angestoßen wurde und inzwischen viele andere Gütergruppen erfasst hat. Solange der Ukraine Krieg und die Sanktionen gegenüber Russl

Wir wären vollkommen verrückt, wenn wir die Kernkraftwerke vom Netz nehmen

Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber es gibt angesichts möglicher Energieversorgungsengpässe im Herbst dringenden Handlungsbedarf – im Sommer trotz der Parlamentsferien. Von Friedrich Merz

Merkel vor Kohl: So werden die Kanzler seit der Wiedervereinigung bewertet

Von 1998 bis 2005 war Gerhard Schröder Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er führte eine rot-grüne Koalition. Wenn man heute fragt, welcher Bundeskanzler seit der Wiedervereinigung die Interessen Deutschlands am besten vertritt oder dies getan hat, belegt Alt-Kanzlerin Angela Merkel (38 Proz

Mobile Sliding Menu