Mit Schirm, Hebel und Billionen

von Christian Böhme25.12.2012Gesellschaft & Kultur

Europa spricht Krise und wir beherrschen das Euro-ABC nahezu perfekt. Dumm nur, dass wir dabei das Entscheidende übersehen.

Können Sie Krise? Aber klar doch, wird Ihr Gehirn sofort melden. Schließlich plagt man sich ja nun schon seit Jahren mit diesem vermaledeiten Euro, “den Pleite-Griechen”:http://www.theeuropean.de/christian-boehme/12111-griechenland-bashing-von-dobrindt-soeder-und-co und der wundersamen Geldvermehrungen herum. Apropos. Wie viele Nullen hat eigentlich eine Billion? Okay, das dauert doch ganz schön ­lange. Nicht sechs oder neun, zwölf sind es.

Das Zögern sei Ihnen nachgesehen. Wir gehören nun mal nicht zu den Dagobert Ducks dieser Welt, die im Geld zu baden pflegen. Wir sind auch keine Politiker, die tagtäglich offenbar nichts anderes mehr zu tun haben, als verbal mit den Milliarden nur so um sich zu werfen. Und wie! Hier ein hübsches Sümmchen für die irischen Sorgenkinder, dort ein satter Nachschlag für die verarmten Spanier. Ich stelle mir bei solchen Nachrichten, die inzwischen zum Alltag gehören wie der Wetterbericht, stets die vermutlich dümmlich naive Frage: Gibt es dieses viele Geld überhaupt? Hat es einen realen Wert? Bestimmt nicht. Die ganze Krisenpolitik erinnert an die unendlichen Weiten des Internets – alles nur virtuell.

Allerdings –
 das Unwirkliche hat sich längst der 
realen Welt bemächtigt. Unsereins ist angesichts der Dauerkrise zum Wirtschafts- und Finanzexperten mutiert. Wir haben zwar nicht den Hauch einer Ahnung von der Materie, aber reden darüber im Biergarten in Bankermanier. Otto Normalbürger schwadroniert über “Rettungsschirme,”:http://www.theeuropean.de/wolf-christian-ulrich/12237-klage-gegen Hebelmechanismen, Staatsanleihen, Kreditwürdigkeit und Ratingagenturen, als sei es selbstverständlich. Der mit Metaphern aufgepumpte Krisensprech der Regierenden hat einen gewichtigen Teil 
unseres Sprachzentrums in 
Beschlag genommen.

EZB, EFSM, EFSF, ESM, IWF?

Merkwürdig eigentlich. Schirme schützen doch gemeinhin gegen Regen oder Sonne. Jetzt sollen sie klamme Länder vor Pleiten bewahren. Und der Hebel gehört in die Welt der Physik. Mit seiner Hilfe kann man stärker sein, als es die eigene Muskelkraft hergibt. Frappierend, dass diese Gesetzmäßigkeit heutzutage bei der Geldvermehrung zum Tragen kommt. Man nehme ein paar Milliarden Euro, setze alle Hebel in Bewegung, und schwuppdiwupp ist daraus eine Billion geworden. Da staunt der Laie, und selbst der Fachmann wundert sich. Klappt das womöglich sogar beim eigenen Girokonto? Dort siehts regelmäßig so aus wie in der griechischen Staatskasse.

Jetzt werden Sie einwenden: Alles eine Frage der Stabilität, der Haushaltdisziplin und des Schuldenabbaus. Stimmt. Doch im Großen, also bei den Staaten, klappt das ja auch nicht richtig. Die allerdings können mit EZB, EFSM, EFSF, ESM und IWF rechnen. Hoppla. EZB, EFSM, EFSF, ESM, IWF? Klingt nach Günther Jauchs Millionenfrage. Die Antwort sollte man also parat haben. Schließlich gehen uns Abkürzungen seit Jahren ziemlich flott über die Lippen. Die Eurokrise machts möglich, gibt uns ein Alibi, verbales Unwesen zu treiben. Die Sprache, sie besteht oft nur noch aus ein paar merkwürdig angeordneten Buchstaben. Im Grunde lebt man in einer Abkürzungsrepublik. Das vernebelt die Sinne. Und Rettung ist nicht in Sicht.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu