Die wichtigste Begabung, um glauben zu können, ist der Sinn für das Schöne. Martin Walser

Vom Brandherd zum Feuerball

Bei einer Intervention in Syrien könnte auch Israel in den Konflikt verstrickt werden. Ein Horrorszenario droht – kein Wunder, dass Jerusalem sich bislang bedeckt hält.

Die Drohung ließ nicht lange auf sich warten. Kaum hatten die USA angekündigt, der mutmaßliche Einsatz von Giftgas durch das Regime von Baschar al-Assad werde „bestraft“, tönte Irans Parlamentspräsident Ali Laridschani: „Wir warnen den Westen: Im Falle eines Krieges in Syrien sollten sie sich auch um ihr illegitimes Kind (Israel) in der Region große Sorgen machen.“ Nun ist Säbelrasseln im Nahen Osten schon immer ein fester Bestandteil diplomatischer Gefechte. Und Teheran versteht sich bestens darauf, mit Worten Schrecken zu verbreiten.

Nur: So angespannt wie derzeit war die Lage in der notorischen Krisenregion schon lange nicht mehr. Die Zeichen stehen auf Sturm. Sollten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten tatsächlich Angriffe gegen syrische Ziele fliegen, kann heute kein Mensch ausschließen, dass dieser Brandherd einen regelrechten Feuerball entfacht. Und das könnte durchaus unabsehbare Folgen haben, gerade für Israel. Denn der jüdische Staat sieht sich von Kräften umgeben, die ihm alles andere als wohlgesinnt sind.

Dennoch ist man dort von Panik weit entfernt. Und das hat mehrere Gründe. Zum einen vertraut Israel auf die eigene Stärke. Zwar gilt die Armee selbst bei den eigenen Landsleuten nicht mehr als unbesiegbar. Aber an ihrer Schlagkraft wird kaum ernsthaft gezweifelt. Auch die Feinde des kleinen Staates – von Assad über die Mullahs in Teheran bis zur Hisbollah – wissen um dessen militärische Möglichkeiten. Damaskus zum Beispiel ist für Israels Kampfjets im Handumdrehen zu erreichen. Die Hochburgen der libanesischen Schiitenmiliz liegen ohnehin in Reichweite. Und wer hat schon Interesse, seinen eigenen Untergang heraufzubeschwören? So weit reichen weder Fanatismus noch politische Dogmen.

Vernunft ist im Nahen Osten rar gesät

Zum anderen sehen sich die Verantwortlichen in Jerusalem auf der „richtigen“ Seite. Schon lange fordert Israel, die Weltgemeinschaft müsse gegen den syrischen Autokraten vorgehen. Nicht nur wegen des Leids, dass er über sein Volk gebracht hat, sondern vor allem, weil Assad bekanntermaßen über ein riesiges Chemiewaffenarsenal verfügt – und offenbar auch bereit ist, Giftgas einzusetzen. Aus Israels Sicht wiegt allerdings fast noch schwerer, dass derartige Massenvernichtungswaffen in die Hände von islamistischen Extremisten gelangen könnten. Die Hisbollah im Besitz von Giftgas? Ein Horrorszenario.

Dennoch ist aus Jerusalem kein Kriegsgeheul zu hören. Diplomatisch geschickt betont Premier Benjamin Netanjahu geradezu gebetsmühlenartig, sein Land werde sich nicht in den Syrienkonflikt einmischen. Diese Haltung würde man nur dann aufgegeben, wenn es zu einem Angriff auf Israel käme. Diese demonstrative Zurückhaltung mag den einen oder anderen notorischen Kritiker des jüdischen Staates überraschen. Sie ist allerdings Resultat einer nüchternen Überlegung: Fraglos gehört Assad zu den Bösen. Aber immerhin ist klar, mit wem man es zu tun hat. Eine irgendwie dann doch berechenbare Größe, immerhin.

Ganz anders sieht es für die Nach-Assad-Zeit aus. Sollte der derzeitige Machthaber tatsächlich stürzen, spricht viel dafür, dass Islamisten die Macht übernehmen. Oder dass Syrien zerfällt und so zu einer Art Somalia vor Israels Haustür wird. Beides Vorstellungen, die den Verantwortlichen in Jerusalem kalte Schauer über den Rücken jagen. Also hält man sich geflissentlich in Sachen „Regime change“ zurück.

Ob das letztendlich hilft, Israel aus dem Konflikt so weit wie möglich herauszuhalten? Womöglich. Denn sogar die arabischen Widersacher können den Regierenden in Jerusalem schwerlich vorwerfen, sie würden den Konflikt anheizen. Zumindest gäbe es dafür keine plausiblen Argumente. Aber der Nahe Osten ist nun mal der Nahe Osten. Dort geben Ideologen den Ton an. Vernunft und Rücksichtnahme sucht man allzu oft vergebens. Wäre es anders, stünden die Zeichen jetzt nicht auf Krieg.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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