Post-Privacy bedeutet, sich nackt zu machen. Christian Heller

Mit Schirm, Hebel und Billionen

Europa spricht Krise und wir beherrschen das Euro-ABC nahezu perfekt. Dumm nur, dass wir dabei das Entscheidende übersehen.

Können Sie Krise? Aber klar doch, wird Ihr Gehirn sofort melden. Schließlich plagt man sich ja nun schon seit Jahren mit diesem vermaledeiten Euro, den Pleite-Griechen und der wundersamen Geldvermehrungen herum. Apropos. Wie viele Nullen hat eigentlich eine Billion? Okay, das dauert doch ganz schön ­lange. Nicht sechs oder neun, zwölf sind es.

Das Zögern sei Ihnen nachgesehen. Wir gehören nun mal nicht zu den Dagobert Ducks dieser Welt, die im Geld zu baden pflegen. Wir sind auch keine Politiker, die tagtäglich offenbar nichts anderes mehr zu tun haben, als verbal mit den Milliarden nur so um sich zu werfen. Und wie! Hier ein hübsches Sümmchen für die irischen Sorgenkinder, dort ein satter Nachschlag für die verarmten Spanier. Ich stelle mir bei solchen Nachrichten, die inzwischen zum Alltag gehören wie der Wetterbericht, stets die vermutlich dümmlich naive Frage: Gibt es dieses viele Geld überhaupt? Hat es einen realen Wert? Bestimmt nicht. Die ganze Krisenpolitik erinnert an die unendlichen Weiten des Internets – alles nur virtuell.

Allerdings –
 das Unwirkliche hat sich längst der 
realen Welt bemächtigt. Unsereins ist angesichts der Dauerkrise zum Wirtschafts- und Finanzexperten mutiert. Wir haben zwar nicht den Hauch einer Ahnung von der Materie, aber reden darüber im Biergarten in Bankermanier. Otto Normalbürger schwadroniert über Rettungsschirme, Hebelmechanismen, Staatsanleihen, Kreditwürdigkeit und Ratingagenturen, als sei es selbstverständlich. Der mit Metaphern aufgepumpte Krisensprech der Regierenden hat einen gewichtigen Teil 
unseres Sprachzentrums in 
Beschlag genommen.

EZB, EFSM, EFSF, ESM, IWF?

Merkwürdig eigentlich. Schirme schützen doch gemeinhin gegen Regen oder Sonne. Jetzt sollen sie klamme Länder vor Pleiten bewahren. Und der Hebel gehört in die Welt der Physik. Mit seiner Hilfe kann man stärker sein, als es die eigene Muskelkraft hergibt. Frappierend, dass diese Gesetzmäßigkeit heutzutage bei der Geldvermehrung zum Tragen kommt. Man nehme ein paar Milliarden Euro, setze alle Hebel in Bewegung, und schwuppdiwupp ist daraus eine Billion geworden. Da staunt der Laie, und selbst der Fachmann wundert sich. Klappt das womöglich sogar beim eigenen Girokonto? Dort siehts regelmäßig so aus wie in der griechischen Staatskasse.

Jetzt werden Sie einwenden: Alles eine Frage der Stabilität, der Haushaltdisziplin und des Schuldenabbaus. Stimmt. Doch im Großen, also bei den Staaten, klappt das ja auch nicht richtig. Die allerdings können mit EZB, EFSM, EFSF, ESM und IWF rechnen. Hoppla. EZB, EFSM, EFSF, ESM, IWF? Klingt nach Günther Jauchs Millionenfrage. Die Antwort sollte man also parat haben. Schließlich gehen uns Abkürzungen seit Jahren ziemlich flott über die Lippen. Die Eurokrise machts möglich, gibt uns ein Alibi, verbales Unwesen zu treiben. Die Sprache, sie besteht oft nur noch aus ein paar merkwürdig angeordneten Buchstaben. Im Grunde lebt man in einer Abkürzungsrepublik. Das vernebelt die Sinne. Und Rettung ist nicht in Sicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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