Europa ist viel mehr als Milchkühe und die Chemikalienrichtlinie. Angela Merkel

Ruhe bewahren

In Griechenland gilt Merkel als Wurzel allen Übels. Mit ihrem Besuch im Krisenland beweist sie Mut – und dass neue Zeiten anbrechen.

Wenn das keine Drohung ist. „Merkel kommt, um das korrupte, schändliche und unterwürfige politische System zu schützen. Wir werden ihr den Empfang bereiten, den sie verdient.“ Starke Worte, unfreundliche Worte, gefährliche Worte. Sie stammen von Alexis Tsipras, Chef der linksgerichteten Syriza-Partei. Der Grieche ist bekannt für seine Brachial-Rhetorik – gleichwohl spiegeln die Sätze wohl die miese Stimmung vieler seiner Landsleute wider.

Die Bundeskanzlerin ist für sie ein rotes Tuch. Angela Merkel wird persönlich dafür verantwortlich gemacht, dass den hochverschuldeten Hellenen das Sparwasser bis zum Hals steht. Einerseits ist das ungerecht. Den Druck erzeugt nicht Merkel allein. Es gibt einige, zum Teil sehr unzufriedene Geldgeber. Andererseits lassen die rigiden Auflagen in der Tat der Mehrzahl der Menschen kaum mehr Luft zum Atmen. Die Folgen: Verzweiflung, Enttäuschung, Hass. Und Wut. Die könnte sich, so wird befürchtet, beim heutigen Athen-Besuch Merkels auch in Gewalt entladen.

Friede, Freude, Feta

Dementsprechend nervös sind die Verantwortlichen. Die griechische Polizei will mit 7.000 Mann im Einsatz sein. Deutsche Einrichtungen wie das Goethe-Institut stehen unter besonderem Schutz. Der Flughafen und das Hotel, in dem die Kanzlerin wohnen wird, werden scharf bewacht. Ein Maximum an Sicherheitsvorkehrungen – das klingt weniger nach dem Sechs-Stunden-Aufenthalt einer Regierungschefin, sondern eher nach Furcht vor einem Bürgerkriegstag. So weit wird es hoffentlich nicht kommen. Dennoch gibt es keinen Zweifel: Merkels Griechenland-Besuch steht unter besonderen Vorzeichen.

Zum einen ist es ihr erster seit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise, er hat also große Symbolkraft. Auch wenn er reichlich spät kommt. Aber hätte ein früherer Termin irgendetwas an der Malaise grundsätzlich geändert? Unwahrscheinlich. Mit wem hätte Deutschlands Regierungschefin denn verhandeln sollen? Griechenlands politische Lage war (und ist) ähnlich instabil wie die ökonomische.

Zum anderen werden an die Stippvisite hohe, vermutlich allzu hohe Erwartungen geknüpft. Nicht nur von griechischer, sondern auch von deutscher Seite. Die Kanzlerin wird sie kaum erfüllen können, manche auch gar nicht erfüllen wollen. Dennoch muss man Angela Merkel schon jetzt bescheinigen: Sie beweist Mut, wenn sie trotz der angespannten Situation, trotz der zum Teil ehrverletzenden Verunglimpfungen und Anfeindungen jenes Land besucht, das am wirtschaftlichen Abgrund taumelt, ja vielleicht längst endgültig abgestürzt ist. Und noch etwas gilt es festzuhalten: Die deutsche Regierungschefin braucht keine Ratschläge, wie sie sich zu verhalten habe. Merkel weiß selbst ganz genau, wie heikel ihre Reise ist.

Da kommt es vor allem darauf an, die richtige Tonlage zu treffen. Ein paar verbale Zuckerbrote hier, einige dezente Wort-Peitschenhiebe dort. Hinter verschlossenen Türen, versteht sich. Merkel will ihre Visite zu Recht als öffentlichkeitswirksame Solidaritätsadresse an die griechische Regierung verstanden wissen. So wird Ministerpräsident Antonis Samaras vermutlich Lob für seine Reformanstrengungen bekommen. Und die deutsche Delegation wird ihm versichern, dass er weiterhin auf die Unterstützung Deutschlands und der EU zählen kann. Das meint Merkel auch ernst. Denn ihr ist – nach anfänglichem Zaudern – mittlerweile an einem Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone gelegen. Das Gegenteil hätte unabsehbare wirtschaftliche und politische Folgen. Für die europäische Gemeinschaft, die Einheits-Währung und die Bundesrepublik – Haftung für den ständigen Rettungsschirm hin oder her.

Dies bedeutet allerdings keineswegs, dass es in den Gesprächen nur um Friede, Freude und Feta gehen wird. Ohne überheblich die reiche, besserwisserische Tante zu geben, muss Merkel dem Kollegen Samaras klarmachen: Weitere Zugeständnisse bei der Geldvergabe kann es nicht geben. Die Auflagen der Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission müssen erfüllt werden, auch wenn sie noch so sehr schmerzen.

Hellenen-Bashing ist vorbei

Merkel ist Staatsfrau genug, um diese, zugegebenermaßen heikle, Aufgabe zu meistern. Und sie wird es auch wegstecken, dass viele Griechen ihr den Teufel an den Hals wünschen. Das Politikgeschäft ist eben ein hartes, oftmals ungerechtes. Doch das schreckt Merkel nicht ab. Sie tut das, was sie für notwendig und richtig hält. Ein Griechenland-Besuch gehört dazu – als Geste der Anerkennung für bereits Geleistetes.

Denn auch das macht Merkels Kurzreise klar: Die unseligen Zeiten des plumpen Hellenen-Bashings auch in den schwarz-gelben Reihen sind nun wirklich vorbei. Das dumpfbackige Drohen kann man deshalb getrost anderen überlassen. Zum Beispiel wütenden griechischen Oppositionspolitikern. Deren krisengeschüttelte Nerven liegen nun mal blank. Da hilft bekanntlich nur eines: Ruhe bewahren. Sechs Stunden Athen gehen schließlich auch irgendwann einmal vorbei.

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