Leben und Lassen

Christian Harisch7.09.2018Gesellschaft & Kultur

Warum Genuss und Verzicht einander bedingen. Warum Seneca Recht hat und das Asketische als feine Kulturform unterschätzt wird.

7c80926576.jpeg

„Glück ist die Fähigkeit zum Verzicht“. Das berühmte Zitat wurde Seneca gerne kritisch vorgehalten, war er doch reich, sehr reich, 300 Millionen Sentenzen reich, ein Luxusmensch, Frauenheld und Genießer. Und ausgerechnet er predigte den Verzicht!? Tacitus sah in solchen Zitaten gar einen Trick, „seiner Raffgier auch noch ein philosophisches Mäntelchen der Bedürfnislosigkeit umzuhängen.“ Trotzdem macht das Zitat Senecas über Jahrhunderte seinen Weg durch die Geistesgeschichte. Warum? Weil es wahr ist.

Man kann den glücksbringenden Verzicht mit moralischen Argumenten füllen. So predigt und lebt Papst Franziskus und mithin viele Mönche und Nonnen die Askese aus Ausdruck einer christlichen Haltung von Demut und Bescheidenheit – und finden so ihr Glück. Man kann den Verzicht aber auch mit weltanschaulichen Sichtweisen begrüßen, so wie es Umwelt- oder Heimatschützer tun. Konservative und Ökologen treffen sich in ihrem Sparsamkeits- und Verlangsamungsreflex. Sie nennen es “Nachhaltigkeit” und kultivieren diesen glücksringenden Verzicht als eine Ausübung des Respekts von den hergebrachten Dingen. Man kann den Verzicht auch philosophisch erhöhen – als eine Schärfung der Sinne für das Wesentliche.

So oder so ist das „Weniger ist mehr“ eine tiefe Erkenntnis des Lebens. Sieht man es menschlich, dann ist der Verzicht auf den Überschwang des Wohlstands eine Wohl-Tat. Fasten, Wandern, regionale Küche, Klosterruhe, Muße, Yoga, Meditation, immer mehr Menschen sehnen sich danach über die Konzentration auf das Eigentliche etwas ganz Eigenes zu entdecken.

Die moderne Globalisierung bringt derart schnelle Veränderungen mit sich, dass die Menschen kaum mitkommen. Sie brauchen Oasen der Erholung, sie sehnen sich nach der Geborgenheit einer Welt, die einfach so bleibt wie sie ist. Die Bergalm ist so ein Ort der Zeitlosigkeit, der Sperrigkeit gegen den Veränderungswahn. Je schneller die Welt der Moderne sich dreht, je hastiger neue I-Phone-Modelle und noch schneller Chips und noch größere Düsenjets und noch coolere Lounges gebaut werden, desto größer wird die Sehnsucht nach der Alm und der Hütte und der Stranddüne.

Man muss kein Modernisierungs- oder Kapitalismuskritiker sein, um die heilsame Wirkung des Verzichts auf einen selbst gut zu finden. Man muss, ja man sollte es nicht einmal mit schlechter Laune und unachtsamen, häßlichem Ambiente verbinden. So wie Kluges nicht Häßlich sein muss, sollte Asketisches kultiviert sein, um seine Tiefenwirkung zu entfalten.

Purismus sollte eine Kulturform werden. Ich plädiere für die Schönheit der Reduktion, für die Gesundheit des Klaren. Wenn ich Fast-Food und All-you-can-eat meinem Körper nicht mehr zumuten möchte, muss ich nicht hungern. Ich fange vielleicht an, bewußter zu essen und zu trinken und zu atmen. Und bewußter mit meiner Zeit umzugehen. „Ich würde gerne aus meinem Hamsterrad raus“, „Mein Leben ist total überfrachtet und durchorganisiert“, „Ich habe keine freie Zeit mehr für mich“, „Ich fühle mich leer und ausgelaugt“, „Was ich tue, macht irgendwie keinen Sinn“ – solche Sätze hören wir alle immer wieder. Von Menschen mit Karrieren und Reichtum. Sie fühlen sich trotzdem nicht reich und nicht frei.

Es erwächst daher allenthalben das Bedürfnis nach einem Genuss der höheren Art, wenn man sich auf den Verzicht einläßt. „Slowing“ „Simplifying“, „Downshifting“ sind Modebegriffe der Entschleunigungsbewegung geworden, also derjenigen, die das Leben bewusster und in seiner Tiefe erleben möchten. Es ist eine neue Sehnsucht nach Tiefe und Langsamkeit, nach Eigentlichkeit und Selbsterkenntnis. Diese Form der kultivierten Askese entgiftet und entschlackt, entlastet und befreit. Aber sie entwickelt auch Formen der Ästhetik, Kommunikation und Kultur dabei, so finden Leben und Lassen auf feine Art neu zueinander.

Dr. Christian Harisch entstammt einer Hoteliersfamilie aus Kitzbühel und betreibt dort die Hotels Weisses Rössl und Hotel Schwarzer Adler, die seit über 100 Jahren im Familienbesitz sind. Er hat nach seiner Ausbildung als Touristik-Kaufmann Jura studiert. Seit 1998 ist er Geschäftsführer und Miteigentümer des Lanserhof. Das Gesundheitsresort mit vier Standorten in Deutschland, Österreich und Großbritannien gehört zu den führenden der Welt. Das Unternehmen hat über 300 Mitarbeiter. Harisch gilt als Vorreiter ganzheitlicher Medizin verbunden mit Naturheilverfahren. Seine Leidenschaft fürs Radfahren spiegelt sich in seiner Unterstützung im Profisport wieder, so fördert er mit dem Lanserhof seit Jahren das Tour de France-Team „Bora-hansgrohe“.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Komplize für rechten Terror

Was in Hanau passiert ist, ist mehr als Totschlag. Wir müssen es aussprechen: Es ist Massenmord. Es ist ein gezielter Angriff gegen Ausländer, Fremde, Nichtdeutsche. Egal wie man es nennt: Es war rassistischer und rechter Terror. Vielleicht war es ein Einzeltäter, aber er wurde getragen von eine

Eine Sterblichkeitsrate von 3,4 Prozent ist erschreckend hoch

Die WHO errechnet bei Coronavirus-Erkrankten eine hohe Mortalitätsrate von 3,4 Prozent. Italien meldet sogar fast 5 Prozent. Rechnerisch würden damit Millionen Todesfälle drohen. Doch Experten warnen vor falschen Hochrechnungen. Die Daten erzählen nur die halbe Wahrheit.

Neue Migrationskrise geht auf Kosten der Gesundheit der Bundesbürger

Jens Spahn hat Angst. Man musste nur die Körpersprache des Gesundheitsministers beobachten, wie er bei Maischberger am Tresen saß, um zu wissen: dieser Mann, der sich bis vor kurzem noch für Kanzlermaterial hielt, ist hilflos angesichts der Krise, der er sich gegenüber sieht. Hilflos, und heillo

Jetzt kommt Merkels große Wirtschaftskrise

In der deutschen Wirtschaft geht mittlerweile die Angst um - die Angst vor einer großen Wirtschaftskrise. Diese Krise wird kommen, und es wird zu erheblichen Teilen Merkels Wirtschaftskrise sein. Alle Schuld daran auf den drohenden Ausbruch einer Corona-Epidemie zu schieben – wie man es im Berlin

Die Ramelow-Partei will die Reichen erschießen

An diesem Wochenende trafen sich die Funktionäre der LINKEN in Kassel zu einem Strategieseminar. Auf dem Programm stand der „sozial-ökologische Systemwechsel“. Wie dieser von statten gehen soll, führte eine Funktionärin aus, nachdem sie ihre Ausführungen mit dem Satz: „Nach einer Revoluti

Merkels Rede wurde dem Ernst der Lage nicht gerecht

Leider wurde diese Rede dem von ihr selbst beschworenen Ernst der Lage nicht gerecht. Sie sagte doch tatsächlich: „Deutschland hat ein exzellentes Gesundheitssystem.“ War sie in den letzten Wochen in Urlaub?

Mobile Sliding Menu