Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Ein Souvenir

Arafats vermutlicher Polonium-Tod dient vor allem an Marktständen als Gesprächsstoff. Handfeste Folgen für das Verhältnis zwischen Israel und Palästina werden die neuen Erkenntnisse kaum haben.

An Jassir Arafat kommt im Westjordanland niemand vorbei. In jedem Büro der Autonomiebehörde hängt ein Bild von ihm an der Wand, an jedem Marktstand kann man sich mit Andenken an den legendären PLO-Chef eindecken. Wahlweise als Poster, Button, Basecap oder Teetasse. Nun, neun Jahre nach seinem rätselhaften Tod in einem Militärkrankenhaus bei Paris, ist der Name des früheren Enfant terrible der Weltpolitik wieder einmal in aller Munde.

Grund dafür ist ein Gutachten, das vor Kurzem in der fernen Schweiz vorgestellt wurde – und scheinbar all das bestätigt, was viele Palästinenser schon immer zu wissen glaubten: Ihr Idol mit der obligatorischen Kafiya auf dem Kopf wurde ermordet. Genauer gesagt durch Polonium 210 vergiftet. Mit „moderater“ Wahrscheinlichkeit, so schreiben die Forscher vom Institut für Radiophysik in Lausanne, sei Arafats Tod auf eine Überdosis der strahlenden Substanz zurückzuführen.

Von Arafat ging keine Gefahr für Israel aus

Allerdings machen die Experten keine Angaben über mögliche Täter. Das ist aus Sicht der Palästinenser und ihrer Regierung auch gar nicht nötig. Denn für sie steht fest: Allein das hochgerüstete Israel kommt als Drahtzieher eines Anschlags infrage. Dass die „Zionisten“ in Jerusalem jede Beteiligung an einem Anschlag abstreiten – wenn kümmert’s? Denen ist ja ohnehin nicht über den Weg zu trauen. Ginge es nach dem Willen einiger Führungsmitglieder der PLO, würde sich deshalb rasch eine internationale Untersuchungskommission des Falls annehmen. „Denn das Verbrechen kann nur von einem Staat begangen worden sein.“ Ergo Israel. Punkt. Schluss. Aus. Ende der Debatte.

Nur: Für diesen Vorwurf gibt es bislang keinerlei Belege, geschweige denn handfeste Beweise. Allein schon die Plausibilität spricht dagegen, dass der jüdische Staat seine Hand im mörderischen Spiel hatte. Es gab weder Grund noch Anlass, Arafat gewaltsam aus dem Weg zu räumen. Als dieser 2004 die Erlaubnis bekam, aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands nach Paris zu reisen, war er politisch bereits weitgehend am Ende. Der Palästinenserpräsident stand – israelische Soldaten und Panzer vor der Haustür – in seinem Hauptquartier in Ramallah quasi unter Hausarrest, war also gleichermaßen bedeutungs- wie einflusslos. Von ihm ging aus Sicht Jerusalems kaum noch Gefahr aus. Warum hätte Israel einem alternden Patriarchen Schaden zufügen sollen?

Vielleicht sollte deshalb das geradezu ohrenbetäubende Schweigen der derzeitigen Palästinenserführung einen stutzig machen. Trotz der Nachricht, dass der einstige Held einem Mordkomplott zum Opfer gefallen sein könnte, halten sich Mahmud Abbas und Co. mit Angriffen auf Israel auffallend zurück. Kein Geschrei, kein Geschimpfe, keine Drohungen. Merkwürdig, oder? Es sei denn, man möchte zu viel Aufmerksamkeit tunlichst vermeiden. Denn Gründe, Arafat zu beseitigen, hatten nicht zuletzt Rivalen in den eigenen Reihen.

Dessen Führungsstil war so berüchtigt wie umstritten. Mal gab’s Wutausbrüche, mal Ohrfeigen für die Gefolgsleute. Zuweilen zückte er sogar seine Pistole und fuchtelte mit ihr wild in der Gegend herum. So macht man sich unbeliebt. Hinzu kommt die Korruption. Arafat soll sich ziemlich schamlos bereichert haben. Internationale Hilfsgelder in Millionenhöhe sind womöglich auf seinen Privatkonten gelandet.

Held aus grauer Vorzeit

Da kann es kaum überraschen, dass immer wieder davon die Rede war (und ist), der PLO-Altvordere könnte einer Intrige höchster palästinensischer Kreise zum Opfer gefallen sein. Selbst Arafats Witwe Suha hat es nach Bekanntwerden des Schweizer Berichts vermieden, Israel des Mordes an ihrem Mann zu bezichtigen. Schließlich traut sie der jetzigen Führung in Ramallah viel Schlechtes zu, wie die 50-Jährige bereits mehrfach angedeutet hat.

Dass die Regierenden um Präsident Abbas dem Polonium-Befund geflissentlich wenig Bedeutung beimessen, hat womöglich noch einen weiteren Grund. Der hängt mit ihrer eigenen Zukunft und der eines Palästinenserstaates zusammen: Wegen eines nicht zweifelsfrei bewiesenen Mordes an einem Helden aus grauer Vorzeit ist niemand bereit, die derzeit laufenden Verhandlungen mit Israel platzen zu lassen. Arafats mysteriöses Schicksal mag früher einmal als Propagandainstrument getaugt haben. Heute wird seiner einstigen Bedeutung überwiegend an Markständen Rechnung getragen. Als Souvenir.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Christian Böhme: Vom Brandherd zum Feuerball

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