Zeichen auf Sturm

von Christian Böhme13.07.2014Außenpolitik

Die Radikalen der Hamas nötigen Israel zu einem harten Gegenschlag. Doch daran, die Hamas endgültig zu stürzen, kann Jerusalem kein Interessse haben.

Allen Vorurteilen zum Trotz: Die Israelis sind kein kriegslüsternes Volk. Auch fehlt ihnen das immer wieder mit Verweis auf das Besatzungsregime nachgesagte Herrenmenschen-Gen. Sie haben gleichfalls keinen ausgeprägten Hang zur Unterdrückung oder zum Schikanieren, sind keine Wiedergänger der Nazis. Rassisten wie Nationalisten gibt es ebenso viele oder ebenso wenige wie in jedem anderen Land der Welt. Richtig ist allerdings: Israelis lieben das Leben, die Ruhe und den Frieden. Wie die meisten anderen Menschen auch. Ganz einfach.

Doch da gibt es ein Problem: Man lässt sie nicht. Immer wieder musste sich der jüdische Staat in den vergangenen 66 Jahren seiner Haut erwehren. Zurück ins Meer sollten die Juden getrieben werden. Nicht einmal, sondern mehrfach. Und so wurde aus den Israelis – auch mit dem plausiblen, historisch begründeten Willen, nie wieder Opfer zu sein – ein wehrhaftes Volk. Eines, das zudem allzu oft auf sich selbst gestellt ist, wenn es angegriffen wird. Und deshalb das Recht auf Selbstverteidigung als existenzielles Gut erachtet.

Zerstörung und Tod inklusive

Genau davon macht Israel derzeit Gebrauch. Denn nichts anderes ist der Raketenhagel, mit dem die Hamas vom Gazastreifen aus den verhassten Feind überzieht: ein Angriff auf den jüdischen Staat und die dort lebenden Menschen. Und als Regierungschef ist es Benjamin Netanjahus Aufgabe, dem etwas entgegenzusetzen. Täte er es nicht, sein Volk würde ihm Pflichtvergessenheit vorwerfen.
Nur: Wie weit darf, wie weit sollte, wie weit muss der Premier gehen? Reicht das jetzige Bombardement aus, um den Islamisten (wieder einmal) eine Lehre zu erteilen? Oder führt an einer umfassenden Bodenoffensive kein Weg vorbei? Und wenn ja, wie lautet das Ziel? Was kann davon erwartet werden? Über diese Fragen wird in Israel selbst derzeit viel geredet und noch mehr gestritten. Und von den Antworten hängt Israels Image und Netanjahus politisches Überleben ab. Kein Zweifel, das Land wie der Ministerpräsident stecken in einer Zwickmühle.

Denn in Jerusalem ist man sich völlig im Klaren darüber, dass Luftangriffe allein die Hamas wohl kaum zum Einlenken bewegen werden, schon gar nicht langfristig. Schließlich stehen die Islamisten mit dem Rücken zur Wand. Die enttäuschten Menschen im verarmten Gazastreifen wollen längst nichts mehr von ihnen wissen. Der Hamas mangelt es zudem an Geld und Verbündeten. Iran, Syrien, Ägypten – sie alle haben sich aus unterschiedlichen Gründen abgewendet.

Deshalb setzen die Islamisten auf den Dauerbeschuss Israels. Die Raketen sind so etwas wie ihr Lebenselixier. Sie sollen dabei helfen, beim Volk verloren gegangenes Ansehen wiederzuerlangen, um ihre bröckelnde Macht zu sichern. Und die abtrünnigen arabischen Brüder nötigen, ihnen endlich zu Hilfe zu eilen. Das alles auf dem ohnehin geschundenen Rücken der Menschen. Sie sind die Leidtragenden eines zynischen Kalküls, das allein darauf bedacht ist, Israel zu einem harten Gegenschlag zu nötigen. Not, Zerstörung und Tod inklusive.

Eine Art Somalia, ein zweites Syrien

Dazu gehört auch, Frauen, Kinder und Männer als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen und Abschussrampen für Raketen gezielt in Wohnanlagen aufzustellen. Weil das so ist, kann Israel eigentlich gar nicht umhin, vom Boden aus zu operieren, will es die militärische Infrastruktur der Hamas zerstören. Eine dauerhafte Wiederbesetzung des 2005 geräumten Küstenstreifens kommt allerdings nicht in Betracht. Zu groß der Aufwand, zu gering der Nutzen. Vielmehr wird es wohl in den nächsten Wochen Kommandoeinsätze geben, um die Hamas-Stellungen gezielt auszuschalten. Spezialeinheiten haben bereits erstmals Stellungen der Hamas attackiert und sich gleich wieder zurückgezogen.

Für Netanjahu hätte dieses Vorgehen zwei Vorteile. Zum einen hielte sich vermutlich die Empörung der Weltöffentlichkeit einigermaßen in Grenzen. Nicht, dass Israel großen Wert auf die Zustimmung der Staatengemeinschaft legte. Aber die Isolation des Landes muss ja nicht um jeden Preis vorangetrieben werden. Zum anderen würde der Premier mit einer begrenzten Bodenoffensive Hardlinern in seinem Kabinett wie Wirtschaftsminister Naftali Bennett zumindest etwas entgegenkommen. Die fordern nämlich, die Hamas endgültig zu stürzen.

Doch daran kann Jerusalem (bei aller begründeten Abneigung gegenüber den Islamisten) kein Interesse haben. Denn es drohte dann ein Auseinanderbrechen des Gazastreifens. Der Küstenstreifen könnte ein völlig unkontrollierbarer Tummelplatz für Terroristen jeder Art werden. Eine Art Somalia, ein zweites Syrien unmittelbar vor Israels Haustür – eine schreckliche Vorstellung.

Zeichen stehen auf Sturm

Allerdings weiß Netanjahu nur zu gut, dass er die Hamas keinesfalls ungeschoren davon kommen lassen kann. Viele Israelis sind nicht mehr bereit, den Dauerbeschuss mit Raketen hinzunehmen. Sie haben es satt, sich tagtäglich darüber Gedanken machen zu müssen, ob ihre Kinder wohlbehalten von der Schule nach Hause zurückkehren.

Als Israel 2005 den Gazastreifen räumte, gab es die Hoffnung, dass man im Gegenzug für die Aufgabe des Landes Ruhe bekommen würde. Daraus ist nichts geworden. Im Gegenteil. Alle Appelle an die Hamas und andere extremistische Gruppen, die Hand von den Raketen zu lassen, haben nichts gebracht. Nun stehen die Zeichen auf Sturm. Der ewige Nahostkonflikt geht in die nächste Runde. Es sei denn, die Hamas nimmt Vernunft an und stellt dauerhaft ihre Angriffe ein. Oder Israel verzichtet aus seiner Position der Stärke heraus, als ein auf Humanität beruhendes demokratisches Gemeinwesen ostentativ auf weitere Gewalt.

Aber vielleicht ist das unter den derzeitigen Gegebenheiten etwas zu viel verlangt.

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